Integration

Koran auf dem Stundenplan

Die Autorin Lamya Kaddor mit ihrem Buch - Muslimisch , Weiblich , Deutsch . Foto: Stephan Eickershoff/WAZFotoPool

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Dinslaken/Duisburg.Lamya Kaddor bleibt skeptisch. Die rotgrüne Landesregierung hat zwar öffentlich angekündigt, islamischen Religionsunterricht einführen zu wollen, aber die Umsetzung dürfte nicht ganz so einfach sein.

„Bis der tatsächlich überall angeboten werden kann, wird es noch Jahrzehnte dauern“, urteilt die 32-jährige Religionspädagogin, die als eine der ersten Lehrerinnen in Nordrhein-Westfalen 2003 an der Glückauf-Hauptschule in Dinslaken-Lohberg begonnen hat, Islamkunde in deutscher Sprache zu unterrichten.

Das hat einfache Gründe: „Es gibt weder ausreichend Hochschulen, noch genügend Professoren, die Studenten in islamischer Theologie ausbilden könnten“, sagt die aus Syrien stammende Frau. „Im Moment unterrichten rund 80 Lehrer Islamkunde in NRW, benötigt werden aber rund 1200“, schildert Kaddor, die selbst an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster Arabistik, Islamwissenschaft, Erziehungswissenschaft und Komparatistik studiert hat.

Dort befindet sich derzeit noch der einzige Lehrstuhl im Land, der islamische Religionspädagogen ausbilden könnte. Eine weitere Fakultät wurde im nahen Osnabrück eröffnet, außerdem werden in Erlangen Lehrer ausgebildet. Zudem soll in Tübingen eine entsprechende Professur geschaffen werden. Für Kaddor reicht das längst nicht aus: „Wir benötigen in allen Ballungsräumen solche Studiengänge. In Köln/Bonn und auch im Ruhrgebiet“.

Ein Impuls aus Europa

Ganz nebenbei könnte von einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Islam auch ein Impuls ausgehen. „Der Islam befindet sich in einer Depression. Einst blühten in muslimischen Ländern Wissenschaft und Forschung. Heute gilt die Region als rückständig“, bedauert Kaddor. „Eine Weiterentwicklung des Islams kann nicht aus totalitären Staaten, sondern muss aus freiheitlichen wie etwa in Europa kommen.“

Die derzeitigen Strukturen machen es allerdings schwierig, einen moslemischen Religionsunterricht einzuführen. Es fehlt ein Ansprechpartner, mit dem das Kultusministerium Lehrpläne entwickeln könnte. „Es wird nichts anderes übrig bleiben: Wir Muslime müssen uns zusammenraufen und an einen Tisch setzen“, sagt die Lehrerin, die mit ehemann und Tochter in Duisburg lebt.

Ob das gelingen kann, darf bezweifelt werden. Zu unterschiedlich sind die Interessen der verschiedenen Moscheevereine. Größter Verband ist mit rund 900 Moscheen die „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion“ (Ditib), die zwar als moderat gilt, aber sich eng an die türkische Regierung anlehnt. Zweitgrößter Verband (500 Moscheen) ist der „Islamrat“, der von „Milli Gorüs“ dominiert wird. Die Organisation wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Im „Verband der islamischen Kulturzentren“ (VIKZ), der rund 300 Gemeinden in Deutschland unterhält, sammeln sich vornehmlich mystische Moslem-Bruderschaften.

Pilotprojekt in Lohberg

Trotzdem läuft das Pilotprojekt in Dinslaken-Lohberg seit sieben Jahren mit Erfolg. „Die Kinder haben von Beginn an positiv reagiert. Das Problem lag eher bei den Eltern. Die waren es gar nicht gewohnt, in deutscher Sprache über Glaubensfragen zu sprechen“, sagt die Religionspädagogin. „Islam – das ging für die erste Einwanderergeneration nur auf Türkisch.“

Deshalb bleibt es bis zum heutigen Tag auch den Koranschulen und Moscheen vorbehalten, für die religiöse Erziehung der muslimischen Kinder zu sorgen. Das allerdings hat kaum den Erfolg, den sich die deutsche Mehrheitsgesellschaft wünscht. In den Moscheen werden oft stumpf Koranverse rezitiert. Der Ansatz von Kaddor ist ein anderer: „Wir versuchen, ein historisierend-kontextualisierendes Islamverständnis zu lehren.“ Das heißt: Zeitpunkt und Umstände müssen berücksichtigt werden, um den Koran richtig zu verstehen.

„Deshalb sage ich den Mädchen auch nicht, sie müssten ein Kopftuch tragen oder nicht. Ich versuche lediglich die unterschiedlichen Interpretationen darzustellen und die Entscheidung den Schüler-innen zu überlassen.“ Wobei laut Kaddor die oft diskutierte Kopftuchfrage wie andere auch kaum theologischer Natur ist: „Häufig überlagern kulturelle Traditionen die Religion.“

Als Lehrerin wird Lamya Kaddor nach dem Ende ihrer Elternzeit im November wieder arbeiten. Dann übrigens an der Volksparkschule in Dinslaken. Die Hauptschule Glückauf wurde nämlich inzwischen geschlossen. „Ich freue mich schon sehr auf die neue Schule, auf das neue Kollegium und auf meine Schülerinnen und Schüler.“

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