Schicksalsschlag

Nach schwerem Unfall - Wie eine Kita gegen die Trauer kämpft

Kita-Kinder lernen Friedhofsrituale kennen und setzen auf dem "Insektenfriedhof" Insekten in selbst gebastelten Minisärgen bei. So ist vor zwei Jahren eine Gelsenkirchener Kita das Thema Tod und Trauer angegangen. /

Kita-Kinder lernen Friedhofsrituale kennen und setzen auf dem "Insektenfriedhof" Insekten in selbst gebastelten Minisärgen bei. So ist vor zwei Jahren eine Gelsenkirchener Kita das Thema Tod und Trauer angegangen. /

Foto: Olaf Ziegler / Funke Foto Services GmbH

Emmerich.  Wie sage ich es den Kindern? Eine Emmericher Kita holte sich Hilfe, als sie mit den Folgen eines dramatischen Unfalls konfrontiert wurde.

Das Schicksal schlug am ersten Tag der Herbstferien zu. Eine 32-Jährige gerät auf einer Landstraße bei Emmerich in den Gegenverkehr. Ihr Corsa kollidiert mit einem Krankenwagen. Mit im Wagen: ihre drei Kinder. Der sechs Monate alte Säugling stirbt noch an der Unfallstelle. Die Sechsjährige: schwer verletzt, genauso wie die Mutter. Die Dreijährige liegt wochenlang im Koma, dem Tod näher als dem Leben, wird schwerstbehindert bleiben. Die Sechsjährige, ebenfalls schwer verletzt, wird Monate der Reha und der Therapien brauchen.

Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen, heißt es in einem Kirchenlied. Meist streifen wir den Gedanken ab wie einen lästigen schwarzen Schleier. Was aber, wenn er zu schwer lastet? Die Kindertagesstätte „Am Polderbusch“ hat im Sommer die Sechsjährige in die Schule verabschiedet. Jetzt fragen die Kinder, wo Lisa (Name geändert), die Dreijährige, ist. Und warum sie nicht mehr kommt. Und bekommen mit, dass etwas Schreckliches geschehen ist.

Nach Unfall: Kita holte sich Hilfe

Die Leiterin der Kita hat sich und dem Erzieherinnenteam Hilfe geholt. Von einer Trauerbegleiterin und vom Pastoralreferenten der katholischen Gemeinde. Wie redet man mit Kindern über Krankheit und Tod? Auszüge eines Gesprächs zum Totensonntag.

Kerstin Kleen (53), Kita-Leiterin: Wir wussten schnell nach dem Unfall, dass die Familie ihre Kinder bei uns in der Einrichtung hat. Und wir erleben hier Familien, die mit den Betroffenen befreundet sind, und fragen: Wie sagen wir das unseren Kinder? Unser Sohn will jetzt die Lisa* (Name geändert) zum Geburtstag einladen.

Wir haben uns dagegen entschieden, eine Kerze in den Flur zu stellen, weil wir fürchteten, dass dann in kurzer Zeit da ganz viele Kerzen, Blumen und Stofftiere liegen. Wir haben 103 Kinder und die haben ein Recht, unbeschwert ein- und ausgehen zu können. Aber zum Morgenkreis gehört auch, zu fragen, wer ist da und wer fehlt. Und wenn Lisa wochenlang fehlt, merken die Kinder, ob sie die Erzieherin fragen können, was mit Lisa ist.

Für uns ist intensive Teamarbeit wichtig. Der Umgang mit Kindern mit Verlusterfahrungen muss gut aufgefangen werden – das kann nicht jeder und jede. Die eigene Biografie spielt in der Arbeit mit Kindern, mit Menschen generell, immer eine Rolle. Die Balance zu finden zwischen den eigenen Gefühlen und der professionellen Arbeit, ist eine Herausforderung.

Wenn die Kinder das verarbeiten, indem sie plötzlich „Autounfall“ spielen, müssen wir das zulassen und begleiten. Da muss die ein oder andere Erzieherin schlucken. Zwei Kolleginnen wären in solchen Situationen überfordert. Eine ist nie über den Verlust des Vaters hinweggekommen, die andere musste als Kind den Unfalltod ihrer Schwester miterleben. Notfalls tauschen Erzieherinnen, wenn Kinder den Unfall zum Thema machen. Aber egal, wie es Lisa am Ende geht: Sie wird in diese Kita zurückkehren.

