Extra 3

Früher war mehr Sommer

Schöne Blüten, schlechte Botschaft: Die Chrysantheme.

Foto: Wildman

Schöne Blüten, schlechte Botschaft: Die Chrysantheme. Foto: Wildman

Lasst Blumen sprechen? Besser nicht. Manche sind viel zu geschwätzig. Die Chrysantheme zum Beispiel erzählt gerne Endzeit-Geschichten.

Im Wahlkampf wird nonstop über Politiker geschimpft - dabei vergisst man die wahren Schurken. Wenn in unserem Land gerade schlechte Laune herrscht, sind mal nicht die Christdemokraten schuld. Sondern die Chrysanthemen.

Jawohl, diese monotonen gelben und weißen Blütenbälle, die jetzt alle Supermärkte anbieten. Chrysanthemen sind keine Blumen des Bösen, aber mindestens Boten des Bräsigen. Chrysanthemen sind jedes Jahr die letzten Spätblüher, die auf den Markt geworfen werden. Sie sind wuchernde Endzeitstimmung, verzweigte Wehmut, das verbliebene Tröpfchen Sekt im Glas, der Vorgeschmack auf die Leere. Ihre bunte Üppigkeit simuliert noch mal Lebenslust, damit die grauen 17 Grad ringsum richtig wehtun.

Mit jeder Knospe öffnet sich ein Abgrund: Wieder ein Sommer weniger. Tschüss, Terrasse. Leb’ wohl, Grill. Hallo, Grippe-Impfung. War es voriges Jahr auch so früh dunkel? Eigentlich müssten Chrysanthemen schwarz sein.

Halt! Es ist noch Sommer! Genau wie Tulpen und Dominosteine kommen Chrysanthemen alle Jahre wieder zeitiger in den Verkauf. Aus Massenblumenhaltung, immer mehr und immer billiger. Die Deko-Mafia peitscht unsere Stimmungen. Mit blühender Fantasielosigkeit hetzt sie uns durch die Jahreszeiten. Schlagen wir sie mit ihren eigenen Waffen! Hängen wir so viel Lametta drüber, bis man die blöde Chrysantheme nicht mehr sieht!

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