Vorsorge

Krebsvorsorge: Reicht der Abstrich im Drei-Jahres-Rhythmus?

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Das Foto aus unserem Bildarchiv zeigt eine Gynäkologin mit ihrer Patientin während eines Beratungsgesprächs. Der Verband der Frauenärzte warnt vor den Folgen einer neuen Vorsorgeregelung.

Das Foto aus unserem Bildarchiv zeigt eine Gynäkologin mit ihrer Patientin während eines Beratungsgesprächs. Der Verband der Frauenärzte warnt vor den Folgen einer neuen Vorsorgeregelung.

Foto: kzenon / Getty Images/iStockphoto

An Rhein und Ruhr.  Die Krankenkasse zahlt die Suche nach Gebärmutterhalskrebs bei Frauen ab 35 nur noch alle drei Jahre. Ärzte warnen vor den Folgen der Regelung.

Gehen Frauen demnächst seltener zur Krebsvorsorge, weil die Kasse nur noch einmal in drei Jahren zahlt? Und welches Risiko gehen sie damit ein? 1660 Frauen sterben nach Angaben des Robert Koch-Institutes (RKI) von 2017 pro Jahr an Gebärmutterhalskrebs. Vor 30 Jahren waren es noch mehr als doppelt so viele. Ursächlich dafür sind humane Papillom-Viren (HPV), die zwischen Sexualpartnern übertragen werden. Inzwischen können sich Mädchen und Jungen dagegen impfen lassen. Doch eine wichtige Aufgabe übernimmt auch die Krebsvorsorgeuntersuchung beim Frauenarzt. Für Frauen ab 35 Jahren wird der bislang dazugehörige Abstrich am Gebärmutterhals allerdings nur noch alle drei Jahre von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Für Frauen zwischen 30 und 34 Jahren ändert sich nichts, sie erhalten weiterhin einmal jährlich dieses Screening.

Diese Neuregelung gilt bereits seit Januar 2020, doch viele Frauen wissen noch nichts davon. „Bisher haben viele Frauen von den verlängerten Intervallen beim Abstrich noch gar nichts mitbekommen. Denn das neue Screening beginnt ja erst einmal mit der normalen Krebsfrüherkennung mit dem Abstrich“, schildert Dr. Bernd Bankamp, niedergelassener Frauenarzt in Krefeld und Landesvorsitzender des Berufsverbandes der Frauenärzte in Nordrhein. Im vergangenen Jahr hätten viele Patientinnen Routine- und Vorsorgeuntersuchungen abgesagt aus Sorge, sie könnten sich in der Praxis oder auf dem Weg dorthin mit Corona anstecken. Zudem habe es noch keine umfangreiche Information der Krankenkassen zu der Änderung gegeben.

Krebsvorsorge: Reicht der Abstrich im Drei-Jahres-Rhythmus aus?

Ob der Abstrich im Drei-Jahres-Rhythmus ausreicht „oder ob es zu einer Zunahme von zu spät erkannten Krebserkrankungen kommen wird, das wird man erst in zehn Jahren wissen, wenn die Ergebnisse ausgewertet werden“, meint Dr. Bankamp auf Anfrage der NRZ. „Zu befürchten ist das jedenfalls.“ Zwar trete Gebärmutterhalskrebs vergleichsweise selten auf, gibt das Landeszentrum für Gesundheit (LZG) in NRW an, zudem sinkt die Zahl der Erkrankungen. Seit Einführung der Screeninguntersuchung in den 70er-Jahren sei bundesweit „ein erheblicher Rückgang invasiver Gebärmutterhals-Karzinome zu beobachten“, so das LZG. Im Jahr 2015 erkrankten in NRW demnach 925 Frauen daran, 295 Frauen starben.

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Wenn das Screening aber ein scheinbar geeignetes Vorsorgeinstrument ist, warum gibt es diese Änderung überhaupt? Mit der Neuregelung ist eine regelmäßige Information der Patientinnen verbunden. Sie sollen ein Einladungsschreiben erhalten, ähnlich wie es aktuell bei Mammografie-Screenings passiert, weil viele Frauen nicht regelmäßig zum Frauenarzt gehen. Das gilt vor allem für Frauen über 50, die keine Verhütungsmittel mehr brauchen und womöglich keine Wechseljahrbeschwerden haben. Werden sie eingeladen, könnte das die Vorsorge stärken, so die Hoffnung.

Neu ist auch, dass der Abstrich vom Gebärmutterhals (Pap-Abstrich) künftig bei Frauen ab 35 zusätzlich mit einem HPV-Zellabstrich vom Muttermund kombiniert wird. Das kann für viel Verunsicherung bei Frauen sorgen. „Denn viele Frauen sind HPV-positiv, haben aber einen ganz unauffälligen Zellabstrich“, erklärt Bankamp. Vor allem bei sexuell aktiven Frauen kann eine solche Infektion auftreten.

2020 fanden wegen Corona weniger Vorsorgeuntersuchungen statt

„Da viele Frauen in diesem Alter noch eine eigentlich ungefährliche HPV-Infektion haben, die von allein ausheilen wird, bedeutet es zunächst mal sehr viel unnötige Beunruhigung“, sieht der Gynäkologe eine Gefahr. Die Patientinnen müssten nach dem Befund erneut einbestellt werden, machten sich Sorgen, haben aber eigentlich keinen Grund dafür. „Die Kontrolle ist gemäß den Vorgaben aber erst nach einem Jahr möglich, das stresst die Frauen zusätzlich.“

Im ersten Jahr der Neuregelung, in dem aufgrund von Corona weniger Vorsorgeuntersuchungen stattgefunden haben, habe man cirka sechs Prozent solch positiver HPV-Teste bei sonst unauffälligen Abstrichen verzeichnet, schildert Bankamp erste Erfahrungen.

Werden mehrfach nacheinander Unregelmäßigkeiten gefunden, müssten die Frauen „viel schneller als vorher“ verpflichtend zu einer speziellen Untersuchung des Muttermunds mit Lupenvergrößerung (Kolposkopie). Dafür aber, so der Vorsitzende des hiesigen Frauenarzt-Berufsverbandes, gebe es zu wenige Zentren. Dabei könnten die betreuenden Gynäkologen diese Zusatzuntersuchung meist selbst erbringen.

Gebärmutterhalskrebs: Arzt rät Frauen zu jährlicher Vorsorge

Ein weiteres Problem: Durch den Abstrich werden im Nebenbefund pro Jahr auch über 2000 Krebserkrankungen des Gebärmutterkörpers entdeckt, die sonst unentdeckt weitergewachsen wären, erklärt Dr. Bankamp. „Hier werden diese frühen Entdeckungen fehlen, und bei einem zytologischen Untersuchungsintervall nur alle drei Jahre werden viele Gebärmutterkarzinome künftig wohl erst später oder zu spät entdeckt.“

Auch wenn der Abstrich für Ü35-Frauen nur noch alle drei Jahre bezahlt wird, empfiehlt er Frauen, weiterhin jährlich zur Vorsorge zu gehen. Denn die Tastuntersuchung der inneren Genitalien und der Brüste sind weiterhin jährlich möglich. Und im Zweifel können Patientinnen auch einen Abstrich auf eigene Rechnung durchführen lassen.

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