Interview zur Gender-Medizin

Gender-Medizin: Frauen bekommen seltener ein neues Organ

| Lesedauer: 7 Minuten
Die Gender-Medizin der Uni Duisburg/Essen erforscht unterschiedliche Krankheitsbilder bei Männern und Frauen. Davon sollen beide Geschlechter profitieren.

Die Gender-Medizin der Uni Duisburg/Essen erforscht unterschiedliche Krankheitsbilder bei Männern und Frauen. Davon sollen beide Geschlechter profitieren.

Foto: Jens Kalaene / dpa

An Rhein und Ruhr.  In der Medizin wurde lange nicht zwischen den Geschlechtern unterschieden. Jetzt gibt es in Essen das Wahlfach Gender-Medizin. Wir klären, warum.

Männer erkranken oft schwerer an Covid als Frauen, müssen häufiger ins Krankenhaus und haben eine höhere Wahrscheinlichkeit an dem Virus zu sterben. So liegt in Deutschland die Sterberate von Männern durch Corona laut RKI bei 3,1 Prozent. Bei Frauen sind es 2,7 Prozent. Es gibt eindeutige biologische Unterschiede, die dafür sorgen, dass die Geschlechter unterschiedlich auf Krankheiten und Medikamente reagieren.


Aus diesem Grund wird die Gender-Medizin immer relevanter, meint auch die Universität Duisburg-Essen, die seit einem Jahr das Wahlfach Gender-Medizin für angehende Medizinerinnen und Mediziner anbietet. Prof. Dr. Anke Hinney und Dr. Andrea Kindler-Röhrborn sind Mitglieder des Essener Kollegs für Geschlechterforschung und maßgeblich an der Gestaltung der entsprechenden Lehrpläne beteiligt. Beide Wissenschaftlerinnen sind in ihren Forschungen auf geschlechterspezifische Unterschiede gestoßen. Kindler-Röhrborn arbeitet in der Krebsforschung und Hinney im Bereich der Essstörung.

Wie kam es zu dem Wahlfach „Gender Medizin“ in Essen?

Hinney: Wir beide haben uns an dem Essener Kolleg für Geschlechterforschung kennengelernt und haben beide gesagt, das Thema ist eigentlich so spannend, dass wir versuchen, das in der Lehre hier zu verankern und ein Wahlfach für die Mediziner*innen anzubieten. Wir haben verschiedene Kolleg*innen angesprochen, ob sie nicht Genderaspekte in ihrem Bereich vorstellen wollen. Viele mussten erstmal überlegen, am Ende haben aber alle gemerkt, ja stimmt, ich habe die Unterschiede nur nicht berücksichtigt bislang. Mittlerweile wird es langsam bekannter, und wir werden von Kolleg*innen angesprochen, denen auch geschlechterspezifische Unterschiede in ihrer Forschung auffallen.

Es sind nicht nur einzelne Bereiche der Medizin betroffen. Manchmal ist es ein stärkerer und vor allem ein bekannterer Unterschied. Wenn ich als Mann Schmerzen in der Brust habe, denke ich an einen Herzinfarkt, aber wenn ich als Frau ganz andere Symptome habe, komme ich vielleicht gar nicht darauf, einen Herzinfarkt zu haben. Vor wenigen Jahren wussten das teilweise auch die Ärzt*innen nicht.

Aus aktuellem Anlass. Warum haben Männer häufiger einen gefährlichen Covid-Verlauf als Frauen?

Kindler-Röhrborn: Frauen habe ein stärkeres Immunsystem. Auf dem X-Chromosom liegen sehr viele Gene, die mit dem Immunsystem zu tun haben. Frauen haben im Gegensatz zu Männern zwei X-Chromosomen, also auch dort von jedem Gen zwei Kopien. Normalerweise ist ein Chromosom bei der Frau inaktiv, aber ein Teil der Gene kann der Inaktivität entkommen -- von diesen Genen haben Frauen dann zwei aktive Kopien. Eine Frau kann also bei einem Immunfaktor die zweifache Menge haben, verglichen mit einem Mann. Ein weiterer Grund: Auch die Ausprägung verschiedener Gene ist ganz stark von Hormonen gesteuert. Manche reagieren auf Östrogen, andere auf Testosteron. Das Immunsystem ist zum Teil durch Östrogen gesteuert. Frauen haben hier also einen Vorteil.

Woran liegt das?

