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Graefenthal-Prozess: Fünfjährige Haftstrafe für „Propheten“

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Im sogenannten Graefenthal-Prozess vor dem Landgericht in Kleve wurde am Donnerstag das Urteil verkündet. (Archivfoto)

Im sogenannten Graefenthal-Prozess vor dem Landgericht in Kleve wurde am Donnerstag das Urteil verkündet. (Archivfoto)

Foto: Caroline Seidel / dpa

Kleve.  Im Prozess gegen den „Propheten“ einer Religionsgemeinschaft ist das Urteil gefallen. Der Angeklagte muss wegen 21-fachen Missbrauchs in Haft.

Schuldig! Zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilte das Landgericht Kleve am Donnerstagabend den selbsternannten Propheten der Sekte „Orden der Transformanten“. Nach Ansicht des Gerichts hat der 59 Jahre alte Niederländer sich des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern in 19 Fällen, sexuellen Missbrauchs in einem Fall sowie des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen in einem weiteren Fall schuldig gemacht.

Mit dem Schuldspruch endete ein spektakulärer Prozess, der allerdings von seinem Beginn an im Juni weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Erst die Urteilsbegründung am heutigen Tage brachte etwas mehr Licht in die obskuren Vorgänge um die aus den Niederlanden – aus Brabant – stammende Glaubensgemeinschaft, die sich vor neun Jahren auf dem Gelände des Klosters Graefenthal in Goch-Asperden niedergelassen hatte.

Zentrale Figur der Sekte ist der Niederländer, der sich selbst als Prophet bezeichnet. Die 7. große Strafkammer unter Vorsitz von Richter Christian Henckel analysierte diese Titulierung folgendermaßen: „Nach eigenem Verständnis sind Sie kein normaler Mensch. Sie sind ein fleischgewordener Engel. Sie sind derjenige, der es besser weiß als andere Menschen.“

Entjungferung um die Jahreswende 2007/2008

Zu diesem Selbstverständnis gehörte eine angebliche nächtliche Vision, derzufolge es für ein 13 Jahre altes Mädchen, das seiner Obhut anvertraut war, nun an der Zeit sei „erwachsen“ zu werden und sich mit ihm zu „verbinden“. Es folgte um die Jahreswende 2007/2008 die Entjungferung des Kindes, der sich eine Vielzahl weiterer Sexualakte an verschiedenen Orten der Welt anschloss. Weil die Transformanten sich verfolgt wähnten, gab es Aufenthalte auf Korsika, in Paris, in Neuseeland, in der Schweiz und in Südwestdeutschland.

Als die Sekte sich in Graefenthal niedergelassen hatte, begann die mittlerweile erwachsene Frau, die dort für die Gemeinschaft als Eventmanagerin arbeitete, eine Beziehung zu einem Gocher Geschäftsmann, dem sie sich anvertraute. Als der Eindruck entstand, sie werde gegen ihren Willen in dem Kloster festgehalten, kam es im Oktober vergangenen Jahres zu einem großen Polizeieinsatz, an dessen Ende die Frau die Örtlichkeit verließ und nicht wieder zu ihren Glaubensgenossen zurückkehrte.

Die Angaben, die sie nun vor Gericht zu dem lange zurückliegenden Geschehen machte, bildeten das Fundament für den Urteilsspruch. Die Kammer hatte keinen Zweifel daran, dass ihre Aussagen glaubwürdig sind. Die vielfältigen, von der Verteidigung vorgebrachten Einwände wurden in der mündlichen Begründung gleich mehrfach mit dem Wort „absurd“ charakterisiert.

Gericht wertete Ringe als Indiz

Neben der Aussage gab es noch einige Indizien, die das Gericht hervorhob. Beispielsweise sei bei einem Geschlechtsverkehr ein Kondom geplatzt, woraufhin die Frau die „Pille danach“ bekommen hatte. Nach Überzeugung der Kammer einzig, um die Schwangerschaft einer minderjährigen Frau zu verhindern.

Auch die beiden Ringe, die sowohl der Prophet wie auch die Frau trugen, dienten als Indiz. Sie hatten als Gravur beider Initialen sowie den lateinischen Sinnspruch: „Lieber sterben als besudelt werden“. Der Prophet schenkte seiner Frau den Ring, als er selbst 48 Jahre und sie 16 Jahre alt war – zur Untermauerung der Beziehung.

Bemerkenswert war nach Auffassung des Gerichts auch der Umstand, dass sich offenbar eine Beziehung zwischen der Frau und dem Sohn des Propheten angebahnt hatte, die dann aber untersagt wurde. Dies sei erfolgt, um dem Propheten die exklusive sexuelle Beziehung zu der Frau zu sichern. Das Opfer sei durch die pseudoreligiöse Überhöhung des Geschehens verblendet worden und habe die Taten zunächst als Hervorhebung ihrer Rolle innerhalb der Sekte verstanden. Dass es sich in Wahrheit um strafbare Pädophilie handelt, wurde auch mit dem Glaubensbekenntnis des Ordens, dem sogenannten „Dictum Dei“, gezielt verschleiert. Demnach gibt es neben dem tatsächlichen Alter auch ein Seelenalter, das nur der Prophet zu erkennen in der Lage sei.

Nebenkläger: Opfer und Familie sind jetzt erleichtert

Dr. Karl Haas, der als Nebenkläger das Opfer vertrat, wertete den Schuldspruch als angemessen: „Nun haben wir die traurige Gewissheit, dass schwere Straftaten begangen worden sind. Das Verfahren war für meine Mandantin und deren Familie insbesondere durch die lange Dauer sehr belastend, aber sie sind jetzt erleichtert darüber, dass der Gerechtigkeit Genüge getan worden ist.“

Der Prophet, der die Begründung des Gerichts häufig mit Kopfschütteln quittierte, verließ den Gerichtssaal, wie er gekommen war - als Häftling.

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