75 Jahre NRZ

Friedensdorf Oberhausen: „Ort der Hoffnung und der Freude“

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75 Jahre NRZ - 1967: Friedensdorf Oberhausen wird gegründet

75 Jahre NRZ - 1967: Friedensdorf Oberhausen wird gegründet

75 Jahre NRZ: Engagierte Bürger gründen am 6. Juli 1967 das SOS-Friedensdorf in Oberhausen. Bis heute helfen sie Kindern aus Kriegsgebieten.

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Oberhausen/Dinslaken.  Das Friedensdorf Oberhausen ist 1967 gegründet worden. Die Arbeit ist wichtiger denn je: Kinder aus Kriegsgebieten werden hier behandelt.

Es war kalt an diesem Tag. Ly fühlte sich allein ohne seine Familie, die er in Vietnam zurücklassen musste. Er war verletzt, konnte kein Deutsch. Und doch war es sein Glückstag, wird er fast 50 Jahre später sagen. Ly kam wenige Jahre nach der Gründung des Oberhausener Friedensdorf im Juli 1967 ins Ruhrgebiet. In dieser Hilfseinrichtung sollten Wunden geheilt werden. Ein ehemaliger Leiter des Friedensdorfes, Ronald Gegenfurtner, hatte sich einst gewünscht, dass eine solche Einrichtung eines Tages nicht mehr gebraucht werden würde. Dieser Wunsch hat sich bis heute nicht erfüllt, im Gegenteil. Die Arbeit des Friedensdorfes ist wichtiger denn je. Denn statt Frieden gibt es mehr Kriege und Konflikte als Ende der 60er Jahre.

Vietnam, 1972. Es war nach dem Schulbesuch. Ein militärischer Angriff verletzte Ly schwer. Er verlor sein Augenlicht und beide Unterarme. Er lag im Krankenhaus, als die Friedensdorf-Gründer Fritz Berghaus und Peter Stöbe ihn besuchten und anboten, ihn zur Behandlung nach Deutschland zu holen. 1974 war es soweit.

Ly kam aus Vietnam nach Deutschland: „Ich liebe Friedensdorf!“

Ja, es war schwer, die Familie zu verlassen. „Aber es ist gut, dass ich nach Deutschland gekommen bin“, sagt Ly heute und betont: „Ich liebe Friedensdorf!“

In Essen, Remscheid und später in Marburg ist er operiert worden, lebte im Friedensdorf an der Stadtgrenze von Oberhausen und Dinslaken. „Damals standen nur ein paar Häuser“, sagt er. Dort wurde er betreut, bekam Essen („Das schmeckte gut“), lernte Deutsch. Die Idee des Friedensdorfes war seit jeher: Nach der erfolgreichen Genesung der durch Krieg kranken und verletzten Kinder, sollten sie in ihre Heimatländer zurückkehren.

Neue Regierung verweigerte Kindern aus Südvietnam die Einreise

Für Ly und einige anderen Kinder aus Vietnam kam es anders. Mit dem Ende des Vietnamkrieges 1975 wurde das Land unter nordvietnamesischer Führung wiedervereint. Die neue Regierung verweigerte den Kindern aus Südvietnam die Rückreise, die 100 Kinder und Jugendlichen mussten in Deutschland bleiben, weit weg von ihren Familien. Das Friedensdorf kümmerte sich um ihre Integration. Ly ging zur Schule, später auf eine Schule für Blinde, studierte später. Heute arbeitet er als Informatiker in Süddeutschland. Er ist glücklich und dem Friedensdorf dankbar, wie seine Familie auch.

Solche Geschichten sind es, die Wolfgang Mertens und die vielen hauptamtlich und ehrenamtlichen Mitarbeiter stolz machen. Mertens, einstiger stellvertretender Leiter des Friedensdorfes, erinnert sich an ein Mädchen aus Afghanistan. Ramsia, neun Jahre alt. Sie kam mit einer Knocheneiterung, doch in Deutschland stellte sich heraus: Die Kleine hat Krebs im Endstadium. „Sie hat‘s geschafft“, erinnert sich Wolfgang Mertens. Zum Abschied sagte sie, sie hoffe, dass sie nie wieder kommen müsse. „Ihr Kuffar, ihr Ungläubigen, ihr ward so nett. Ohne euch wäre ich gestorben.“ Dieser Satz ist mehr als ein Dank, es ist eine Art Friedensbotschaft. Und darum geht es dem Friedensdorf. Durch die Hilfe in Projekten vor Ort, bei der Einzelfallhilfe in Oberhausen und durch Aufklärungsarbeit in Schulen ein Stück Frieden zu stiften. „Fritz Berghaus hat gesagt: Wir dürfen nicht nur die Schlachtfelder aufräumen“, weiß Wolfgang Mertens.

Viel Unterstützung vom Niederrhein, aus dem Ruhrgebiet und ganz Deutschland

Mertens kam in den 70er Jahren als Zivildienstleistender her, inzwischen ist er in Rente, aber immer noch im und fürs Dorf aktiv. Auch wenn es ihn traurig macht, dass immer noch Kriege und Krisen ausbrechen und Frieden oft ein so weit entferntes Ziel ist, schöpft er durch die Arbeit Tag für Tag Hoffnung. „Das Dorf ist ein Ort der Hoffnung und der Freude, nicht der Depression.“ Es werde von Tausenden Schultern getragen. Von Ärzten, die ehrenamtlich operieren und heilen, von Krankenhäusern, die kostenlos Betten zur Verfügung stellen, vom Lions-Club, der Aktion Sternstunden des Bayerischen Rundfunks, von Friedensdorf-Freundeskreisen in Emmerich, Essen, Duisburg und in ganz Deutschland, die dabei helfen, Flüge für die Kinder zu finanzieren.

Wie vielen Kindern das Friedensdorf bis heute geholfen hat, weiß niemand, sagt Pressesprecherin Claudia Peppmüller. Es waren Tausende, die sich wie Ly ein Leben aufbauen konnten und direkt oder indirekt zu Friedensbotschaftern geworden sind. „Wer weiß, was ohne das Friedensdorf aus mir geworden wäre. Vielleicht wäre ich ein Bettler“, sagt Ly. „Oder tot.“

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