Kindler-Röhrborn: Die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau haben selbstverständlich sehr viel mit der Reproduktion zu tun. Während der Evolution hat sich entwickelt, dass Frauen für ihre Schwangerschaften gut gerüstet sind und darüber hinaus langfristig die Versorgung der Kinder sicherstellen können. Das führt zu einem unterschiedlichen Stoffwechsel und einem relativen Schutz gegenüber verschiedenen Erkrankungen während der fruchtbaren Lebensjahre.



Hinney
: Die positiven Effekte werden dann in der Menopause teilweise wieder aufgehoben. Allerdings nicht komplett denn wir Frauen werden ja etwas älter, irgendeinen Vorteil müssen wir also auch dann noch haben.


Kindler-Röhrborn: Das stark ausgeprägte Immunsystem hat aber auch negative Auswirkungen, Frauen leiden deutlich häufiger an Autoimmunerkrankungen als Männer. Ihre Immunabwehr wendet sich gegen sie, wie zum Beispiel bei der Hashimoto-Thyreoiditis. Das ist eine Autoimmunkrankheit, die zur chronischen Entzündung der Schilddrüse führt und zehn Prozent der Deutschen betrifft. Das sind bis zu 90 Prozent Frauen, aber nach der Menopause bessern sich einige dieser Erkrankungen.

Gib es noch Beispiele aus einem anderen Bereich?

Anke Hinney: Ein Beispiel, an das man nicht sofort denkt: bei der Organvergabe sind Frauen gleich doppelt benachteiligt. Eine Kollegin, Transplantationschirurgin, die an der Gendermedizin beteiligt ist, dachte am Anfang: „Gender - was geht mich das an?“. Bei der Organtransplantation wird erstmal nicht zwischen Geschlechtern unterschieden. Aber dann fiel ihr auf, Frauen bekommen zum Beispiel seltener eine Leber von einem männlichen Spender, weil diese meist größer ist und dann der Platz im Körper fehlt. Frauen haben es also schwerer ein Organ zu bekommen.

Sie sind quasi Universalspenderinnen, Männer Universalempfänger. Hinzu kommen Scores für die Transplantation, die den Platz auf der Warteliste bestimmen; auch hier sind Frauen je nach Organspende benachteiligt. Einfach gesagt: Wenn Mann und Frau gleich krank sind, lässt der Score Frauen gesünder aussehen. Dadurch landen sie nicht so weit oben auf der Liste und werden später transplantiert.

Es tauchen auch Probleme mit falsch dosierten Medikamenten auf?

Hinney: Bis vor kurzem gab es Zulassungen für Medikamente, obwohl nur Studien an Männern durchgeführt wurden. Das hatte praktische Gründe. Männer haben den Vorteil für diese Studien, dass sie nicht schwanger werden und keinen Zyklus haben. Die Studien sind damit einfacher durchzuführen. Mittlerweile müssen neue Medikamente auch an Frauen getestet werden, was die Sicherheit für Frauen erhöht. Allerdings werden bereits lang eingeführte Medikamente nicht nachträglich an Frauen getestet. So weiß man bei vielen Medikamenten auch heute nicht, ob man sie falsch dosiert oder ob sie bei Frauen sogar schädlich sind.


Kindler-Röhrborn: Manche Medikamente wurden nur an Männern getestet, hätten aber wunderbar für Frauen vermarktet werden können. Weil sie bei Frauen wirksamer oder nebenwirkungsärmer sind als bei Männern.

Ist Gender-Medizin also besonders wichtig für Frauen?

Kindler-Röhrborn: Nein, das kann man so nicht sagen. Viele Erkrankungen werden auch übersehen, weil man sie bei Männern nicht erwartet. Zum Beispiel haben nicht wenige Männer im späteren Leben Osteoporose. Im Alter brechen sich nicht wenige Leute den Hüftkopf; bei ca. 30 % der betroffenen männlichen Patienten ist eine Osteoporose der Grund, der übersehen wird, da dies als reine Frauenkrankheit gilt. Ein anderes Beispiel ist der Brustkrebs, der beim Mann zwar sehr selten ist, aber häufig zu spät entdeckt wird. Es gib aufgrund der Seltenheit keine Vorsorgeuntersuchung, wie die regelmäßigen Mammographien bei Frauen. Zudem ist das Thema schambesetzt; welcher Mann möchte gerne zur Mammografie gehen?


Hinney: Gender-Medizin ist nicht nur für Frauen wichtig, auch wenn das oft so klingt.


Kinder-Röhrborn: Es geht darum, dass es beiden Geschlechtern besser geht.

Wie wird das Fach aufgenommen. Wie viele Männer waren denn dabei?

Hinney: Sagen wir es mal so, in der ersten Runde war ein Mann dabei. Da ist noch einiges zu tun würde ich sagen.

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