Tierforschung

Ein sechster Sinn bei Hunden: Sie folgen dem inneren Kompass

Was spaßig aussieht hat auch einen ernsten Kern, das Magnetfeld wird auch von Hunden wahrgenommen. Hier posiert Goldi mit Prof. Hynek Burda vor einigen Jahren im Uni-Viertel. Gemeinsam mit dem damaligen Doktoranden Pascal Malkemper und Prof. Sabine Begall, Burdas Nachfolgerin in Essen. 

Was spaßig aussieht hat auch einen ernsten Kern, das Magnetfeld wird auch von Hunden wahrgenommen. Hier posiert Goldi mit Prof. Hynek Burda vor einigen Jahren im Uni-Viertel. Gemeinsam mit dem damaligen Doktoranden Pascal Malkemper und Prof. Sabine Begall, Burdas Nachfolgerin in Essen. 

Foto: Kerstin Kokoska / Essen

Essen/Prag. (An Ruhr und Moldau)  Hynek Burdas Forscherleben folgt einem klaren Kompass: Er erkundet den Magnetsinn und hat entdeckt: Dieser Sinn hilft Hunden beim Heimweg.

Eine Lebensaufgabe kennt keinen Ruhestand – und eine tierische Leidenschaft schon mal gar nicht. Hynek Burda ist Zoologe aus Leidenschaft. Seit Jahrzehnten. Einen bedeutenden Teil seines Forscherlebens hat der 68-Jährige an der Universität Duisburg-Essen zugebracht – und dabei seinen Forscherdrang klar ausgerichtet: Er erkundete den Magnetsinn. Denn, so die Erkenntnis des Forschers, viele Tiere haben einen solchen sechsten Sinn, der bei uns Menschen bislang nicht nachgewiesen wurde. Aber immerhin bei seinem besten Freund, dem Hund. Das jedenfalls legen die neuesten Forschungsergebnisse von Prof. Burda nahe.

Weil die deutschen Hochschulen sehr wohl einen Ruhestand kennen und Burda 2018 nach fast einem Vierteljahrhundert an der hiesigen Uni entpflichtet wurde, ist er in seine alte Heimat zurückgekehrt. An der Agraruni in Prag, am Lehrstuhl für Jagdwirtschaft und Wildtierbiologie, ist er nun aktiv – die Freude darüber, dass er seiner Forscherleidenschaft weiter nachspüren kann, ist ihm sogar in seinen Mails anzumerken. Und weil es an seiner Fakultät um Jagdwirtschaft geht, hat Burda nunmehr die Jagdhunde gewissermaßen wissenschaftlich angeleint. Er und seine Mitarbeiter haben sich mit der Frage beschäftigt, wie Jagdhunde sich in der ihnen unbekannten Umgebung orientieren und den Weg zurück finden.

Wenn der Jagdhund wieder zu Herrchen will, aktiviert er sein GPS

27 Hunde hat das Team mit GPS-Sensoren im Halsband versehen und ist mit ihnen über 600 mal in den Wald gegangen. Irgendwann wurden die Vierbeiner in den böhmischen Wäldern dann von der Leine gelassen und diese folgten dann oft der Duftnote des dortigen Wildbrets. Das jedoch konnten sie nicht erreichen – an irgendeinem Punkt brachen sie dann die Jagd ab und versuchten zu Herrchen oder Frauchen zurückzukehren.

Dabei, so Burda, gibt es zwei Strategien: Tracking oder Scouting. Tracking heißt schlicht: Der Hund läuft den gleichen Weg zurück, folgt also seiner eigenen Geruchsmarke. Scouting heißt: Er sucht sich einen neuen Weg, direkter zurück, ohne die Kurven und Haken, die er auf der Jagd nach der vermeintlichen Beute gemacht hat. Doch bevor er sich auf den Rückweg macht, geschieht eigentümliches: Der Hund nordet sich ein. Davon jedenfalls ist Burda überzeugt. Der Vierbeiner macht einen rund 20 Meter langen Lauf in Nord-Süd-Richtung – und biegt erst dann auf den meist sehr direkten Weg zurück ein.

Geschlecht und Rasse haben keine Auswirkungen

Für Burda ist der Befund klar, zumal die Forscher Augenhöhe, Windrichtung und Sonnenstand sorgfältig ausgeschlossen haben: Der kurze Lauf in Nord-Süd-Richtung wirft beim Hund das Magnet-Navi an – so wie beim Auto man auch erst ein kurzes Stück fahren muss, bis die Stimme im Navi weiß, wo es langgeht. Während Burda vor einigen Jahren einen Beitrag zur Evolutionstheorie noch mit einer Illustration von James Bond und seinen Gespielinnen illustrierte, ging es hier gendergerechter zu: 17 Hündinnen und zehn Rüden nahmen teil – und in ihrer Findigkeit sind sie einander ebenbürtig. Und für alle Fälle sei hinzugefügt: Die Findigkeit hing auch nicht von der Hunderasse ab.

Den Laien mag der Kompasssinn der Hunde überraschen – Burda eher nicht. Hat er doch, wie erwähnt, schon seit Jahrzehnten bei verschiedensten Tierarten nachgewiesen, dass sie den Magnetsinn haben. Von den unterirdisch lebenden Graumullen, die er in Afrika kennenlernte und sich fragte, wie die blinden Tiere unter der Erde die Röhren des Nachbarbaus finden, über die Brieftaube und die Kühe, die sich gern in Nord-Süd-Richtung auf die Wiese stellen oder legen. Wenn nicht, und auch das hat Burda erforscht und bei dem Jagdhundexperiment ausgeschlossen, Hochspannungsleitungen das Magnetfeld verändern. Dennoch gestattet sich Burda einen Hinweis: „ Privatleute sollten diese Versuche lieber nicht wiederholen, um nicht in den Konflikt mit dem Förster zu geraten.“

Ehrung mit dem Ig-Nobelpreis für Forschung übers Hundepinkeln

Schon vor Jahren kam Burda vor die Hunde und machte Fachwelt und Laien darauf aufmerksam, dass Hunde auch beim Reviermarkieren, vulgo beim Pinkeln, sich gern in Nord-Süd-Richtung stellen. Dafür erhielt er den Ig-Nobel-Preis, der besonders schräge, unter Skurrilitätsverdacht stehende Forschungen prämiert. Burda ficht derlei nicht an, er hat sich auch mit dieser Auszeichnung freudestrahlend öffentlich präsentiert. Und so kann man also auch ohne große Experimente in Hynek Burdas Forscherleben eindeutig einen sechsten Sinn nachweisen: den Sinn für feinen Humor.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben