Extra 3

Wahrheit wählen

Angeblich hat dieses FDP-Plakat auch mit Politik zu tun.

Foto: Michael May

Angeblich hat dieses FDP-Plakat auch mit Politik zu tun. Foto: Michael May

Die Wahlplakate werden immer schöner, die Politiker immer glamouröser. Wo bleibt die Realität? Ein Plädoyer für die gute alte Ortsvereins-Optik.

Man könnte den Wahlkampf mal sentimental betrachten. Nicht als Volksbelustigung mit Popcorn und Chips zum TV-Duell. Sondern als vorweihnachtlichen Anlass zur Besinnlichkeit.

Gehen Ihnen diese Stellwände voller digital geschönter Politiker auch auf die Nerven? Der Mensch möchte doch lieber die satten Farben des Spätsommers genießen. Stattdessen: Lindner. Merkel. Schulz. Wegschauen klappt nicht. Die Kampagnen werden immer unwiderstehlicher. Von Designern, ach was, Gestaltungs-Göttern erdacht. Lindner posiert, als dürfe er Parfüm verkaufen. Alle haben dufte Slogans wie „Von weniger Europa hat keiner mehr“. Göring-Eckardt? Goethe? Egal. Am 24. September wird die beste Werbeagentur gewählt.

Zwischen den Breitwand-Spektakeln für Germany’s Next Top Kanzler hängen schüchtern die kleinen Plakate der örtlichen Bundestags-Kandidaten. Da sieht man Gesichter mit Falten und manchmal missglückte Frisuren. Politiker in Anzügen aus dem Kaufhaus; Politikerinnen, deren Lächeln sagt, dass sie nicht gern fotografiert werden. Wenn man hin und her blickt zwischen Lindner-Glamour und Ortsvereins-Optik, wirken die Plakate nicht mehr provinziell. Eher historisch, wie Postkarten aus einer Zeit, in der „Willy wählen“ als Slogan reichte und Politiker keine Popstars sein mussten. Schade, dass wahre Typen heute meistens an Laternen aufgehängt werden.

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