Gesundheit

Kassenchef fordert: Bund soll über Krankenhäuser entscheiden

Viactiv-Chef Reinhard Brücker äußert sich im Interview über Ärztemangel auf dem Land, steigende Gesundheitskosten und dem Wettbewerb unter den Krankenkassen

Viactiv-Chef Reinhard Brücker äußert sich im Interview über Ärztemangel auf dem Land, steigende Gesundheitskosten und dem Wettbewerb unter den Krankenkassen

Foto: Andreas Buck / FUNKE Foto Services

An Rhein und Ruhr.  Viele Häuser, schlechte Versorgung: Der Chef der Krankenkasse Viactiv fordert radikales Umdenken: Klinikplanung soll Sache des Bundes werden.

Der Bund soll die Klinikplanung in Deutschland zentral steuern – durch ein „Bundesinstitut für Krankenhausplanung“. Das fordert Reinhard Brücker, Vorstandschef der Krankenkasse „Viactiv“, einem Zusammenschluss zahlreicher ehemaliger Betriebskrankenkassen. „Spezialisierte Behandlung in einer guten Qualität gibt es nur in Zentren“, so Brücker im NRZ-Interview. Bisher fehle es jedoch an einer durchsetzungsfähigen Instanz, die diese über Ländergrenzen hinweg durchsetze und dafür sorge, dass ambulante und stationäre Versorgung besser verzahnt werden, um dem Ärztemangel auf dem Land zu begegnen. „An diesen Stellen gefährdet unser föderales System letztendlich die Versorgung“, so Brücker. Lesen Sie hier das ganze Interview.

Vor wenigen Monaten haben Reformpläne für die Krankenhauslandschaft die Runde gemacht: Wir brauchen deutlich weniger Kliniken, dafür aber mehr Spezialisierung. Tragen Sie das mit?

Reinhard Brücker: Es geht darum, Qualität zu steigern. Und das gelingt in erster Linie durch Menge. Das ist Konsens, egal ob Sie die Aussagen von NRW-Gesundheitsminister Laumann oder die Bertelsmann-Studie sehen. Deswegen ist es richtig zu sagen: Wir wollen Zentren bilden. Leider hat das Land nicht gesagt, wer welche Bereiche abgeben soll. Ich sehe nicht, dass seit September irgendwas geschehen ist. Sinnvoll wäre es zudem, die Krankenkassen in die Krankenhausplanung mit einzubinden.

Herrscht seitdem Schockstarre? Vor allem bei den Kliniken auf dem Land?

Wir dürfen natürlich die Kliniken in den ländlichen Region nicht plattmachen, egal ob das jetzt der Niederrhein, das Sauerland oder Ostwestfalen ist. Dort muss eine gute Grundversorgung bleiben. Wir müssen den Menschen aber auch sagen: Spezialisierte Behandlung in einer guten Qualität gibt es nur in Zentren. Wir dürfen das nicht nur unter dem Gesichtspunkt diskutieren, wem wir etwas wegnehmen. Wir gewinnen dadurch Versorgungsqualität für die Patienten.

Nun sind die Krankenhäuser in vielen Städten einer der größten Arbeitgeber…

Seit Jahren doktern wir an der Versorgung im ambulanten wie im stationären Bereich herum. Es gibt keine abgestimmte Planung. Gerade wegen der Krise bei der hausärztlichen Versorgung auf dem Land wäre es sinnvoll, Krankenhäuser um ein medizinisches Versorgungszentrum zu ergänzen – und idealerweise auch um eine Pflegestation. Das schafft auch für die Ärzte attraktivere Arbeitsplätze. Sie kriegen ja die Nachfolge für Hausarztpraxen gar nicht mehr gesichert. Ich erlebe das bei meiner Tochter, die gerade ihre Facharztausbildung macht und ganz klar sagt: In eine klassische Hausarztpraxis möchte ich nicht.

Also, wie Bundesgesundheitsminister Spahn fordert, eine Notfallnummer für alles – und auch eine Anlaufstelle für alle Notfälle?

Dazu muss ich erst einmal einen neuen planerischen Ansatz haben, weil Kliniken und niedergelassene Ärzte nicht aus ihrem jeweiligen Karton herauskommen. Es ist gefährlich, was ich jetzt sage, aber ich tue es dennoch: An diesen Stellen gefährdet unser föderales System letztendlich die Versorgung. Jedes Bundesland und sogar manche Regierungsbezirke reden nicht miteinander über strukturelle Entscheidungen. Deswegen sollten wir über ein Bundesinstitut für Krankenhausplanung reden.

