Umwelt

Landschaftswächter sind mehr als ehrenamtliche Aufpasser

Karl-Heinz Hartmann ist seit 40 Jahren Landschaftswächter im Grenzgebiet von Moers und Duisburg. Seine 79 Jahre sieht man ihm nicht an.

Karl-Heinz Hartmann ist seit 40 Jahren Landschaftswächter im Grenzgebiet von Moers und Duisburg. Seine 79 Jahre sieht man ihm nicht an.

Foto: Rüdiger Bechhaus / Funke Foto-Services

Rumeln-Kaldenhausen.  Karl-Heinz Hartmann ist seit 44 Jahren Landschaftswächterin Duisburg. Es geht ihm um mehr, als Hundebesitzern zu erklären, was ihre Tiere dürfen

„Wir müssen eben noch kurz nach den Krötenzäunen sehen, dann fahren wir weiter zum Schwafheimer Meer.“ Karl Heinz Hartmann hat es eilig. Der 79-Jährige steuert den uralten bunt bemalten NABU-Bus kreuz und quer durch kleine Feldwege und hält schließlich an den unteren Ausläufern der Hochflutrinne. Einem idyllisch gelegenen See, der kartografisch genau im Grenzgebiet zwischen Rumeln-Kaldenhausen und Moers gehört.

Kröten zählen

Hartmann ist auch Landschaftswächter für Duisburg. Naturökologische Kompetenzen machen vor Städtegrenzen keinen Halt und man kann ein zusammenhängendes Ökosystem eben nicht einfach mal in der Mitte durchschneiden. Während Hartmann den Krötenzaun abschreitet und die vielen schwarzen in die Erde gesetzten Eimer nach den momentan so mobilen Amphibien absucht, erklärt er, was ein Landschaftswächter so alles macht. „Zum Beispiel sind wir dazu da, zu zählen wie viele Kröten jedes Jahr zurück in ihren Teich wandern. Das wird von Jahr zu Jahr alarmierender.“

Hartmann zeigt einen kleinen Teichmolch, der sich in den Eimer diesseits der Straße verirrt hat und trägt ihn behutsam ins sichere Nass auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „Früher haben wir hier gut und gerne 4.000 Frösche und Molche übergesetzt. Heute sind es kaum noch ein paar Hundert“, erklärt er. Auch sei die Wanderung jedes Jahr früher, was für die Tiere natürlich Stress bedeutet.

Vergleiche ziehen und Statistiken anlegen kann der Umweltschützer zuhauf. Seit 1976 betreut er das Naturschutzgebiet, das sich vom Schwafheimer Weg rund um die Hochflutrinne bis hin zum Schwafheimer Bruch zieht. Nachdem alle Tiere erfolgreich im Wasser verschwunden sind, geht es weiter im Bus Richtung Bruch. Und Hartmann erzählt von seinen anderen Sorgenkindern: Nicht nur die Amphibien, auch die Artenvielfalt der Vögel hat in den letzten Jahren rasant abgenommen.

Landschaftsschutz ist pflegeintensiv

„Ganz früher hatten wir hier Rebhühner zuhauf, Kiebitze und Lärchen. Heute freut man sich schon über Spatzen und Amseln“, erzählt er. „Und das, obwohl wir vor 30 Jahren, als wir das Naturschutzgebiet angelegt haben, darauf geachtet haben, viele Sträucher und Bäume zu pflanzen, die zu unterschiedlichen Zeiten blühen und Früchte tragen.“

Im Landschaftsschutzgebiet steckt Knochenarbeit

Ein Landschaftsschutzgebiet anlegen? Der Fachmann erklärt, dass die grün-weiße Dreiecksbeschilderung mit dem Vogel drauf keinesfalls bedeutet, dass die Natur sich hier zwangsweise selbst überlassen bleibt. Gerade im hiesigen Landschaftsschutzgebiet steckt jede Menge regelmäßige Knochenarbeit drin, die der Wächter auch nur im Team erledigen kann. Dienstag, Freitag und Sonntag trifft er sich mit insgesamt zehn Rentnern, die dem Wetter trotzen und auch bei Regen die vielen pittoresken Kopfweiden stutzen, die Wege hin zum Meer sichern oder sich vergewissern, dass die Erlen sich nicht zu viel Platz vom Schilfrohr klauen, das vor 30 Jahren bewusst angepflanzt wurde.

Ein Refugium für Vogelarten

„Die Erlenlandschaft ist ganz typisch, die finden sie überall am Niederrhein. Wir wollten hier dem Teichrohrsänger, der Rohrammer und anderen Vogelarten ein Refugium schaffen.“ Der Plan scheint aufgegangen zu sein, denn rund um das Schwafheimer Meer erstreckt sich ein dichter Saum aus hellbeigem Schilfrohr. Was scheinbar so ursprünglich aussieht, ist in Wahrheit fast so pflegeintensiv wie ein englischer Garten. Jeden Tag muss Hartmann nach den Fröschen sehen. Sonst ist er mindestens viermal in der Woche unterwegs, um zu schauen, dass niemand illegal Müll entsorgt hat oder das Ökosystem anderweitig Schaden genommen hat.

„So eine Runde dauert gewöhnlich vier bis sechs Stunden“, erzählt der Pensionär, der soeben einen etwa fünf Meter hohen Aussichtsturm per Sprossenleiter erklommen hat und stolz über den See weist. Vor allem, weil hier früher gar kein See war.

Durch Bergschäden um vier Meter abgesackt

Durch Bergschäden war der gesamte Grund in den 60er Jahren komplette vier Meter abgesackt und der Boden trockengefallen. Erst in den 80er Jahren musste vermehrt Wasser aus einem nahe gelegenen Stollen abgepumpt werden, das dann hier bewusst zur Bildung des Sees verwandt wurde. Heute tummeln sich unter anderem Karpfen in dem Gewässer, die gerade nahezu träge nach unvorsichtigen Insekten schnappen, die zu nahe an der Wasseroberfläche umherschwirren.

Hier gibt es mehr Artikel aus dem Duisburger WestenKarl-Heinz-Hartmann ist Wächter eines Idylls. Eines sehr schönen Fleckchen Erdes, das aber intensiver Betreuung bedarf. Dementsprechend macht er sich Sorgen um den Nachwuchs. Wer die Verantwortung für ein Stück Natur übernimmt, der lastet viel Verantwortung auf seine Schultern. Verantwortung, Kompetenz und Zeit. Und gerade Letztere haben die jüngeren Leute heute nicht mehr im Übermaß.

Dennoch ist es der Mühe wert, das sieht man dem 79-Jährigen an. Ihm ist „sein“ Gebiet, in dem er Landschaftswächter ist, ans Herz gewachsen und er ist stolz. Es hält ihn jung, sagt er. Den heimischen Garten pflegt übrigens seine Frau.

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