Trauerbegleiterin: Kindern schreckliche Ereignisse nicht verschweigen

Rita Rahkob (59), ausgebildete Trauerbegleiterin: Verschweigen von schrecklichen Ereignissen vor Kindern, ist definitiv falsch, Kinder lauschen beim Telefonieren, bekommen mit, wie Erwachsene tuscheln. Sehen: Papa weint nur noch, die Oma kommt und weint auch. Von einem Moment auf den anderen ist alles anders, aber mir wird gesagt: „Geh du mal spielen.“

Aber Kinder wollen alles genau wissen – auch was der Tod ist. Deswegen müssen wir den Tod ins Leben holen, so früh wie möglich. Wir haben den Tod verdrängt in Krankenhäuser, ins Altenheim, ins Hospiz. Oft werden Kinder beschwindelt, weil man keine Zeit oder keine Kraft hat, darauf einzugehen. Kinder müssen aber den Raum bekommen, über ihre Ängste und Verunsicherung zu sprechen.

Sagen Sie nie: Oma ist eingeschlafen,. Dann denken Kinder: Was, wenn ich einschlafe? Wichtig ist, dass in trauernden Familien Menschen da sind, die auf die Kinder eingehen und es ermöglichen, dass diese auch mal unbeschwert spielen können – und nicht trauern müssen. Kinder leben im Moment, in ihrer Plötzlichkeit. Kinder springen in Pfützen, in Trauerpfützen, und einen Moment später lachen sie sich kaputt.

Kinder sollen an Beerdigungen teilnehmen

Meine Trauer ist nicht die Trauer des Kindes. Bis zum sechsten, siebten Lebensjahr haben Kinder magisches Denken, verstecken sich unter der Bettdecke, beten und sagen: Lieber Gott, wenn ich die Augen wieder aufmache, ist Oma wieder da. Für Kinder ist nichts schlimmer, als wenn sie in die Kita kommen und der Erzieherin laufen beim Kontakt die Tränen herunter. Dann denkt es: „Oh, daran bin ich auch noch Schuld.“ Ein Kita-Kind weiß: Mama gibt mich morgens ab, aber sie kommt wieder. Wenn Mama nicht kommt, wartet das Kind. Mama kommt bestimmt später. Erst mit etwa zehn Jahren begreifen Kinder, dass es Abschiede gibt, die endgültig sind.

Kindern hilft es, wenn sie an Beerdigungen teilnehmen können, aber nicht müssen. Vielleicht mögen sie es, den Sarg zu gestalten oder etwas zu basteln, das mit ins Grab gegeben wird. Vielleicht mag ein älteres Kind gern Einladungskarten zur Beerdigung gestalten.

Matthias Lattek (39), Pastoralreferent: Ich habe von dem Unglück noch am gleichen Abend erfahren. Ich bin am Tag darauf hierher gefahren, um für die Erzieherinnen und Erzieher ansprechbar zu sein. Wenn wir darüber sprechen, den Tod ins Leben zu holen, ist es wichtig, dass Kinder merken, dass Erwachsene Gefühle wie Trauer, Zorn, Wut in sich zulassen und zeigen. Das erleichtert es Kindern, die eigenen Gefühle zuzulassen.

Wir müssen uns klar werden, dass wir sterblich sind. Das sagt sich so leicht. Aber nur, wenn wir den Tod akzeptieren, kommen wir dazu, bewusst zu leben. Ich stand schon als Messdiener fast jede Woche an einem Grab. Ich weiß, in welcher Reihenfolge Menschen hinter der Urne her gehen und wann welches Gebet gesprochen wird. Solche Rituale geben oft Halt.

Pastoralreferent: Meschen brauchen Bilder und Symbole

Heute ist das vielfach freier. Das ist einerseits gut, schafft aber andererseits oft Unsicherheit, was für mich als Trauernder das Richtige, das Passende ist. Dann bin ich bei Fragen der Gestaltung, nicht aber bei mir und meiner Trauer. Daher hilft es, wenn der oder die Verstorbene zu Lebzeiten darüber gesprochen hat, wie die Trauerfeier aussehen soll.

Menschen brauchen Bilder und Symbole. Wir stellen Kerzen auf, als urtümliche Symbole. Kinder haben schnell Hoffnungsbilder vom Himmel, in denen sie voll aufgehen. Wir Erwachsene lehnen diese Bilder oft als kindlich ab – obwohl wir nicht viel anderes haben. Erlösung, Gerechtigkeit, Befreiung vom Leid – das ist nur abstrakter. Bei der Trauerarbeit komme ich nicht sofort mit Himmel, Auferstehung und Hoffnung um die Ecke. Sondern ich versuche den Anderen wahrzunehmen mit seiner Trauer, Ohnmacht und Sprachlosigkeit. Das muss ich aushalten und nicht einfach sagen: Morgen scheint wieder die Sonne, die Zeit heilt alle Wunden oder Jesus wird’s schon richten. Dann nehme ich den anderen nicht ernst.

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