Dann schreien die Klinikchefs aber: Enteignung!

Durch mangelhafte Krankenhausplanung, durch mangelhafte Ausbildung und durch Abrechnungen, die falsche Begehrlichkeiten wecken, haben wir uns doch in diese Situation gebracht. Wir haben ein kriselndes Krankenhaus in Bochum-Wattenscheid, das hätte man umwidmen können in ein Pflegezentrum. Doch ehe wir als Kassen überhaupt dazu etwas sagen können oder gar beraten, wird das Haus schon mit einer anderen Klinik fusioniert. Die Frage des Bedarfs wird nicht gestellt, aber das Haus macht jetzt auch noch Herzkatheter und Hüftoperationen wie viele andere Häuser nebenan.

Was fordern sie? Jedes kriselnde Krankenhaus muss seine Lizenz den Krankenkassen geben?

Wir sind ja nicht zum Selbstzweck da. Wir verwalten das Geld unserer Mitglieder. Uns fehlen bundesweit 80.000 Pflegekräfte und wir setzen die, die wir haben, falsch ein. Die Pflegekräfte brauchen wir, aber ob wir alle diese Krankenhäuser brauchen, diese Frage muss auch gestellt werden. Wir müssen weg von dem kleinstaatlichen Denken. Ich bin beispielsweise dafür, mehr Rettungswachen aufzumachen, aber dann bitteschön nur eine Leitstelle fürs ganze Ruhrgebiet – im digitalen Zeitalter geht das.

Umgekehrt könnte man auch fragen: Wie viele gesetzliche Krankenkassen brauchen wir denn?

Sicher, diese Frage wird immer wieder kommen. Wir waren 1996 bei weit über 1000 Kassen, jetzt sind wir bei 104. Den Wettbewerb und die digitale Transformation können kleine Kassen alleine schwer bewältigen. Unser Konzentrationsprozess war wesentlich stärker als z.B. im Bereich der Banken und Sparkassen. Allein in unserer Betriebskrankenkasse sind mehr als 100 aufgegangen.

Nun, siehe Wattenscheid, Oberhausen-Sterkrade und jetzt auch im Essener Norden, fallen die Krankenhäuser aber ausgerechnet an den strukturschwächsten Orten weg.

Genau deswegen muss ja eine vernünftige Planung stattfinden. Wir als Krankenkassen haben alle Daten und sollten deswegen in die Klinikplanung mit eingebunden werden. Welcher Träger am Ende das Haus führt, ist dabei zweitrangig.

Wie sieht es mit der Kooperation über die Grenze in die Niederlande aus?

Hierzulande bekommen sie schneller einen Termin, wenn es um planbare Operationen geht. Auf der anderen Seite sind die Niederländer in Sachen Krankenhaushygiene sensationell. Die Niederländer haben im Mittel deutlich weniger Ärzte und trotzdem liegen auch da keine Toten auf der Straße. Daran sieht man doch: Viel hilft nicht automatisch viel.

Wann kommt denn eigentlich die elektronische Gesundheitskarte, von der seit letztem Jahrtausend die Rede ist?

Wir waren Pilotkasse, und ich konnte 2004 probeweise ein elektronisches Rezept einlösen. Seitdem ist fast nichts mehr passiert. Es müssen aber alle wollen – und es muss sicher sein, sonst wird es von den Versicherten nicht akzeptiert. Ich war 2018 in Israel, da sind Dinge wie eine Telesprechstunde überhaupt kein Thema. Da ist ein Kinderarzt, der sagt, 80 bis 85 Prozent der Fälle lassen sich so klären, da geht es nur um ein neues Rezept. Das Rezept war nach Sekunden auf dem Bildschirm des Smartphones. Ich muss dort nur noch in die Apotheke. Mit allem Drum und Dran haben wir mittlerweile zwei Milliarden in die elektronische Gesundheitskarte investiert. Ergebnis: Die Krankenkassenkarte hat jetzt ein Foto.

Was ist mit den alten Menschen, die immer noch eine Geschäftsstelle wollen?

