Geschenkt

Das Teufelchen aus der Kiste

Fernöstliche Ruhe ist schön, verträgt sich aber nicht mit Familienleben.

Fernöstliche Ruhe ist schön, verträgt sich aber nicht mit Familienleben.

Feng Shui ist die fernöstliche Kunst des Aufräumens - für Menschen, die sich gerne leere Räume mit einem Kieselstein teilen.

Der Frühling naht und es ist wieder Zeit für Feng Shui. Feng Shui war eine chinesische Philosophie, die auch zur harmonischen Gestaltung von Wohnräumen diente - bis sie von Frauenmagazinen entdeckt wurde. Jetzt ist alles Feng Shui, was fernöstliche Ruhe darstellen soll. Werfen Sie die gesamte Deko und zwei Drittel der Möbel weg und legen Sie zwei melancholische Kiesel in das jetzt leere weiße Regal, stellen Sie einen frierenden Zweig in eine Glasvase: Feng Shui! Ich würde das regional übersetzen mit: Ratz Fatz! Alles muss raus! Durchwischen, lüften... meine Omma nannte es Frühjahrsputz, wobei sie ignorierte, dass die Lebensenergie „Chi“ an ihrer altdeutschen Standuhr verkanten könnte.

Das Gegenteil von Feng Shui ist: mein Mann. Mein Mann ist Großmeister der urwestlichen Philosophie „Alles muss bleiben!“. Sogar die Büffelleder-Jacke. Die war mal cool. 1995, als er sie an der Portobello Road in London kaufte. Seitdem blockiert sie den Dielenschrank. Das Leder stammt von einem arg muskulösen Büffel. Man kann es kaum knicken, die Jacke hängt da breit und angriffslustig wie der Rumpf eines Footballspielers. „Ich könnte sie zum Motorradfahren brauchen... eines Tages, wenn ich mit einer Harley durch die USA toure!“, fantasiert mein Mann.

Vielleicht hilft ja einmal in meinem Leben ein Tipp aus dem Frauenmagazin: Wer beim Entrümpeln verzagt, soll drei Kisten aufstellen. Eine für Dinge, die in den Müll gehören. Eine für Trödelmärkte, Kleiderspenden etc.. Und die dritte Kiste für Wackel-Kandidaten. Wenn man das umstrittene Objekt ein Jahr lang nicht herausgenommen hat, muss es weg. Mein Mann willigt knurrend ein, nachdem ich geschworen habe, dass die Kiste klimatisiert ist.

Noch 358 Tage, zähle ich eine Woche später selig, dann fliegt das Monstrum raus. Die Kiste ist fernöstlich weise, sie vereint Loslassen und Festhalten, Sicherheit und Freiheit, erleuchtet es mich. Ich plane zehn weitere Kisten voller antiker Gitarren-Kabel, Audio-Kassetten, Altrocker-CDs. Endlich werde ich meditieren, in klösterlichen Räumen, neben meinem Kieselstein...

... da stelzt ein großes, fast quadratisches Stück Leder ins Wohnzimmer. Auf den zweiten Blick steckt darin meine zarte Tochter, verzückt: „Darf ich die zur Schule anziehen? Die ist voll retro!“ Mein Mann nickt triumphierend, hält eine Rede über „Klassiker und Qualität“.

Kennen Sie „Jack in the Box“? Dieses Spielzeug-Teufelchen, das immer wieder aus der Kiste springt? Wir werden niemals in ruhigen, leeren Räumen wohnen. Lassen wir die Magazin-Frauen ihre stillen Wohnoasen zelebrieren, während echte Frauen die Tollhäuser hüten. Nennen wir es: Feng Hui! Oder: Leben...

Umzugskiste, Baumarkt, 2,95 €

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