Musik

Jesus hätte schon Orgel lernen können...

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Wolfgang Kostujak, historische Tasteninstrumente sind sein Ding.

Wolfgang Kostujak, historische Tasteninstrumente sind sein Ding.

Foto: Kulturraum Niederrhein

Am Niederrhein.  Was hat eine Orgel, das andere Instrumente nicht haben? Ein Gespräch mit Musiker und Musikhistoriker Wolfgang Kostujak. Orgelklang und Hörgefühle.

Wolfgang Kostujak ist Orgelspieler, Musiker, großer Freund historischer Tasteninstrumente und lehrt an der Folkwang Hochschule in Essen. Der ausgezeichnete Organist hat viele Jahre am Niederrhein gelebt und gearbeitet und u.a. die Ringenberger Schlosskonzerte initiiert. Die altehrwürdige Weidtmann-Orgel (Baujahr 1732) in der Evangelischen Kirche in Hoerstgen (Kamp-Lintfort) ist eines seiner Lieblingsinstrumente. Ein kleines Gespräch über Musik, Orgelklang und Hörgefühle.

Tach Herr Kostujak. Was macht die Orgel denn zu einem so besonderen Instrument?

Für Orgeln gibt es gleich mehrere Besonderheiten: Erstens ist es das älteste Tasteninstrument der Musikgeschichte. Die ersten gab es im antiken Alexandrien des 3. vorchristlichen Jahrhunderts. Jesus hätte also schon Orgel lernen können...

Orgeln sind sensorische Zeitmaschinen

Allerdings hatte das Thema damals noch keinen religiösen, eher einen sportlichen Beigeschmack. Zu seiner Zeit war Orgelspiel eine olympische Disziplin. Andererseits haben sich Orgeln im Lauf der Jahrtausende zu konkurrenzlos komplexen Instrumenten entwickelt und dabei beinhalten eine Fülle interdisziplinärer Skills: Zwischen ihrer Rolle als großartiger Ingenieurleistung im Sinne mechanisch-funktionaler Maschinen über ihre Eigenschaft als architektonische Elemente, die mit den umgebenden Räumen in eine aufregende Wechselbeziehung treten, bis hin zu einem einzigartigen philosophisch religiösen Klangrede-Pathos.

Es gibt allerhand philosophische Schriften vom Mittelalter bis zur Renaissance, die die Orgel als Sinnbild für die Gesamtheit des Kosmos verstehen. Indem Orgeln bis zu 500 Jahren alt werden können, sind sie für mich außerdem so etwas wie sensorische Zeitmaschinen.

Und doch ist Orgelmusik nicht so leicht schön zu finden, sie strengt schon an…

Irgendwie sind wir doch alle anstrengend. Auch Orgeln. Jeder, der etwas zu sagen hat, riskiert doch, dass er seinen Zuhörern damit auf den Geist geht. Aber die Orgel hat echt was zu sagen. Ich persönlich finde eher die Organisten anstrengend.

Wieso?

Erstens sind Musiker immer ein bisschen anstrengend. Als Künstler müssen sie das sein. Bei den Orgelspielern kommt noch hinzu, dass sie einen enormen mechanischen Weg zurücklegen müssen, bevor ein Ton herauskommt: Windwerk, Traktur, Pfeife...

Das führt dazu, dass viele Orgelspieler in mechanischen Vorgängen und technischen Daten hängen bleiben. Ein Sänger singt, ein Streicher streicht, ein Gitarrist zupft, ein Organist drückt. Das ist alles sehr abstrakt. Noch abstrakter als bei anderen Tasteninstrumenten. Oft stehen die Pfeifen viele Meter vom Spieler entfernt, und er hört sie erst im Echo des Kirchenraumes. Das ist schon eine enorme Herausforderung, zu Orgeln am Klang arbeiten, wenn man ihn weder in den Fingerspitzen spürt noch hört.

Woher kommt es, dass es am Niederrhein so viele alte Orgeln gibt?

Wenn ich ehrlich sein soll, finde ich gar nicht, dass am Niederrhein besonders viele wertvolle Orgeln stehen. Es gibt ein paar alte Orgeln. Für die älteste Orgel des Niederrheins ist die Weidtmann-Orgel in Hoerstgen eigentlich verdammt jung.

