Mauerfall-Erinnerung

Kegelclub: Vom Niederrhein ins Berlin im Ausnahmezustand

Gruppenbild des Kegelclub: Ute Jachnow (zweite von links) und Margret Franzke (dritte von links) stehen hier von der Gedächtniskirche in Berlin.

Gruppenbild des Kegelclub: Ute Jachnow (zweite von links) und Margret Franzke (dritte von links) stehen hier von der Gedächtniskirche in Berlin.

Foto: STEFAN AREND / FUNKE Foto Services

Goch.  Zwei Frauen aus Goch nahmen an einer Kegelclub-Fahrt teil - und plötzlich war die Mauer gefallen. „Uns haben wildfremde Menschen umarmt.“

An diese Reise denken Ute Jachnow und Margret Franzke immer noch gerne zurück, in diesen Tagen besonders oft: Wie jedes Jahr wollten sie mit ihrem Kegelclub an der Fahrt des Verkehrsvereins Kranenburg teilnehmen. Die Reisen waren im Kreis Kleve berühmt-berüchtigt: Das Kulturangebot war groß und der Sonderzug „Fröhlicher Kranich“ bestand aus einem Tanzwagen, in dem ausschweifend gefeiert wurde.

Drei Tage Berlin standen in diesem November auf dem Programm, schon im Februar war die Reise geplant worden: „Als wir am 10. sehr früh morgens in Kranenburg in den Zug stiegen, wussten viele von uns noch gar nicht, was in Berlin am Abend zuvor passiert war“, erzählt Ute Jachnow aus Goch. „Wir stiegen um 6.40 Uhr ein und es gab sofort Sekt und Remmidemmi.“

Berlin war völlig überfüllt

Bei der Kontrolle am Grenzübergang in Helmstedt herrschte jedoch gespenstische Ruhe. „Wir wussten gar nicht, was uns erwartet“, so die 78-Jährige. Aber die Grenzer drückten einfach nur die Stempel in die Pässe, die Fahrt konnte weitergehen.


„Da begriffen wir so langsam, dass sich wirklich etwas verändert hatte“, sagt Jachnow. Die Mauer war gefallen und der Kegelclub fuhr mit dem „Fröhlichen Kranich“ mitten hinein in eine Stadt im Ausnahmezustand. „Noch nie habe ich so viele Menschen auf einmal gesehen“, erinnert sich Margret Franzke an die Ankunft am Bahnhof Zoo. Die ganze Stadt sei vollkommen überfüllt gewesen, überall fuhren Trabis. „Wir kamen mit unseren Koffern kaum zum Hotel durch, an eine Besichtigungstour war nicht zu denken.“

Die Frauen sogen die Stimmung in Berlin auf, ließen sich zum Brandenburger Tor treiben und versuchten, zuhause ihre Familien zu erreichen. „Keine Chance“, sagt Jachnow, deren Mann gebürtiger Berliner ist. „Vor den Telefonzellen waren die Schlangen meterlang und alle Leitungen waren belegt.“

Nachts kamen die Reisenden vom Niederrhein erst spät ins Bett, so viel gab es zu sehen. „Uns haben wildfremde Menschen auf der Straße umarmt, die Stimmung war wirklich fantastisch“, erinnert sich Franzke, die in Goch-Pfalzdorf lebt.

„Die unglaublichste Reise, die wir je hatten“

Viele bewegende Momente blieben den Frauen in Erinnerung, von denen sie heute gerne noch Kindern und Enkelkindern erzählen: Die jubelnden Menschenmassen vor der Gedächtniskirche, als Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Berlins Regierender Bürgermeister Walter Momper dort auftauchten; die Schlangen von Menschen, die sich ihr Begrüßungsgeld bei den Banken abholten; die vielen Einwohner Westberlins, die Bananen und Blumen an Bürger aus dem Osten verteilten; die Gespräche mit Menschen, die aus allen Ecken der DDR angereist waren. „Wir saßen in einem Lokal und eine Familie konnte sich nichts kaufen, weil sie noch kein Westgeld hatten. Da haben wir den Kindern Pommes spendiert, sie waren total glücklich“, erklärt Jachnow. Von Berlin, ergänzt Franzke, hätten sie an diesem Wochenende nichts gesehen. „Aber es war trotzdem die unvergesslichste Reise, die wir je hatten“, sagt die 82-Jährige.

Nur eins ärgert Ute Jachnow: „Wir haben damals ein Stück Mauer mitgenommen, aber ich kann es einfach nicht mehr finden.“

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