Niers-Serie

(K)ein tierisch netter Anfang

Die Niers kurz hinter der sagenhaften Quelle in Kuckum

Die Niers kurz hinter der sagenhaften Quelle in Kuckum

Foto: NRZ

Erkelenz. Heinz Josef Schrammen lebt in siebter Generation auf dem Zourshof, einem mehr als 600 Jahre alten Rittersitz in Kuckum. Der 48-Jährige ist hier geboren, sterben wird er wohl woanders. „Vielleicht ziehe ich ins Ausland“, sagt er. Weil der Zourshof eines Tages weggeschaufelt wird.

Denn zufällig liegt er im umstrittensten Loch Deutschlands: Garzweiler II. Der Name des Braunkohlefeldes ist eines jener Schimpfwörter, das Auswärtige in Kuckum besser nicht laut sagen.

Mit dem Zourshof wird auch ein besonderes Stück der Niers verschwinden: die Quelle mitsamt der ersten Flusskilometer. Die verkürzte Niers wird dann in einem riesigen, künstlich angelegten See beginnen, bei Mönchengladbach-Wanlo, ungefähr dort, wo heute die Köhm in die Niers plätschert. Ob mit der Umsiedlung der Menschen auch die Erinnerung an den Ursprung der Niers mit ins neue Dorf zieht, dass dann Neu-Kuckum heißen wird, bleibt abzuwarten. Schon heute versiegt das Wissen um die Quelle mehr und mehr.

Am Tropf
von RWE

Früher, also vor 60, 70 Jahren, lernten die Kinder in den Schulen entlang des Flusses: „Die Niers entspringt in Kuckum in einem Ziegenstall.“ Eine tierisch nette Geschichte, doch merkt Margit Heinz, Pressesprecherin des Niersverbandes, an: „Die meisten Informationen über die Niersquelle ergeben sich aus mündlichen Überlieferungen.“

Also kann es durchaus sein, dass die Niers vielleicht doch aus einem Hühnerstall floss, wie die Journalistin Birgit Wilms in ihrem Niers-Führer behauptet? Oder war es gar ein Kuhstall? „Diese Geschichte hält sich seit Generationen“, weiß Albert Pauly, Vorsitzender des Viersener Vereins für Heimatpflege. So oder so oder so: Wahr ist, dass die Niers seit den 1960er Jahren am Tropf hängt.

Seither wird der Fluss künstlich mit Wasser gespeist, von der Tagebaufirma Rheinbraun, die mittlerweile unter dem Namen RWE Power firmiert. Der Abbau der Braunkohle ist nur durch das drastische Absenken des Grundwasserspiegels möglich. Dadurch fällt das Bett der Niers ins Trockene, das sich vor rund 200 000 Jahren gebildet hatte. Übrigens ein alter Rheinarm, aber das nur nebenbei.

Zurück zur sagenhaften Quelle in Kuckum, die mit ziemlicher Sicherheit auch nur eine von vielen gewesen sein wird. Von 30 bis 40 im und um das Dorf ist in manchen Überlieferungen die Rede, besonders häufig sind drei Zuflüsse erwähnt: im Burggraben von Haus Pallant bei Borschemich, am Glockensprung bei Keyenberg und am Zourshof in Kuckum.

Hier steht auch der Quellstein des Flusses, der sogenannte Nullstein der Niers. Er liegt am Wegesrand des Kuckumer Quellenweges, zwischen dem Zourshof und jenem Gebüsch, hinter dem der Kuh-, Schaf- oder Ziegenstall gestanden haben soll. Auf dem stark beschädigten Stein ist noch ein U statt der Zahl Null zu erkennen.

Es gibt Einheimische, die spotten, das U stehe für Unbegreiflich, und dieses Gefühl stellt sich auch ein, wenn man mit Heinz-Josef Schrammen über die Zukunft redet. Wie es sich denn so lebe mit dem Wissen des absehbaren Endes seines Dorfes, seines Geburtshauses, seiner Heimat? Herr Schrammen zuckt mit den Schultern. „Je nach Stimmung bin ich traurig, mal kann ich besser damit umgehen. Man kann ja sowieso nichts mehr daran ändern“, sagt er, seufzt und fügt hinzu. „Ich möchte die Zeit, die ich hier noch habe, genießen.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben