2020: Friedrich Engels Jahr

Friedrich Engels: Sein Opa Gerhard kam aus Wesel

Friedrich_Engels, wohl in seinen 30er Jahren. 

Friedrich_Engels, wohl in seinen 30er Jahren. 

Foto: Stadt Wuppertal

Wesel/Wuppertal.  Überraschung in der großen Friedrich-Engels-Ausstellung in Wuppertal: Opa Gerhard Bernhard van Haar kam aus Wesel. Eine vergessene Geschichte.

Wie das halt immer so ist, mit einem Hauch von Nichts. Die Wirkung ist anziehend. So auch beim Taufkleid hinter Glas, das den Besucher in die große Friedrich-Engels-Ausstellung in der Kunsthalle Barmen in Wuppertal lockt. Ein Traum aus Satin und Tüll, der heute noch in der Familie in Gebrauch sein soll.

Bloß nicht blenden lassen von diesem sündhaft teuren Stück Stoff, so wie sich auch Friedrich Engels einst nicht hat blenden lassen – vom unvorstellbaren Reichtum seines gleichnamigen Vaters, Mitinhaber der Baumwollspinnerei Ermen & Engels. Der Gewinn, den das Familienunternehmen bis zur Pleite im Januar 1979 erwirtschaftete, wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts aus der Ausbeutung seiner Arbeiter akkumuliert, wie Karl Marx wohl formuliert hätte.

Gerhard Bernhard van Haar, der Großvater aus Wesel

Wenn in dieser großartig bestückten und unbedingt sehenswerten Rückschau das glamouröse bis unkonventionelle Leben des Miterfinder des Kommismus nachgezeichnet wird, darf aus niederrheinischer Sicht eine kleine Randnotiz besonders erwähnt werden:

Ein paar Schritte hinter dem Taufkleid hängen zwei sorgsam ausgeleuchtete Ölgemälde, die auch knapp zwei Jahrhunderte später vor Großbürgerlichkeit nur so strotzen. Die beiden Bilderschinken stammen aus der Hand des Louis Krevel, einem typischen Porträtmaler seiner Zeit, dem Biedermeier.

Das Ehepaar, das er da auf der Leinwand in edel-rustikalen Holzrahmen verewigte, waren Franziska Christina van Haar, eine geborene Snethlage, sowie Gerhard Bernhard van Haar.

Friedrich Engels und sein Großvater: ein inniges Verhältnis

Ach nein, keine Bildungslücke. Wer eine Wand weiter aufmerksam den Mikrokosmos des jungen Friedrich Engels studiert, in Form von mehreren Köpfen, ergänzt um Namen, Lebensdaten, Geburts- und Sterbeorten – der findet, Überraschung!, eine familiäre Verbindung an den Niederrhein.

Schon bemerkenswert: Dieser Herr van Haar war der Großvater des späteren Revolutionsverführers. Es heißt sogar, dass Opa und Enkel „ein inniges Verhältnis“ pflegten. Die Beziehung zur Großmutter hingegen bleibt blass.

Nachgefragt bei Heike Ising-Alms, Kuratorin der Ausstellung – die auf eine Biografie über den jungen Friedrich Engels von Gustav Mayer aus dem Jahr 1920 verweist.

Hinweis auf die erwähnte Biografie: Gustav Mayer, Friedrich Engels in seiner Frühzeit. 1820 bis 1851, Julius Springer Verlag, Berlin, 1920. Auszugsweise kostenfrei im Internet bei Google Books nachzulesen: https://books.google.de/books/about/Friedrich_Engels_eine_Biographie.html?id=PDIPAwAAQBAJ&printsec=frontcover&source=kp_read_button&redir_esc=y#v=onepage&q&f=false

Engels: ein frühreifer Sprössling

Darin wird Gerhard Bernhard van Haar als „ein Original“ bezeichnet, „das sich jede Ungerechtigkeit mit starkem Temperament aufbäumte“. Ob sich daraus ein vererbter Charakterzug ableiten lässt, soll vertiefend den Hobbypsychologen überlassen werden.

Jedenfalls: Dem Schulrektor, der am 6. April 1760 in Wesel auf die Welt kam, verdankte Klein-Friedrich seine frühreife Bildung klassischer Art. In einem Gedicht, das er als 13-Jähriger seinem Opa schrieb, ist von vielen altertümlichen Sagen die Rede: von Theseus und dem hundertäugigen Argus, vom Minotaurus und dem goldenen Vlies, von Kadmos und Herkules.

Freimütig gestand der Sprössling auch ein, sich von dem Schulmann gerne helfen zu lassen, „wenn’s mit den Arbeiten gehapert“ hat.

