Insekten gucken in Steyl

Es kitzelt und krabbelt

Sind so dünne Beinchen… Einen etwas anderen Blick in die Welt der Insekten – das bietet das Missiemuseum in Steyl an.

Sind so dünne Beinchen… Einen etwas anderen Blick in die Welt der Insekten – das bietet das Missiemuseum in Steyl an.

Foto: Bart Beurskens / Missiemusuem Steyl

Steyl.  Wenn es kribbelt ist es genau richtig: Das Missiemuseum in Steyl (bei Venlo) wagt einen ungewöhnlichen Blick in die Welt der Krabbeltiere.

Gänsehaut. Weil es – gefühlt – überall krabbelt und kribbelt und kleine Tierchen mit langen dünnen Beinchen unterwegs sind. Das ist natürlich Quatsch – die Tierchen haben ihre aktive Zeit auf Erden lange schon hinter sich und sitzen fein konserviert hinter Glas – aber irgendwie…

Das Missiemuseum in niederländischen Steyl (nahe Venlo) beherbergt Hunderte, ach was, Tausende von ordentlich und akkurat präparierten Insekten aus aller Welt. Die meisten schlummern in großen Schubladen, viele kann man aber auch in gläsernen Schaukästen anschauen – und man erstaunt und wird fast ein bisschen ehrfürchtig, wenn man sieht, was für zarte, feine und wunderschöne Wesen das sind, die wir meist achtlos übersehen oder genervt plattschlagen, wenn sie um unsere Ohren flattern.

Ausstellung zumKulturraum Niederrhein-Projekt

Im Rahmen des „Kulturraum Niederrhein“-Projektes „Neuland – terra incognita“ hat das Missiemuseum in Steyl seine über 100 Jahre alte Insektensammlung aufgepeppt – mit einer sehr kleinen aber doch ganz intensiven, informativen und Staunen machenden Zusatz-Ausstellung: „Zie Ze Vliegen – Kriijg de Kriebels!“ – und, sehr aufmerksam, alle Infos gibt es sehr ausführlich auch auf Deutsch dazu.

Passend in Zeiten, in denen vom Insektensterben die Rede ist – und auf der anderen Seite Insekten als Lebensmittel immer populärer werden.

Zur Ausstellungseröffnung haben die Niederländer gar einen Koch vor Ort gehabt, der Insekten zubereitet hat – mal geröstet, mal als proteinhaltige Pasta zubereitet, mal als Heuschrecken-Bonbon serviert, mal gab’s einen Mehlwurm-Burger – der Kreativität sind da kaum Grenzen gesetzt.

Bruder Berchmanssammelte von 1901-1934

Daran dachte Bruder Berchmans natürlich noch nicht, als er 1901 begann, die große Insekten-Kollektion des Missionsmuseums aufzubauen. Der Missionar hatte ein ganz anderes Ziel vor Augen: Er wollte den Menschen am Niederrhein zeigen, was für tolle Lebensformen die Natur in aller Welt hervorbringt. Bis 1934 hat der fromme Mann so um die 1100 Schmetterlinge, 1300 Käfer und viele weitere krabbelnde oder summende und surrende Lebensformen aus aller Welt präpariert. http://missiemuseumsteyl.nl/de/missionsmuseum-steyl/

Das würde man heute gewiss so nicht mehr tun – und doch ist es ganz anders, wenn man sich ein Insekt hinter Glas anschaut statt auf dem Computer-Bildschirm. Wussten Sie, dass Insekten rückwärts fliegen können? Oder dass Insekten bis zu 1000 Flügelschläge in einer Sekunde schaffen? Oder dass ein Floh seine Geschwindigkeit 30 mal schneller steigern kann als ein Space-Shuttle – und dass ein Floh 600 mal in der Stunde springen kann, ohne zu ermüden? Wie oft, denken Sie, können Sie hoch springen, ohne müde zu werden...?

http://www.niederrhein-museen.de/

„Ohne Insekten ist das Leben auf der Erde nicht möglich“, sagt Jos de Kunder. Der Mann koordiniert die Euregio-Projekte in der Provinz Limburg und arbeitet da seit vielen Jahren auch eng mit dem Kulturraum Niederrhein zusammen. Die kleine Wechselausstellung kombiniere die alte Sammlung mit aktuellen Ideen und Entwicklungen – ein Museum soll ja auch durch die und mit der Zeit gehen.

„In den Niederlanden sind in den letzten 30 Jahren 75 Prozent der Insekten verschwunden“, erklärt Ans Gommans vom Missiemuseum. Von den 76 in den Niederlanden vorkommenden Schmetterlingsarten sind 15 Arten verschwunden, 32, also 41 Prozent, gelten als gefährdet.

Auch da kann eine naturkundliche Sammlung den Blick schärfen – für die Schönheit und das Besondere der Natur – und für die Notwenigkeit ihres Schutzes und Bewahrung – und wenn es nur darum geht, das Überleben der Menschheit nicht zu verspielen.

Ein Heuschrecken-Brötchenzum Frühstück?

Falls Sie sich nicht daran gewöhnen mögen, künftig zum Frühstück ein gesundes, eiweißhaltiges Heuschrecken-Brötchen zu verzehren – Ans Gommans hat da ganz ernüchternde Zahlen parat: „Jeder Mensch isst im Laufe eines Jahres unbemerkt etwa ein Pfund Insekten.“

Der rosa Farbstoff auf der Kuchenglasur etwa oder in rotgefärbten Getränken wird aus Läusen gewonnen (heißt im Fachjargon unauffällig E-120 oder Karminsäure). Nicht alles in einer Konservendose mit Mais etwa ist Mais – beim Ernten greifen die Maschinen beherzt zu – und erwischen alles Mögliche an Getier. Und in 200 Gramm Tomatenketchup lassen sich im Schnitt drei Fruchtfliegenlarven finden...

Keine Sorge, die Ausstellung im Missiemuseum in Steyl ist nicht fies – im Gegenteil. Es gibt viel zu entdecken (auch für Kinder), man kommt ins Nachdenken und Staunen. Und man kann viel von den Insekten lernen – so versuchen Wissenschaftler gerade herauszufinden, wie Schlupfwespen es schaffen, „um die Ecke“ zu stechen und ihre Eier an den unzugänglichsten Stellen abzulegen – das wäre für die Weiterentwicklung gewisser Operationstechniken wahrlich ein Segen.

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