Unfall

Kraftfahrer leben auf Rasthöfen oft in einer Parallelwelt

So sah der Polizeiwagen aus, nachdem der 40 Tonnen schwere Lastwagen auf dem Standstreifen der A 61 bei Viersen in ihn gekracht war.

So sah der Polizeiwagen aus, nachdem der 40 Tonnen schwere Lastwagen auf dem Standstreifen der A 61 bei Viersen in ihn gekracht war.

Foto: Theo Titz/dpa

Viersen.  Trunkenheitsfahrt kein Einzelfall: Experte berichtet von „erschreckender sozialer Verwahrlosung, gepaart mit erheblichem Konsum von Alkohol.“

Er fährt Schlangenlinien. Mit diesen Worten warnt die Polizei in Maastricht ihre deutschen Kollegen vor einem Laster-Fahrer, der auf der A 61 nach Süden unterwegs ist. Auch ein Autofahrer bemerkt die Schlangenfahrt, informiert die Polizei und hängt sich an den bedrohlich schlingernden Sattelzug. Der Zeuge wird das blaue Leuchten des Streifenwagens bei Viersen mit Erleichterung registriert haben. Doch voll Entsetzen muss er mit ansehen, wie der Sattelzug plötzlich von links auf den Seitenstreifen zieht, das Polizeiauto rammt und 200 Meter weit vor sich herschiebt.

Die Polizei ermittelt wegen Mordes gegen den Unfallfahrer

Auf der Rückbank des BMW saß eine junge Polizistin, sie wurde 23 Jahre alt. Ihre Kollegin am Steuer (48) schwebt noch in Lebensgefahr, ihr Beifahrer (22) wurde schwer verletzt. Der ukrainische Trucker (48) hatte mehr als zwei Promille im Blut. Wegen Fluchtgefahr nahm die Polizei ihn vorläufig fest, sie ermittelt wegen Mordes.

Ob Unfall, Reflex oder Vorsatz – diese Trunkenheitsfahrt sei „leider kein Einzelfall“, glaubt Jan Bergrath, Fachjournalist für Berufskraftverkehr aus Köln. Vor allem osteuropäische Kraftfahrer seien lange von ihren Familien getrennt und lebten mitunter monatelang in ihren Fahrzeugen. Er spricht von einer „Parallelwelt“ auf den Rasthöfen der Republik, in Industriegebieten und Umschlag-Terminals, wo die Kraftfahrer ihre Freizeit verbrächten. Dort spiele sich „eine erschreckende soziale Verwahrlosung ab, gepaart mit einem erheblichen Konsum von Alkohol.“

Laut ADAC ist an fast jedem zehnten Unfall mit Personenschaden in Deutschland ein Transporter oder Laster beteiligt. Allerdings fallen diese Unfälle (rund 29 000) besonders schwer aus und sind für fast jeden vierten Verkehrstoten verantwortlich. Alkohol spiele dabei nur in etwa einem Prozent der Fälle eine Rolle. Dies scheint jedoch nur die Spitze des Eisberges zu sein. Die „Druid“-Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen kam 2012 nach europaweiten Stichproben zu dem Ergebnis, dass 3,5 Prozent aller Kraftfahrer unter Alkoholeinfluss arbeiteten.

Bergrath machte sich die Mühe, Vorfälle mit alkoholisierten Fahrern aus Osteuropa zu zählen, die es in die Presse schafften. Er kam auf 60 Unfälle und Schlägereien in diesem Jahr. Anfang Dezember hatte ein betrunkener Fahrer aus Polen seinen Sattelzug auf der Überholspur der A 9 in Thüringen abgestellt, um seinen Rausch auszuschlafen. Es ging gut aus. Im September dagegen fuhr ein „Polen-Sprinter“ auf der A 67 bei Darmstadt in den Gegenverkehr. Drei Menschen starben, fünf wurden verletzt, der 34-jährige Fahrer war mit drei Promille unterwegs.

Eine Befragung des Bundesamtes für Güterverkehr von 2014 unterstützt Bergraths Kritik an den sozialen Ungleichheiten. Demnach sind die Arbeitsbedingungen für osteuropäische Fahrer deutlich schlechter als für deutsche. Diese verbringen ihre Wochenenden meist zu Hause. Knapp die Hälfte der rumänischen (47 Prozent) und bulgarische Kraftfahrer (42 Prozent) kommen jedoch seltener als einmal im Monat in die Heimat.

Hinzu kommt: Der Anteil der in Deutschland beschäftigten ausländischen Berufskraftfahrer steigt stetig. Laut Bundesamt stammt fast jeder sechste (15,5 Prozent) der rund 555 500 sozialversicherten Lkw-Fahrer aus dem Ausland – ein Höchstwert. Die meisten kommen aus Polen, Rumänien und Tschechien, aus Ungarn sowie Bulgarien.

Kontrollen auf den Rasthöfen allein bringen nichts

Zwar überwacht das Bundesamt mit Stichprobenkontrollen an Raststätten die Lenk- und Ruhezeiten, die ja elektronisch erfasst sind. Das Problem des Alkoholismus lässt sich so jedoch kaum in den Griff bekommen, denn rein rechtlich können die Fahrer in ihrer Freizeit trinken, so viel sie wollen. Zuständig wäre die Polizei, wenn die Laster auf die Straße rollen. Tatsächlich fordert die Polizeigewerkschaft GdP seit Langem eine bessere Ausstattung und Weiterbildungen für die Polizisten.

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