Die König-Orgel der Paterskirche in Kempen ist eine Rekonstruktion. Wir haben eine gewisse Anzahl romantischer Orgeln aus dem 19. Jahrhundert, aber wesentliche Repräsentantinnen – wie die Sauer-Orgel im Dom von Wesel oder die Fleither Orgel im Xantener Dom – sind dem zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen. Die Seifert-Orgel in der Marienbasilika Kevelaer ist ein großartiger Abglanz dieser Zeit.

Ein Geheimtipp für romantische Orgeln: die Rütter-Orgel auf Schloss Wissen

Ein Geheimtipp für den romantischen Orgelbau in den ländlichen Regionen dieser Zeit ist vielleicht die Rütter-Orgel der Kapelle von Schloss Wissen, die erst vor ein paar Jahren restauriert worden ist. Aber der Niederrhein hat leider sehr viele Wirtschaftswunderinstrumente aus der Nachkriegszeit: Preiswert hergestellt, viele Allerweltsregister und wenige musikalische Gesichter. Eines davon steht seit den Siebzigern im Xantener Dom. Großartig, wie engagiert die Menschen dort etwas Neues planen...

Zurück zu den alten Orgeln. Wenn Sie sich an so ein historisches Instrument setzen, eine Orgel, an denen schon viele Organisten-Generationen vor Ihnen saßen und spielten – macht das etwas mit Ihnen?

Bevor ich ins Schwärmen komme, werde ich erst mal schon einigermaßen nervös, wenn ich meine Finger auf eine Klaviatur lege, an denen Pfeifen hängen, aus denen schon die wirklichen Granden der Musikgeschichte Musik hervorgezaubert haben.

„Granden“?

Ich habe an Instrumenten gesessen, die unter Andreas Werckmeister, Johann Sebastian Bach oder Max Reger geklungen haben. Richtig große Namen. Sobald ich den ersten Schüttelfrost überwunden habe, gibt es natürlich die Chance auf einen großen Zauber.

Da lässt sich das Faszinosum historischer Figuren ins „Jetzt“ und „Hier“ verwandeln. Alte Instrumente umgeben ihre Zuhörer*innen mit Tönen, die die Menschen schon vor Jahrhunderten beeindruckt haben. Indem sie dann noch in eine Wechselbeziehung zu lebendigen Spieler*innen treten, werden sie zu vitalen Kronzeugen einer Zeit, aus der es Erzeugnisse, aber keine Überlebenden gibt.

Das alles findet üblicherweise in Kirchen statt, und mit Orgelmusik verbinden wir in der Regel Kirchenmusik. Welchen Stellenwert hat Kirchenmusik heute?

Heikle Frage. Ich bin kein Kirchenmusiker, aber tatsächlich hatte die Kirche in den letzten tausend Jahren eine maßgebliche kulturelle Rolle. Insofern ist es kein Zufall, dass Orgeln vor allem in Kirchen stehen. Heute kämpft die Kirche – wenn sie vor dem Hintergrund eines unübersehbaren Bedeutungsverlustes überhaupt noch kämpft – um Aufmerksamkeit. Musikalisch tut sie das schon seit einigen Jahrzehnten, indem sie gängige, leichtverständliche Hörmuster adaptiert und dabei vollkommen aus dem Blick verliert, was sie selbst zu bieten hätte.

Orgelfuge von Bach

Ich frage mich, ob nicht gerade die Orgelmusik einen Beitrag leisten könnte, Kirche und religiöse Botschaft in Zeiten von Missbrauchsskandalen und deren wohlfeilen Vertuschungen wieder glaubwürdiger zu machen. Eine einzige Orgelfuge von Bach ist in all ihrer zwingenden Logik zweifellos glaubwürdiger als viele Sonntagspredigten, die ich in den letzten Jahrzehnten gehört habe. Die setzen einen Maßstab, hinter dem der Rest der Gemeindearbeit nicht zurückfallen sollte ... Vielleicht haben deswegen viele Pfarrer so große Angst vor Orgeln.