Als der Fabrikantensohn 17 Jahre alt war, verstarb sein großväterlicher Lehrmeister: am 8. April 1837 im westfälischen Hamm. Hier hatte er – nach einer dreijährigen Anstellung in Dinslaken als sogenannter Informator – viele Jahre lang gelehrt, zuletzt als Leiter des Akademischen Gymnasiums, dem ältesten in der Stadt.

Mehr wird über ihn in der Ausstellung nicht erzählt – vertiefend sei an dieser Stelle auf den Katalog verwiesen, indem die engen Beziehungskisten der Engels’ und van Haars ausführlicher behandelt werden (siehe Artikel: „Mensch Friedrich, komm runter!“).

Van Haar, in Wesel – eher unbekannt

In Wesel übrigens ist wenig bis gar nicht bekannt, das der Stammbaum des Friedrich Engels bis hierher reicht. Vielleicht ist Stadtarchivar Martin Roelen gar der einzige, der noch davon weiß. Natürlich sagt ihm dieser Name etwas, bestätigt er auf eine entsprechende Nachfrage – und schiebt wenig später ein kurzes Biogramm über Gerhardus Bernhardus van Haar aus den Weseler Matrikeln hinterher.

Na ja, fügt er jedoch hinzu, weil van Haar früh nach Hamm gezogen sei, geriet er in seiner Geburtsstadt in Vergessenheit; bis er nun im Tal der Wupper wieder auftauchte.

Info: Ausstellung „Friedrich Engels“ in Wuppertal bis zum 20. September 2020

Die Ausstellung „Friedrich Engels. Ein Gespenst geht um in Europa“ ist nur noch bis Sonntag, 20. September 2020 in der Kunsthalle Barmen, Geschwister-Scholl-Platz 4-6 in Wuppertal zu sehen: Freitag 9-17 Uhr sowie Samstag und Sonntag 10-18 Uhr. Karten, acht Euro, müssen vorab via Internet gebucht werden: https://www.wuppertal.de/microsite/engels2020/veranstaltungen/content/sonderausstellung.php

Zusatz: Das Buch über Friedrich Engels, viel mehr als nur ein Katalog zur Ausstellung

Herrlich, diese Selbstironie, die Herausgeber Lars Bluma gleich zu Beginn zulässt. „Eine Unze Praxis ist besser als eine Tonne Theorie“, heißt es auf dem Einband des neuen, 248-seitigen Wälzers über Friedrich Engels. Ein Zitat jenes Mann, der über die Dialektik nicht bloß schlau zu schreiben wusste, sondern nebenbei auch selbst ein bald 75-jähriges Leben voller Gegensätze führte.

So wird bereits vor den vier und viel zu vielen Vorworten die angenehme Tonart dieses Buches deutlich: Nein, in diesem Begleitband zur großen Sonderausstellung über Friedrich Engels in der Kunsthalle Barmen wird dem „Denker, Macher und Wuppertaler“ nicht kritiklos ein neues Denkmal gesetzt; so eines steht schon seit sechs Jahren vor dessen Geburtshaus, bekanntlich ein nicht unumstrittenes Geschenk der Volksrepublik China.

Früher die Industrielle Revolution, heute die Digitale Revolution

a, dieser „republikanische Kommunist“, wie der Historiker Jürgen Herres ihn nennt, gehört wieder ins gesellschaftliches Gedächtnis gerückt, gerade im Zeitalter der Digitalen Revolution, deren Folgen durchaus mit denen der Industriellen Revolution zu vergleichen sind; Stichwort: Automatisierung und Niedriglohnkonkurrenz.

Mit diesem Band aus 16 Essays gelingt den Autorinnen und Autoren der Versuch, diesen Friedrich Engels, der bereits in seinen letzten Lebensjahren zu einer Ikone der Arbeiterbewegung stilisiert wurde, auf seinem ideellen Sockel etwas weniger pathetisch zurecht zu rücken. Keine Bange, zum Bildersturm setzen die Wissenschaftler, die übrigens ausnahmslos verständlich formulieren, nicht an – immerhin leuchten sie den Politiktheoretiker und Privatmenschen hinter dem Mythos aus.

Wenn letztlich auf die Wirkungsorte in dessen Heimat hingewiesen wird, schließt sich der Kreis. Praxis ist besser als Theorie: Hinfahren, wo Friedrich Engels nicht ganz folgenlos über die Wupper ging.

Lars Bluma (Hg.), Friedrich Engels. Ein Gespenst geht um in Europa, 248 Seiten, Bergischer Verlag, Wuppertal, 24 Euro

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