Bitcoin-Boom

In Essen gibt es Bitcoins jetzt aus dem Automaten

Gideon Gallaschan dem mutmaßlich ersten Bitcoinautomaten in NRW. Der Automat steht in Essen. Ab 20 Euro gibt es Kryptowährung. Wenn man die passende App hat und 7,90 Euro Eintritt ins Unperfekthaus zahlt.

Gideon Gallaschan dem mutmaßlich ersten Bitcoinautomaten in NRW. Der Automat steht in Essen. Ab 20 Euro gibt es Kryptowährung. Wenn man die passende App hat und 7,90 Euro Eintritt ins Unperfekthaus zahlt.

Foto: Stefan Arend

Essen.   Im Essener Unperfekthaus steht einer der ersten Automaten für Bitcoins. Gideon Gallasch erklärt, warum er die Kryptowährung für die Zukunft hält.

Sein T-Shirt zeigt einen vermummten Demonstranten, der so etwas wie einen Brandsatz schleudern will. Doch in der rechten Hand hält er keinen Molotow-Cocktail, sondern das goldgelb leuchtende B mit den zwei Strichen: Einen Bitcoin.

Doch wenn man Gideon Gallasch, dem T-Shirt-Träger, glauben darf, dann hat die Kryptowährung durchaus die Chance, ein weltwirtschaftliches Feuer zu entfachen. Eines, das über die hochriskante Spekulation mit der merkwürdigen Während weit hinausgeht.

Gallasch, gelernter Mediendesigner, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Kryptowährung aus der Welt der Computernerds und Hochrisikospekulanten in den Alltag zu überführen. Ein wesentlicher Schritt dazu: Im Unperfekthaus, einem eher alternativ angehauchten Tagungs- und Treffpunkt in der Essener Innenstadt, steht einer der ersten Bitcoin-Automaten Nordrhein-Westfalens.

„Von diesem Automaten gibt es bislang vier in Deutschland“, sagt Gallasch – bislang hatte die Bafin die Aufstellung verhindert, die in den meisten anderen Ländern problemloser geht. Die Schweizer Bundesbahn etwa verkauft an ihren Fahrkartenautomaten auch Bitcoin.

Gallasch zeigt gleich, wie es geht. Nun, ungefähr so wie der Fahrkartenkauf per Online-App: Gallasch schiebt einen 20-Euro-Schein hinein, es blinkt kurz. Und dann hat er auf seinem Smartphone eine ziemlich lange Code-Nummer und damit die Bestätigung, soeben 0,002613 Bitcoin erworben zu haben. Das ganze wird in seiner App gespeichert, einer Art elektronischen Brieftasche, wie sie auch Google, Apple und manche Bank fürs Bezahlen per Code anbietet.

Währungsfragen sind Vertrauensfragen

Wer sich mit Gideon Gallasch über Bitcoins im spezielle und Kryptowährungen im Allgemeinen unterhält, landet sehr fix in wirtschaftstheoretischen, ja beinahe philosophischen Überlegungen. Was verleiht einer Währung den Wert? Warum gibt mir mein Supermarkt das Abendessen, nur weil es an der Kasse einmal kurz piept, wenn ich eine Plastikscheibe übers Lesegerät halte?


Letztendlich geht es um Vertrauen in ein System. Beim Euro bürgt die Europäische Zentralbank, beim Dollar der amerikanische Staat. Und beim Bitcoin? Ein Programmiercode, die Blockchain, ein sich stetig verlängernder Code, der auf ungezählten Rechnern dezentral liegt und in der jede Transaktion gespeichert, bestätigt und beglaubigt wird.

In dieser dezentralen Struktur sieht Gallasch den großen Vorteil. Bitcoin sei, im Gegensatz zu vielen anderen seiner kleineren und jüngeren Geschwister, schon so groß, dass er unhackbar geworden sei. Und unkorrumpierbar. Anders als das Establishment. Zudem liege dem Bitcoin quasi ein Goldstandard zugrunde: Die Zahl der schürfbaren Bitcoins sei endlich. Eine Inflation durch Ausweitung der Geldmenge unmöglich.

Könnte Merkel noch einmal einen Bank-Run stoppen?

Gallasch erinnert an die Finanzkrise 2008: Damals verhinderten Merkel und Steinbrück einen Zusammenbruch des Finanzsystems, in dem sie sich mit ihrer ganzen Glaubwürdigkeit vor die Kameras stellten und versicherten, der Euro sei sicher. War er auch – aber nur, weil die Menschen ihnen glaubten.

„Würde das heute noch einmal funktionieren?“, fragt Gallasch, eher rhetorisch. In der Türkei, in Venezuela und Simbabwe jedenfalls setzen viele Menschen auf den Bitcoin und andere Kryptowährungen. Überall da, wo das Vertrauen in die abstrakte Währung größer ist als in den staatlichen Finanzsektor.

Nebenan gibt es Kryptogeld-Kurse. Gegen Euro.

Nebenan, im seit zwei Jahren existierenden „Blockchain-Hotel“ wird am Donnerstag und Freitag die nächste große Konferenz zum Thema Kryptowährung steigen. Laut Gallasch sind viele große Unternehmen interessiert an den Möglichkeiten der Verschlüsslungstechnologie, aber auch an der neuen Währung.

Doch es gibt auch Angebote für den Laien: Einen Ein-Tages-Workshop, wo man alles über die Technologie und den Handel mit Kryptowährungen lernt. Die Teilnahmegebühr ist selbstverständlich auch in Bitcoin zahlbar.


„Hier und jetzt könnte ich mir bei Lieferando eine Pizza“ bestellen“, sagt Gallasch. Hat er auch schon gemacht. Und folgte damit einer Tradition der Bitcoin-Gemeinde. Einst, im Mai 2010, in der Frühsteinzeit der Kryptowährung, schürfte jemand 10.000 Bitcoin und postete seufzend ins Netz: „Wer mir jetzt mehr als eine Pizza bringt, kann sie haben...“


Seitdem gilt der 22.Mai 2010 als der erste Tag, an dem Bitcoin gegen eine reale Ware getauscht wurden. Damals waren Bitcoin (noch) quasi wertlos, nach heutigem Stand hat der Software-Entwickler von einst rund 150 Millionen Euro für seine zwei Abendessen bezahlt... Und, hat er selbst schon mal eine Pizza bestellt und mit Bitcoins bezahlt? Gallasch nict. Und das Trinkgeld? „Na ja, das gab es natürlich in Euro.“




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