Orgel „kann“ nicht nur fromme Musik, Orgel „kann“ auch Konzert – was macht eine Pfeifenorgel so majestätisch – der Klang, die vielen Pfeifen und Register...

Seite der Antike sind Orgeln als Meisterwerke von Ingenieurskunst und Spieltechnik gleichermaßen Beweisstücke für den „State of the Art“, der in einer Kulturregion herrscht. Das macht sie zum Faszinosum. Was für mich zählt, ist aber die Fähigkeit, zu den Menschen zu sprechen, Geschichten zu erzählen, Räume und Gemütsverfassungen zu beleben. Und was das angeht, haben es Orgeln leichter als andere Instrumente. Egal, ob das im Gottesdienst passiert oder im Konzert – und egal, ob es „fromme“ Musik ist oder weniger „fromme“.

Und doch haftet ihr ein sakrales und etwas in die Jahre gekommenes Image an.

Klar. Seit die Orgel im achten Jahrhundert zum ersten Mal in die Hände der Kirche gekommen ist, hat die Kirche sie „domestiziert“, womöglich gezähmt und vereinnahmt. Vorher stand sie in Wunderkammern, in Villen und Palästen. Die Orgel ist inzwischen zwangsläufig mit der Kirche in die Jahre gekommen, und ich frage mich ernsthaft, wo ihr Zuhause sein könnte, wenn es die Kirche einmal nicht mehr gäbe... Aber vielleicht erweist sich die kulturelle Bedeutung als Rückgrat in der aktuellen Krise. Ich kenne viel mehr Menschen, die Orgelmusik wichtig finden, als die Kirche als Institution.

Wie sieht es mit der Ausbildung des Orgelspiel-Nachwuchses aus?

Es gibt eine Menge Nerds, die im Netz Orgeldiskussionen führen, Videos auf Youtube oder Facebook teilen oder sich Reisetipps für Orgelfahrten geben. Die Rolle von Organisten selbst entwickelt sich aber leider seit Jahren weg von hauptamtlich kirchlichen Angestellten. Es wird – wie schon in Jahrhunderten zuvor – tendenziell zum Fall für nebenamtlich agierende Menschen: Lehrer, Ärzte Apotheker ... oder Musiker mit anderem Schwerpunkt. Das ist insofern schade, als die Kirche damit ihre Nebenrolle als musikalische Einrichtung vor Ort verliert und als das Organistendasein zum Hobby einzelner Nerds runterschraubt. Es muss der Begeisterung für das Instrument und die Tätigkeit, es zu spielen, aber keinen Abbruch tun, und es könnte sein, dass den Menschen Schönheit und Bedeutung von Orgelmusik gerade angesichts ihres Verlustes besonders bewusst wird, und dass sich an der Tendenz etwas ändert.

Wo steht Ihre Lieblingsorgel – oder welche Orgel würden Sie unglaublich gern mal spielen?

Eine klassische „Lieblingsorgel“ habe ich nicht. Orgeln sind wie Menschen: Die eine kann dies besser, die andere jenes. Gute Orgeln sind für mich immer eine Entdeckung, als Spieler und als Hörer. Gerade habe ich – bei einem Wanderurlaub durch Thüringen – eine Ladegast-Orgel aus dem 19. Jahrhundert mit einem großartigen Organisten in der Evangelischen Stadtkirche Rudolstadt gehört. Das hat mich total umgehauen. Als „Barock“-Spezialist schwärme ich aber eher vom Klang der Silbermann-Orgel im Dom von Freiberg, vielen Dorforgeln in Ostfriesland zwischen Rysum, Uttum und Norden oder von den drei Orgeln der Jacobikirche in Lübeck.

Als Zeitreisender denke ich vor allem an die älteste Orgel der Welt in Ostönnen (bei Soest). An den zuletzt genannten Instrumenten habe ich schon öfters gespielt und ich würde es jederzeit wieder tun, schon deswegen, weil ich mit dem Sammeln von neuen Eindrücken an diesen alten Orgeln in absehbarer Zeit wahrscheinlich nicht fertig würde.

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