Landgericht

Kita-Prozess: Im Fall Greta werden die Plädoyers erwartet

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Der Angeklagten Sandra M. werden heimtückische Tötung sowie mehrfache Misshandlung von Schutzbefohlenen zur Last gelegt.

Der Angeklagten Sandra M. werden heimtückische Tötung sowie mehrfache Misshandlung von Schutzbefohlenen zur Last gelegt.

Foto: Olaf Fuhrmann / FUNKE Foto Services

An Rhein und Ruhr.  Der Prozess um das mutmaßlich getötete Kita-Kind Greta (3) nähert sich dem Ende. Am Donnerstag könnten bereits die Plädoyers gehalten werden.

Nach über drei Monaten geht der Prozess um die mutmaßliche Tötung von Kita-Kind Greta auf die Zielgerade zu. Es sei „im Bereich des Möglichen“, dass am Donnerstag bereits die Plädoyers gehalten werden, teilte Raimond Röttger, Sprecher des Landgerichts Mönchengladbach, in einer schriftlichen Ankündigung mit. Zunächst habe die Kammer jedoch über einen Beweisantrag der Nebenklage zu entscheiden.

In der vorangegangenen Sitzung am Montag stand erneut Gerichtsmedizinerin Dr. Anna Heger im Mittelpunkt. Gleich zu Beginn der Verhandlung stellte der Vorsitzende Richter Lothar Beckers klar: „Wir haben Sie heute hierhin gebeten, weil nicht wir offene Fragen haben, sondern die Anwälte der Angeklagten.“ Dass eine Vorerkrankung, Infektion oder gar Läuse zum Atemstillstand der kleinen Greta geführt haben könnten, wies Heger zurück. Die Anwälte von Sandra M. blieben jedoch hartnäckig.

Rückblick: Am 21. April 2020 wird das damals zweijährige Mädchen von der Kita „Am Steinkreis“ in Viersen mit Atemstillstand in ein Krankenhaus eingeliefert. Greta stirbt knapp zwei Wochen später an einem hypoxischen Hirnschaden. Im Zuge der Ermittlungen fällt der Verdacht schnell auf Erzieherin Sandra M.. Sie soll den Brustkorb von Greta zusammengedrückt haben. Es ist nicht der erste Zwischenfall: Zwischen dem 1. August 2017 und 21. April 2020 arbeitet die Angeklagte in vier Kitas. Überall kommt es zu ähnlichen Vorfällen. Der 25-Jährigen werden die heimtückische Tötung eines Kindes sowie die mehrfache Misshandlung von drei Schutzbefohlenen vorgeworfen.

Gerichtsmedizinerin Dr. Heger: Viren „klinisch nicht relevant“

Bereits in einer vorangegangenen Verhandlung hatte Gerichtsmedizinerin Heger auf deutliche Petechien – punktförmige Einblutungen an den Augen, Wangen und Schläfen des Mädchens – hingewiesen. Sie seien ein starker Hinweis auf eine Strangulation und hatten den Chefarzt der Viersener Klinik Ende April 2020 dazu veranlasst, Anzeige zu erstatten. Dass die Petechien durch Reanimationsmaßnahmen verursacht wurden, sei laut Heger unwahrscheinlich. Auch bei den drei anderen Kindern müsse von einer äußeren Gewalteinwirkung ausgegangen werden.

Am Montag gingen die Anwälte von Sandra M. auf Gretas Krankenakte ein: „Wir haben festgestellt, dass im Rahmen der Laboruntersuchung unterschiedliche Viren massenhaft aufgetreten sind.“ Die Gerichtsmedizinerin wies darauf hin, dass nach Angaben der Ärzte zum Einlieferungszeitpunkt kein größeres Infektionsgeschehen vorgelegen habe, das Ursache für einen plötzlichen Atemstillstand hätte sein können. Die Viren seien „klinisch nicht relevant“, so Heger. Verschiedene Entzündungswerte wie beispielsweise die weißen Blutkörperchen seien erst im Laufe der Behandlung angestiegen.

Auch zu Gretas Atemproblemen kurz nach der Geburt äußerten sich die Anwälte. Diese seien in Bezug auf einen plötzlichen Kindstod durchaus ein Risikofaktor, bestätigte Heger. „Aber mit drei Jahren ist das nicht mehr relevant. Da ist das Risiko vorbei.“ Die Verteidigung fokussierte sich im Anschluss auf Gretas Erkrankung an Gelbsucht, stellte Fragen zu verschiedenen Behandlungsmethoden und wollte unter anderem wissen, ob Läuse eine allergische Reaktion hätten hervorrufen können. Schließlich sei nachgewiesen worden, dass Greta Läuse hatte.

Nebenklage fordert Sicherheitsverwahrung und Berufsverbot

Heger wies die Einwände der Verteidigung zurück. Was allerdings nicht ausgeschlossen werde könne: „Es ist möglich, dass Greta an einem beginnenden Infekt laborierte.“ Das Mädchen habe im Laufe des Krankenhausaufenthalts Anzeichen einer Lungenentzündung entwickelt. Eine Probe am 21. Mai – dem Tag der Einlieferung – habe den Erreger enthalten. „Entzündungszellen sind aber erst am 22. Mai festgestellt worden“, erklärt die Gerichtsmedizinerin. Es gebe sehr viele Leute, nicht nur Kinder, die im Krankenhaus eine Lungenentzündung entwickelten, wenn sie intensivmedizinisch behandelt werden.

Die Angeklagte Sandra M. verfolgte die Ausführungen der Gerichtsmedizinerin ruhig und wortlos an der Seite ihrer Anwälte. Gelegentlich schrieb sie mit einem Kugelschreiber Notizen auf einen Zettel. Sie bestreitet weiterhin alle Vorwürfe. Im Fall einer Verurteilung droht ihr eine lebenslange Haft. Eine forensische Psychiaterin war bereits vor einigen Wochen zu dem Ergebnis gekommen, dass Sandra M. voll schuldfähig sei. Die 25-Jährige habe keine krankhafte Persönlichkeitsstörung.

Am Ende der Verhandlung meldete sich Marie Lingnau, die Anwältin von Gretas Mutter, zu Wort. „Wir hätten als Nebenklage geschlossen noch einen Antrag“, so Lingnau. Die Angeklagte habe einen „Hang zur Begehung erheblicher Straftaten“ offenbart. Im Laufe des Prozesses habe sich der Eindruck erhärtet, dass Sandra M. auch in Zukunft erneut straffällig werden könnte, sobald sich ihr die Möglichkeit bietet. Ein Sachverständiger solle deshalb prüfen, ob nach einer möglichen Verurteilung eine Sicherheitsverwahrung sowie ein Berufsverbot ratsam wären.

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