Es war im Sommer '61

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FUSSBALL. Der SV Neukirchen ließ seinen Gegner im entscheidenen Spiel warten - und machte den Zweitliga-Aufstieg perfekt.

NEUKIRCHEN-VLUYN. Vier Spieltage noch. Ein Punkt Vorsprung vor dem Tabellenzweiten. Kurzum: Es sieht trotz des jüngsten Unentschiedens gut aus für die Fußballer vom SV Neukirchen. Der Sprung aus der Bezirks- in die Landesliga steht bevor. Allen Unkenrufen und fußballerischen Aberglauben-Regeln zum Trotz; von wegen, "den Tag nicht vor dem Abend loben" und nicht vor dem Abpfiff jubeln. Doch mit diesem möglichen Aufstieg ist der sportliche Höhepunkt in den 87 Jahren der Vereinsgeschichte noch lange nicht erreicht. Diese historische Latte liegt viel höher.

Wir schreiben das Jahr 1961 - oder besser die Fußball-Saison 1960/61. Der SV Neukirchen spielt in der Verbandsliga. 1956 als damals höchste Liga des Fußballverbandes Niederrhein gegründet, ist es gleichzeitig die dritthöchste Spielklasse im deutschen Fußball.

Das neue, für die damalige Zeit hochmoderne Stadion, die "Kampfbahn Klingerhuf", war in Neukirchen 1952 fertig. Zur Platzeinweihung spielte der Deutsche Fußball-Amateur-Vizemeister Homberger SV - aus dem später durch eine Fusion der VfB Homberg wurde - gegen den 1. FC Kaiserslautern, der unter anderem mit den späteren Weltmeistern Ottmar Walter, Horst Eckel, Werner Liebrich und Werner Kohlmeier auflief, erinnert sich Werner Schütte. Er hat die Chronik zum 75-jährigen Vereinsjubiläum geschrieben.

18 000 Besucher kamen damals zu dem Spiel - Neukirchen-Vluyn zählte Ende der 1960er-, Anfang der 70er-Jahre gerade mal 20 000 Einwohner.

Zurück zu 1961: Der SVN liegt am Ende der Verbandsliga-Saison punktgleich mit dem VfB Lohberg auf Platz zwei. Ein Entscheidungsspiel musste her. Auf neutralem Platz, in Mülheim-Styrum.

Den Bus zur Kabine gemacht

An einem wunderbaren Sommertag machten sich die beiden Teams samt Fans dorthin auf. Die A 40 gab's noch nicht, doch unzählige Fans wollten sich diese Partie nicht entgehen lassen. Folge: Die Straßen Richtung Mülheimer Stadion waren dicht, Stau. Und der Bus mit der Neukirchener Mannschaft steckte mittendrin. Kurzerhand beschlossen Trainer Hennes Hoffmann und die Mannschaft, dass sie sich im Bus umziehen sollten.

Um 19 Uhr sollte der Anpfiff sein - doch das Entscheidungsspiel begann eine Viertelstunde später, weil der Gegner fehlte. Die SVN-Kicker kletterten schließlich im Sportdress aus dem Bus, liefen auf den Platz - und gewannen 2:1. Neukirchen war Niederrheinmeister, stieg in die 2. Liga West, in den bezahlten Fußball auf.

Die Aufstiegsmannschaft wurde komplett unter Vertrag genommen, dazu kam unter anderem Topspieler Franz "Penny" Islacker von Rot-Weiss Essen. Im ersten Zweitliga-Jahr holte der SVN gegen Teams wie VfL Bochum vier, gegen Essen drei, gegen Bayer Leverkusen zwei Punkte. Bei der Zwei-Punkte-Regelung. Neukirchen war am Ende der Saison Fünfter. Zum Heimspiel gegen Essen kamen 13 000 Zuschauer, ansonsten waren es immer 5000 bis 7000 Fans.

Dann wurde 1963 die Bundesliga eingeführt, die 2. Liga West aufgelöst. Der Modus war, dass die ersten acht Zweitliga-Teams in der neuen Regionalliga antreten würden, die anderen Mannschaften mussten wieder in den Amateurligen spielen. "Penny" Islacker holte sich im Rückrundenspiel gegen Rot-Weiss Essen nach einer Tätlichkeit die Rote Karte ab und fehlte den Neukirchenern in der entscheidenden Phase der Saison. Am Ende stand der SVN auf Platz neun - einen Punkt hinter Rot-Weiss Essen. Lediglich zwei Jahre spielte Neukirchen dann noch in der Verbandsliga. Zuviele Spieler verließen den Verein.

Überhaupt war es nur möglich, die Top-Spieler in den Erfolgsjahren zu halten, weil die meisten Kicker Arbeitsverträge mit der Niederrheinische Bergwerks AG hatten. Die Vertragsamateure bekamen damals vom Verein 360 Mark. Das waren die niedrigsten Verträge. Doch die meisten Spieler verdienten gutes Geld auf der Neukirchener Zeche, die den SVN-Fußball kräftig unterstützte. So saßen damals im SVN-Vorstand unter anderem Paul Hofmann, der Koordinator zwischen dem Klub und der Zeche war und Kurt Wellershof, der als Betriebsführer über Tage alles abgesegnet hatte. Auch der Bus kam von der Zeche. Doch als die Niederrheinische Bergwerks AG 1969 in die Ruhrkohle AG überging, war es mit der "Unterstützung auf kurzem Weg" vorbei.

Immer mit dabei:

die Sportplatzkarte

Selbst nach 1963 machten sich zu den Auswärtsspielen immer noch 1000 Fans auf, den SVN zu unterstützen. "Da wurden Fahrgemeinschaften gegründet, das waren Familienausflüge," erzählt Werner Schütte. Immer dabei: die Aral-Sportplatzkarte. "Navigationssysteme gab es noch nicht", schmunzelt er. Die gibt es aber heute. Und nun hoffen die SVN-Kicker darauf, dass sie auf der Zielgerade Richtung Landesliga ebenfalls von ihren Fans unterstützt werden.

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