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Flugzeugabsturz 1957 in Düsseldorf: 8 Tote durch Leichtsinn

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Die Unglücksmaschine stürzte mitten in Düsseldorf-Derendorf ab.

Die Unglücksmaschine stürzte mitten in Düsseldorf-Derendorf ab.

Foto: Stadtarchiv Düsseldorf

Beim einzigen Absturz eines Flugzeuges in Düsseldorf nach dem Zweiten Weltkrieg am 3. November 1957 sterben acht Menschen – durch: Leichtsinn.

Der 3. November 1957 ist ein Sonntag für die Geschichtsbücher. An diesem Tag wird Laika, eine russische Hündin, als erstes Lebewesen der Erde mit Hilfe der Rakete Sputnik 2 in den Weltraum geschossen. Die Welt hält den Atem an, schaut gebannt wie gespannt nach oben. Am gleichen Sonntag sterben in Düsseldorf sieben Menschen nach einem Flugzeugabsturz. Am Tag danach ist ein weiteres, das achte Todesopfer, zu beklagen. Die Stadt ist wie gelähmt, ein Schock, Trauer.

Spitzenmeldung am Tag danach in den Weltnachrichten ist aber natürlich: Laika. Eine Husky-Terrier-Mischung, die eigentlich Kudrjawka heißt, übersetzt Löckchen, und zuvor irgendwo auf der Straße eingefangen wurde. Ein zufälliges Versuchstier.

Die Maschine stürzt kurz nach dem Start ab – mitten in Derendorf

In Düsseldorf, insbesondere im Stadtteil Derendorf, erinnert heute nichts mehr an den einzigen Absturz eines Flugzeuges nach dem Zweiten Weltkrieg in der Stadt. Auch im kollektiven Gedächtnis des Dorfes an der Düssel ist dieses schreckliche Ereignis kaum gespeichert. Vielleicht, weil dem Menschen an diesem schwarzen Sonntag zum wiederholten und nicht zum letzten Mal die Grenzen der Technik aufgezeigt wurden, auf brutale, tödliche Weise. So bitter und zynisch es auch klingt: Unglücke dieser Art gehören zur Geschichte der Luftfahrt dazu. Leider.

Es ist kurz vor sieben Uhr, als die DC-4 auf der Startbahn 15, die heute außer Betrieb ist, in Richtung Süden startet. Augenzeugen sehen, wie die Maschine rund 50 Meter an Höhe gewinnt, dann ausgerechnet über dem Nordfriedhof in einen Sinkflug übergeht. Der linke Flügel knallt gegen das ehemalige Finanzamt an der Golzheimer Straße, streift das Dach, das sofort in Flammen aufgeht. Das Flugzeug stürzt in eine Kleingartenanlage an der Rolandstraße, zerberstet und brennt aus. 120.000 Liter Kerosin strömen in die Kanalisation, es kommt zu Explosionen.

Es war ein Überseeflug von Düsseldorf nach New York geplant

Sechs Menschen kommen in der Unglücksmaschine um, eine Person verliert durch herumfliegende Trümmerteile am Boden ihr Leben, die Tochter des Firmeninhabers, die als Flugbegleiterin an Bord arbeitet, stirbt einen Tag später im Krankenhaus an ihren Verletzungen. Der zweite Kommandant, Flugkapitän Wolfgang Merzenich aus Düsseldorf, und die beiden einzigen Passagiere, das Ehepaar Hornbützer aus Wuppertal, überleben den Absturz der „Skymaster“, die über Reykjavik nach New York fliegen soll.

Drei Tage lang stochern zwölf Experten unter Leitung des Luftfahrt-Bundesamtes in Braunschweig in den Trümmern des viermotorigen Unglücksfliegers herum, der knapp zwei Minuten nach dem Start nur 3,7 Kilometer Luftlinie vom Flughafen in Lohausen entfernt im dicht besiedelten Derendorf abstürzt. Bei aller tödlichen Tragik: Es ist wie ein Wunder, das damals nicht alle Passagiere und viel mehr Einwohner sterben.

Als Ursache für die Katastrophe wird ein leichtsinniger Pilotenfehler ermittelt.

Eine Augenzeugin sieht das Unglück von ihrem Bett aus

Welches Drama sich an Bord und in der Luft abspielt, ist kurz darauf im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ nachzulesen. Die Überschrift des Artikels lautet: „Die Piloten-Probe“. Ein Hinweis, der andeutet, wohin diese Reise auf der Suche nach der Unglücksursache geht: in die grob fahrlässige Leichtsinnigkeit oder treffender: in den tödlichen Irrsinn.

Laut Untersuchungsbericht ist davon auszugehen, dass der Chef-Pilot seinen Co-Piloten testen will. Deshalb schaltet er zwei der vier Motoren absichtlich ab und fährt zusätzlich noch die Landeklappen ein. Ein verhängnisvolles Manöver. „Mitten über Düsseldorf übernahm der Tod das Steuer“, ist in der NRZ zu lesen.

Ebenso wird darin eine Augenzeugin zitiert, die dem Flugkapitän Karlheinz Stahnke eine letzte gute Tat nahelegt. „Ich glaube, der Pilot hat die Maschine im letzten Augenblick hier in die Gärten gedrückt. Er wusste ja, was geschehen musste, wenn er in unseren Häuserblock gerast wäre“, erzählt Frau Brenner von der Rolandstraße. Sie lag im Bett, hörte das Flugzeug heranheulen, setze sich auf und dachte, ihr „letztes Stündlein hat geschlagen“.

An diesem schwarzen Sonntag stirbt auch die Hündin Laika

Der Absturz ist der wirtschaftliche Niedergang für Karl Herfurtner, den Betreiber der Fluggesellschaft KHD. Zunächst weigert sich die Versicherung, für den Schaden zu bezahlen. Es geht dabei um rund zwei Millionen Mark. Dann stornieren die Reisebüros die Aufträge für die Unglücksfirma. Es ist das Aus für die Karl Herfurtner Düsseldorf, kurz KHD, übrigens die einzige Fluglinie bisher, die „Düsseldorf“ im Namen trug.

Mehr als 40 Jahre später wird endlich offiziell eingeräumt: An jenem 3. November 1957 stirbt auch Laika, die Mischlingshündin und unfreiwillige Weltraumpionierin. Es muss etwa zur gleichen Zeit wie der Absturz in Düsseldorf gewesen sein. Todesursache: Überhitzung.

Tipp zum Weiterlesen: eine Chronik über den Flughafen in Düsseldorf

Josef Krauthäuser, Flughafen Düsseldorf, 144 Seiten, Nara-Verlag, Allershausen, 25,90 Euro. Ein Kapitel dieser Chronik ist dem Absturz über Derendorf gewidmet.

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