Haldern Pop Festival

Haldern Pop 2019: Was den Charakter des Festivals ausmacht

Beim Haldern Pop Festival 2019 passte fast alles: tolles Wetter, tolle Musik und tolle Stimmung. 7000 Menschen kamen an den drei Festivaltagen.

Beim Haldern Pop Festival 2019 passte fast alles: tolles Wetter, tolle Musik und tolle Stimmung. 7000 Menschen kamen an den drei Festivaltagen.

Foto: Jens Uwe Wachterstorm / Funke Foto Service GmbH

Haldern.  Festivalfazit: Beim 36. Haldern Pop Festival ging es manchmal eher besinnlich als brachial zu. Die Macher riskieren viel für magische Momente.

Manchmal könnte man auf den Gedanken kommen, ob die Musik beim Haldern Pop Musik überhaupt eine Rolle spielt. Eine ungehörige Frage? Weil Musik bei einem Popfestival doch wohl eigentlich der Sinn und Zweck ist?

Jein. Ginge es nach den Rezepten für ein erfolgreiches Musikfestival, so macht Haldern Pop einiges, ja fast alles falsch. Und wird auch immer mal wieder dafür kritisiert.

So ist das Haldern Pop Festival 2019

Haldern Pop 2019: Von Schostakowitsch zu Indianer-Gesängen und ukrainischem HipHop

Die Festivals, die heute noch erfolgreich sind, fokussieren sich. Machen Metal, Hip-Hop, Techno, suchen eine Zielgruppe, schneiden ein Programm darauf zu. In Haldern beginnt man mit Schostakowitsch und deutschem Pop, wandert über kanadische Indianer-Gesänge und ukrainischen Hip-Hop zu Akustik-Techno, Entschleunigungs-Soul und Retro-Rock. Muss man das alles mögen? Nein. Muss man es kennen? Auch nein. Aber in Haldern kann man es entdecken. Immer wieder.

Festivals schaffen heute die Illusion eines künstlichen Ortes. Haldern Pop will ein gewachsenes Dorf mit seinem Festival beleben, verunsichern, bereichern – und mutet dafür Besuchern wie Künstlern weitere Wege und ungewöhnliche, manchmal fast ungeeignete Auftrittsorte zu. Denn es gehört zu den gewollten Fehlern des Haldern Pop, dass die Auftrittsorte Pop Bar, Jugendheim und Spiegelzelt in manchen Fällen zu klein sind, um die Interessierten zu fassen.

Konzertberichte vom Haldern Pop 2019:

Und das ist insbesondere beim Jugendheim sehr schade und für viele Besucher enttäuschend, wenn sie den Künstler für den sie gekommen sind, nicht live sehen können. In diesem Jahr kamen zwei Dinge hinzu: Immerhin rund ein halbes Dutzend kurzfristiger Absagen (dafür mit Faber am Donnerstag weit mehr als einen Ersatz). Zudem war die Hauptbühne am Freitagnachmittag mit Whitney und Charlie Cunningham mit sehr ruhigen Acts besetzt.

„Gehen, sehen, summen“ – oder auch „Haldern hört ein Hu“ sind die Slogans

Auch Durand Jones am Donnerstag und Khruangbin am Samstag waren eher angenehm soulige Begleitmusik für einen sonnigen Nachmittag. „Gehen, sehen, summen“ war einer dieser Haldern Slogans aus der Vergangenheit, der in der Ausgabe 2019 wieder seine Berechtigung fand. „Haldern hört ein Hu“ könnte man angesichts der vielen sphärischen, schwebenden Gesangspassagen über weite Strecken auch sagen.

Mehr Stimmung und ein größeres Lagerfeuer für die Seele boten da schon Sophie Hunger und am Samstagabend der Power-Auftritt von Loyle Carner und der wunderbar warme Soul von Michael Kiwanuka, der noch deutlich lockerer und energetischer spielte als vor drei Jahren an gleicher Stelle.

Haldern Pop: Musik und Atmosphäre verbinden sich zu Magie

Sonst aber war das stets stickige, warme, schwitzige Spiegelzelt einmal mehr der Brutort für viele energiegeladene Ausbrüche wie den von Barns Courtney am Freitag und insbesondere den von Keir am Samstagnachmittag. Auch Haiku Hands und Alyona Alyona brachten das Zelt zum Wackeln.

Und damit kommen wir dem Geheimnis und der Rolle der Musik beim Haldern Pop allmählich näher. Es geht um Magie und Momente, in denen Musik und Atmosphäre sich so verdichten, dass Magie entsteht. Man kann sie niemals erzwingen, weil Magie stets aus dem Unerwarteten entsteht. Aber Haldern Pop stellt zu Zutaten dazu in einem Maß zur Verfügung, dass die Wahrscheinlichkeit für derlei Momente größer ist als andernorts.

Der Wagemut zu immer neuen Fehlern – das ist Alleinstellungsmerkmal in Haldern

Diese Magie suchen die 7000 Besucher dort Jahr für Jahr. Auch wenn Stefan Reichmann und seinem Team klar ist, dass sie in Zukunft um diese Besucher mehr werden werben müssen als in der Vergangenheit – und daher der Mut zu Fehlern noch ein wenig wagemutiger wird als bislang. Bei einer Podiumsrunde (ja, auch das gehört zu Haldern Pop) berichtete Daniel Fontana, Festivalmacher aus der Schweiz, von seinem ersten Besuch in der Pop Bar.

Eine Band spielt, ein Besucher quatscht ihn an. „Meinst du, der Musiker kann davon leben?“ „Hoffentlich.“ „Und meinst du, der Stefan Reichmann kann von dem Festival leben?“ „Ich weiß nicht, ob er davon leben kann. Aber er wird deswegen zumindest glücklicher sterben.“

Musik ist Anlass für Begegnungen

Und – das ist die makaber getränkte niederrheinische Dialektik: Für diese magischen Momente des glücklicher Sterbenkönnens pilgern die 7000 Besucher zwischen den mittlerweile sieben Spielorten hin und her und stehen manchmal eher davor als mittendrin – und reden miteinander. Egal, wer oder was gerade erklingt. Musik spielt deswegen keine und die entscheidende Rolle. Weil sie der Anlass für die Begegnung war, ist und bleibt.

Mehr zum Haldern Pop 2019:

Wer Stefan Reichmann und den Machern von Haldern Pop zuhört, der weiß, dass genau dies Haldern Pop ausmachen soll: Dass sich Menschen begegnen, die sich sonst nicht begegnet wären. Vor der Bühne, hinter der Bühne, auf der Bühne. Im Kontrast, manchmal auch im Konflikt, aber wenigstens im Kontakt. Und das ist schon viel in einer Welt, in der alle die Filterblasigkeit der Individuen beklagen.

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