Klima-Demos

Gewaltsamer und friedlicher Protest am Tagebau Garzweiler

Aktivisten laufen in Richtung Tagebau Garzweiler II.

Aktivisten laufen in Richtung Tagebau Garzweiler II.

Foto: David Young / dpa

Aachen/Erkelenz.  Bei den Klima-Demos im Rheinischen Braunkohle-Revier haben Aktivisten auch Bahngleise blockiert und einen Tagebau gestürmt.

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Plötzlich geht alles ganz schnell. Es ist kurz nach 13 Uhr am Samstagnachmittag. Mehrere Hundert Demonstranten, bekleidet mit weißen Overalls, sprinten in Höhe des Ortes Lützerath auf einmal los. Sie überraschen die vielen Polizisten und schaffen es, durch deren lange Kette zu brechen. Über ein langes Feldstück, auf dem kniehohe Pflanzen wuchern, rennen die Demonstranten in Richtung Tagebau Garzweiler II. Dort die Bagger zu besetzen ist das Ziel des Bündnisses „Ende Gelände“.

Der Weg für die Demonstranten dorthin ist lang. Nach ein paar Hundert Metern schaffen es einige Polizisten, sich vor die Gruppe zu setzen. Die Beamten setzen Pfefferspray und Pferde ein, um die Demonstranten zurückzuhalten. Die Lage gerät für eine kurze Zeit außer Kontrolle. Einige Aktivisten lassen sich mit keinen Mittel zurückhalten. Sie gelangen fast bis an die Kante, die herunter zum Tagebau führt. Erst dort schaffen es die Beamten, die Situation wieder zu beruhigen. Ein Polizeikessel schließt sich um die Aktivisten, die sich sofort hinsetzen und sich mit silber-goldenen Rettungsdecken vor der Sonne schützen. „Sie befinden sich im Bereich der Abraum-Kante. In diesem Gebiet besteht Lebensgefahr“, tönt es aus den Lautsprechern der Polizei. Die Demonstranten jubeln, sie haben es schon weit geschafft.

Improvisierte Zelte aus Stöcken und Planen

Klimaschützer stürmen Tagebau

Ein entspannteres Bild zeigt sich am Samstagmorgen an anderer Stelle. Seit Freitagabend besetzen mehrere Hundert Menschen die Bahnstrecke, über die das RWE-Kraftwerk Neurath seinen Nachschub bezieht. „This is just the beginning, Heute Kohle, Morgen Kapitalismus, By 2020 we rise up“, steht auf einem riesigen Plakat, dass die Demonstranten von Bahnmast zu Bahnmast gespannt haben. Mit langen Stöcken und großen Planen haben sich die Aktivisten ihre kurzweiligen Unterkünfte gebaut.

„Die erste Nacht war angenehm. Das aufgestellte Licht der Polizei war glücklicherweise nicht so hell“, erzählt ein 17-Jähriger Demonstrant, der den Spitznamen Fortuna trägt. Mit seiner Luftmatratze hat er sich genau zwischen die Schienen gelegt. Der junge Berliner war am Freitag mit den meisten anderen Aktivisten von Viersen aus in Richtung Neurath losgezogen: „Das war ein äußerst langes Stück, wir sind bestimmt 20 Kilometer zu Fuß gegangen. Das schlaucht.“ Er wünsche sich einen deutlich schnelleren Ausstieg aus der Kohle, deshalb nehme er an den Protesten teil.

Friedlicher und entschiedener Protest

Aktivisten von Ende Gelände stürmen Tagebau Garzweiler

Ein ähnliches Motiv treibt auch die 26-Jährige Birk an, deren Gesicht durch rote Farbe und eine tiefschwarze Sonnenbrille fast nicht zu identifizieren ist: „Wenn die ökologischen und sozialen Fragen mal miteinander verknüpft werden und nicht nur getrennt voneinander betrachtet werden. Damit wäre uns schon geholfen.“ Warum findet sie es denn richtig für so eine Forderung eine Bahnstrecke zu blockieren? „Ich glaube, dass Regeln übertreten werden müssen, um zu zeigen, dass auch die Politiker mit vielen ihrer Gesetze Fehler machen“, so die 26-Jährige. Wenn die Polizei sich entschließen sollte, die Schienen zu räumen, werde sie keinen Widerstand zeigen und das Camp friedlich verlassen.

Das sehen zwei Anfang 20-jährige Männer zwanzig Meter weiter vollkommen anders: „Die Polizei wird es schwer haben, uns hier wegzubekommen. Im Notfall können wir uns auch wehren.“ Die beiden sind froh, dass durch immer größere werdende Aktionen, wie beispielsweise „Fridays-for-Future“, die Aufmerksamkeit zunehmend auf die Umweltpolitik gelegt wird.

Von Paris bis nach Neurath

Klimaschützer blockieren Kohletransporte

Dieser Gedanke scheint auch Demonstranten aus anderen Ländern zu den Aktionen von „Ende Gelände“ und anderen Bündnissen zu treiben. Die Französin Luna ist aus Paris nach Neurath gekommen. Die 18-jährige stellt ihren Couscous-Salat mit Brot kurz zur Seite und erzählt, warum sie für ihre erste Demonstration bis nach Deutschland gereist ist: „Ich finde es wird endlich Zeit, etwas zu unternehmen. Durch Aktionen wie solche können wir möglicherweise den Druck auf die Politiker erhöhen, dass sie endlich klimafreundlichere Politik betreiben.“

Außerdem sei so eine Blockade doch eine gute Möglichkeit, um für weitere Demonstrationen zu üben, fügt Luna hinzu. Sie werde so lange wie möglich auf den Schienen bleiben. Aber wenn die Polizei anrückt, gehe sie friedlich.

Mehrere Polizisten verletzt

Garzweiler- Demonstranten im Tagebau

Zu diesem besonnen Auftreten ließen sich einige Gruppierungen von „Ende Gelände“ nicht hinreißen. In Höhe Lützerath schafften es zwar nur sehr wenige Aktivisten in den Tagebau. Eine Gruppe von mehreren Hundert gelangte allerdings in der Nähe des Aussichtspunkts Jackerath in die steile Grube, bei der Stürmung wurden nach Angaben der Polizei mehrere Polizisten verletzt. Die Aktivisten hatten sich anfangs der friedlichen „Fridays-For-Future“ angeschlossen, die tausende Teilnehmer zählte. Im Tagebau bekam die Polizei die Lage schnell unter Kontrolle, RWE stoppte trotzdem, nach Angaben eines Sprechers, zunächst vier von sechs Produktionseinheiten inklusive Baggern aus Sicherheitsgründen.

Nach einigen Stunden entschloss sich die Polizei, den Tagebau zu räumen. Diese Maßnahme dauert wahrscheinlich noch bis in die Nacht zu Sonntag an. Auf den Schienen in Neurath dürfte die Stimmung derweil noch entspannt sein. Dort können die Demonstranten vorerst bleiben.

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