Der Kunde will ja alles (lacht). Digitalisierung, 24-Stunden-Hotline, E-Mail-Erreichbarkeit und persönliche Beratung. Und das soll möglichst wenig kosten. Da suchen wir nach der Balance, wir haben bundesweit 70 Geschäftsstellen mit einem Schwerpunkt im Ruhrgebiet. Wir wollen da weiter optimieren und daher jetzt zum Beispiel in Duisburg statt zweier unzureichender Geschäftsstellen eine gute neue aufmachen. Wir haben eine hohe Treue unserer Versicherten. Wir müssen ca. 10.000 neue Mitglieder pro Jahr gewinnen, damit die Zahl unserer Versicherten trotz der Sterbefälle konstant bleibt, das gelingt uns derzeit ganz gut. Im vergangenen Jahr haben wir insgesamt rund 20.000 Versicherte hinzugewonnen.

Kürzlich hat die Geschichte des kleinen Alparslan aus Duisburg für Schlagzeilen gesorgt, der dringend ein neuartiges, aber extrem teures Medikament braucht, um zu überleben.

Für diese Krankheit, die spinale Muskelatrophie, gibt es ein zugelassenes Medikament namens Spinraza, das kostet pro Jahr rund 250.000 bis 300.000 Euro. Jetzt gibt es Zolgensma von Novartis, und die Firma sagt, das kostet 2,21 Millionen Euro. Fachlich gesehen haben wir ein etabliertes Zulassungsverfahren, dem hat sich das Medikament bisher nicht gestellt. Novartis hat eine große Medienkampagne gestartet und moralischen Druck aufgebaut. Ich kann die Eltern verstehen, die sagen: Wir wollen das für unser Kind. Aber die Firma muss auch den Nachweis bringen, dass es funktioniert und solange Studien auf eigene Kosten finanzieren – und nicht ein Präparat über moralischen Druck in den Markt bringen.

Nun, die Wirkungsweise von Zolgensma ist eine völlig andere – und deswegen hängen daran ja auch so hohe Hoffnungen.

Sicher, wir müssen immer auch Innovationen ermöglichen. Aber wir müssen auch die Frage stellen: Was an diesem Präparat kostet 2,2 Millionen? Und hundert Dosen zu verschenken und damit eine Lotterie ums Leben zu starten, das ist schon perfide. Es gibt auch vor der Zulassung schon Möglichkeiten mit den Krankenkassen ins Gespräch zu kommen. Ohne Kampagne.

Der Bundestag ist in Sachen Organspende dem Vorschlag zu einer erweiterten Zustimmungslösung gefolgt. Haben Sie diese Entscheidung erwartet?

Ich persönlich war für die Widerspruchslösung. Allerdings treffen da allein in der Familie zwei Ansichten aufeinander. Denn meine Frau sieht das anders und hält eine verbesserte erweiterte Zustimmungslösung für besser. Ich hatte damit gerechnet, dass der Vorschlag der Grünen und der Linken bei vielen Abgeordneten besser ankommt. Vor allem bei den Frauen scheint dies der Fall zu sein.

Und wie ist die Haltung bei Ihrer Krankenkasse, der Viactiv, dazu?

Wir sehen, dass da etwas passieren muss. Mehr Organspender in Deutschland sind für uns alle wichtig. Als Krankenkasse machen wir unsere Mitglieder immer wieder darauf aufmerksam und fragen sie zum Beispiel in unserer Mitgliederzeitung, ob sie nicht bereit sind, sich einen Organspendeausweis zuzulegen.

Woran liegt das?

Dass sich die Organspende in Deutschland so schwer durchsetzt, hat sicherlich verschiedene Gründe. Wir müssen als Kassen darauf einwirken, spezialisierte Zentren zu definieren, die die Organtransplantationen durchführen. Denn mit der Menge der Operationen steigt auch die Qualität. Ein Krankenhaus, das nur zweimal im Jahr eine Leber transplantiert, darf es nicht geben.

Auf der anderen Seite wird immer noch bemängelt, dass die Kliniken längst nicht alle Chancen nutzen, mögliche Organspenden zu gewinnen. Eine Organentnahme muss für die Kliniken angemessen finanziert werden.

Das ist der eine Punkt. Wie Angehörige angesprochen werden, ist aber sicherlich ebenso bedeutsam. Auch da muss nachgebessert werden. Zudem haben die Skandale um Organspende in der Vergangenheit viel Schaden angerichtet.

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