Suizid von Jugendlichen

Junge Berater bekommen mehr als 120 Hilferufe pro Jahr

Ann-Marie (l.), Niko Brockerhoff und Chantal Abt von der U25-Suizidprävention der Caritas Gelsenkirchen helfen Jugendlichen, die mit ihrem Leben nicht mehr klarkommen.

Ann-Marie (l.), Niko Brockerhoff und Chantal Abt von der U25-Suizidprävention der Caritas Gelsenkirchen helfen Jugendlichen, die mit ihrem Leben nicht mehr klarkommen.

Foto: Fabian Strauch / FUNKE Foto Services

An Rhein und Ruhr.  Bei der U25-Online-Suizidprävention in Gelsenkirchen beraten junge Leute Gleichaltrige, die in einer schweren Krisensituation stecken.

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„Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll“, schreibt eine 14-Jährige. „Ich will dieses Auf und Ab nicht mehr. Ich will nur noch Stille um mich haben...“ Rund 120 solcher Hilferufe kommen jedes Jahr bei der „U25-Online-Suizidprävention“ in Gelsenkirchen an. Die Stelle deckt die gesamte Rhein-Ruhr-Region ab. Das Besondere an diesem Angebot: Alle ehrenamtlichen Berater sind jünger als 25 – so wie die Hilfesuchenden.

Das Prinzip funktioniert so ähnlich wie bei der guten alten Telefonseelsorge. Man kann sich an sie wenden und findet immer jemanden, der für einen da ist, der zuhört, stärkt und im besten Fall den Blick für eine neue Sichtweise auf die als höchst belastend empfundene Situation öffnet. „Irgendwann hat man gemerkt, dass die Unter-25-Jährigen sich nicht mehr an die klassischen Beratungsstellen wenden“, sagt Niko Brockerhoff. Der 24-Jährige ist hauptamtlicher Leiter der U25-Suizidprävention, die in Gelsenkirchen unter dem Dach der katholischen Caritas arbeitet. So wurde die Idee geboren, ein Angebot von jungen Menschen für junge Menschen aufzubauen. Statt per Telefon wenden sich die Hilfesuchenden per Mail an die Berater.

Sie hat selbst eine Krise erlebt

Ann-Marie ist eine von 18 Ehrenamtlichen im Team. Weil Anonymität ein Prinzip der Arbeit ist, wird ihr Nachname hier nicht genannt. „Ich will etwas zurückgeben“, sagt die 23-Jährige: „Ich habe selbst erlebt, wie wichtig es in einer Lebenskrise ist, wenn jemand da ist. Ich will für Leute da sein, die niemanden sonst haben.“

Als sie 13 war, hat sie bei einem Feuer-Unfall im Chemieunterricht schwerste Verbrennungen erlitten. Auf der Intensivstation kämpfte sie um ihr Leben, lag lange im Krankenhaus. „Meine Eltern waren jeden Tag da, und meine beste Freundin hat sich sogar vom Unterricht befreien lassen, um mir am Krankenbett beizustehen.“ Das wird sie nie vergessen.

Als dann eine Projektleiterin in ihrer Pfadfindergruppe nach Freiwilligen für die Suizid-Präventionsarbeit suchte, hat Ann-Marie sich sofort gemeldet. Drei Monate dauerte die Ausbildung. Sie lernte viel über Depressionen, über Ursachen von Suizidgedanken, über die verschiedenen Arten der Ansprache und Beratung. Und sie lernte, auf sich selbst zu blicken, auf eigene Stärken und Schwächen, auf Auslöser persönlicher Krisen. Dazu wurden immer wieder Testmails beantwortet und in der Gruppe besprochen.

Das gibt zusätzlich Sicherheit

Eine aufwendige Ausbildung. „Bei uns arbeiten Ehrenamtliche. Aber sie sind keine Laien“, sagt der studierte Sozialarbeiter

Brockerhoff. Und bevor eine Mail abgeschickt wird, schauen die Hauptamtlichen noch mal drüber. „Das ist keine Kontrolle. Das gibt aber eine zusätzliche Sicherheit“, erläutert Chantal Abt, die bei der Caritas neben dem Studium arbeitet und sie Supervision der U25-Seelsorger betreut. Zweimal im Monat kommen alle zusammen, um Erfahrungen auszutauschen, schwierige Fälle zu besprechen und persönliche Belastungen abzuarbeiten.

„Bei aller Nähe, die durch den intensiven Kontakt entsteht, muss man sich auch abgrenzen können“, sagt Ann-Marie. Mit einer Mailerin tauscht sie sich schon seit vier Jahren aus. Ein persönliches Treffen mit ihr wird es nicht geben, das Prinzip der Anonymität wird hochgehalten. Klar ist auch: „Ich bin nicht beste Freundin, ich bleibe Beraterin.“

In fast allen Fällen gelingt es, den Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich an die Suizidprävention wenden, neue Sichtweisen und neue Wege aus der Krisensituation aufzuzeigen. Immer gelingt das aber nicht. Im Frühjahr hat sich eine Mutter bei den U25ern gemeldet. Nach dem Suizid ihrer Tochter hat sie auf deren Rechner den Mailverkehr entdeckt. „Sie hat sich bei uns dafür bedankt, dass wir ihre Tochter in der schweren Zeit bis zum Ende begleitet haben“, sagt Niko Brockerhoff.

>>> Hintergrund: Suizid von Jugendlichen

Jeden Tag sterben in Deutschland zwei Jugendliche durch Suizid. Nach dem Unfalltod ist Suizid die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen.

Auf der Homepage www.u25-gelsenkirchen.de können sich Betroffene über einen Benutzernamen anonym und kostenlos registrieren. Die Erstmail wird innerhalb von 48 Stunden beantwortet, weitere Mails spätestens innerhalb einer Woche.

Wenn Sie selbst Suizidgedanken haben und schnell einen Gesprächspartner suchen, können Sie sich 365 Tage im Jahr rund um die Uhr kostenlos an die Telefonseelsorge wenden unter
0800 1110111

oder

0800 1110222

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Die U25-Suizidprävention Gelsenkirchen gehört zu den acht Gewinnern des diesjährigen Solidaritätspreises von Freddy-Fischer-Stiftung und NRZ. Die Preise werden am 4. Juli überreicht.

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