Kunst

Leben gezeichnet: Neue Ausstellung im Kröller-Müller Museum

Einblick in die Ausstellung „Das Leben gezeichnet“.

Einblick in die Ausstellung „Das Leben gezeichnet“.

Foto: Marjon Gemmeke, / Kröller-Müller Museum

Otterlo.  Das niederländische Kröller-Müller Museum hat 150 Zeichnungen aus dem Depot geholt – um das Medium mit einer Ausstellung angemessen zu würdigen.

Eigentlich scheut Papier das Licht. Aus konservatorischen Gründen. Ausstellungen mit Zeichnungen liefen deshalb eigentlich nur kurz, sagt Kuratorin Renske Cohen Tervaert vom Kröller-Müller Museum. „Zum Glück ist unser Ausstellungsraum gut abgeschottet.“ Ein Glück nicht nur für die 150 ausgestellten Stücke, sondern auch für die Besucher des Museums. Sie können unter dem Titel „Das Leben gezeichnet“ die Varianz ausgewählter Motive aus dem späten 19. bis frühen 20. Jahrhundert erkunden.

Das 22.000 Stück starke Museumsdepot ist voll von Papier – rund 12.000 Werke, „Briefe, Grafik, Zeichnungen, mit Stift, Aquarell, Kohle, Kreide.“ Aus ihnen wählte die Kuratorin das Konvolut aus – ein Kraftakt in „relativ kurzer Vorbereitungszeit von einem Jahr“, für den sich Museumsdirektorin Lisette Pelsers bei Tervaert in der Eröffnungsrede gezielt bedankte. Die Zeitspanne: 1850 bis 1950 – „eine verrückte Periode“ und Kern der Sammlung des Museums, erklärt Tervaert. „Die Zeichnungen geben kleine Einblicke in das Leben in den verschiedenen Jahrzehnten.“

Der rote Faden: Das Leben und seine Szenen

Von leisen, intimen Einblicken ins Heim bis zu wuseligen Eindrücken öffentlicher Plätze: Die Wandtexte schleusen die Besucher durch die Themengebiete städtisches- und häusliches Leben, Freizeit drinnen und draußen. Die ausgewählten Beispiele strotzen stilistisch wie motivisch vor Umbrüchen zum Jahrhundertwechsel, bezeugen die sich verändernde Gesellschaft und das wandelnde Kunstverständnis vor, zwischen und nach den beiden Weltkriegen. Der Begriff vom „Leben“ leitet die Ausstellung und fächert das Konvolut in die unterschiedlichsten Lebensbereiche auf – vielleicht etwas zu streng und zu sehr dem Objekt verhaftet, das nie rein abstrakt wird.

Doch werfen gerade die deutlich ins Abstrakte driftenden Motive von Künstlern wie Picasso oder van Doesburg die Frage auf, ob „das Leben“, wie der Titel verspricht, sich überhaupt zeichnen lässt – oder jeder Transfer vom Auge aufs Papier nicht eben die Verfremdung des Lebens, der „Realität“, schlechthin bedeutet. Zwar legen die Zeichenmaterialien nahe, dass manche Motive im Vorbeigehen, quasi „aus dem Leben“, skizziert wurden. Der Strich des Künstlers Isaac Israels etwa fasst in einer Zeichnungen geradezu überhastet die Silhouetten zweier Frauen, auf der einen Blattseite von hinten, auf der anderen von vorne. Doch findet das Verhältnis von Vorbild und Abbild – das Prinzip des Nachahmens und somit Kernthema der Ästhetik – jedoch nicht seinen theoretischen Platz in den Wandtexten.

Dynamik des Strichs: Die Farben leben ihr eigenes Leben

„Aus dem Leben gezeichnet“ – lebendig wirken vor allem die Linien, Flecken und Schraffuren auf glattem Papier, rauem Karton und anderen Bildgründen. So fasziniert das Eigenleben der Zeichnungen selbst, ganz losgelöst vom Motiv. Es sind die Farbstriche und Kleckse, Risse und Kerben, die die Gattung so eigen machen.

Wer diese Eigenheiten von Zeichnung hinter dem Museumsglas beobachten möchte, kann das in der Ausstellung. „Man hat das Gefühl, dass Leben in den Zeichnungen sitzt“, so die Kuratorin. In einigen Werke sehe man fast „aggressive Linien“, verspüre Dynamik. Aggressiv wirken auch die groben Risse und tiefen Kratzer auf einem Karton, die Jan Toorop seiner symbolistischen Bildszene wohl selbst zufügte. „Wir wissen leider nicht warum.“

Tageslicht erblicken: Wiederentdeckungen im Depot

Noch scheinen Zeichnungen in der Beliebtheit von Besuchern hinter ruhmträchtigen Gemälden zurückzubleiben. Dabei haben Zeichnungen ganz eigene Qualitäten. „Wir wollen zeigen, dass man mit Zeichnungen dichter an die Künstler heran kommt“, sagt Tervaert. Und meint damit wohl, dass sich der Schaffensprozess an prägnanten Linien und Strichen gut ablesen lasse, oder eine grob ausgerissene Papierseite einiges über die Zeichenpraxis im Alltag verraten mag. Wie so oft im Museumskontext erhalten die Zeichnungen hier eine Aufmerksamkeit und Präsentation, für die die Papierseiten und Kartonstücke nie gedacht waren, von denen so manche Kunstschaffenden wohl nie geträumt hätten. „Wir sind froh, dass wir es können“, sagt Tervaert.

Aus dem eigenen Bestand für eine Ausstellung zu schöpfen sei eine große Chance, endlich mehr Forschung zu einigen Werken zu betreiben. Sonst kämen sie kaum aus dem Depot. „Es sind einige Zeichnungen in der Ausstellung, die zuvor nie das Tageslicht gesehen haben.“ Umso prominenter erstrahlt so manches Motiv nun unter der Belichtung. Darunter die Zeichnungen der Julie de Graag, deren Werke zwar zahlreich im Depot vertreten sind, aber erst in dieser Ausstellung „ein großes Podium“ erhalten. „Inzwischen haben wir einige Ausstellungen rein mit Werken aus dem eigenen Depot“, sagt Renske Cohen Tervaert. Für 2021 plane sie eine Ausstellung zu den „alten Zeichnungen“, die eingelagert sind. Damit auch eine ganz andere gezeichnete Zeitspanne wieder das Licht erblickt.

>>> So geht’s zu Museum und Ausstellung

Das Kröller-Müller Museum liegt im niederländischen Nationalpark De Hoge Veluwe. Das Haus ist dienstags bis sonntags sowie an gesetzlichen Feiertagen (Ostersonntag und -montag, Christi Himmelfahrt, Pfingstsonntag und -montag, erster und zweiter Weihnachtstag, Königstag am 27. April und Befreiungstag am 5. Mai) von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der Skulpturengarten kann von 10 bis 16.30 Uhr besucht werden.

Eintritt in Park und Museum kostet 19,90 Euro für Erwachsene, 14,95 für Studierende, für Kinder bis zwölf Jahre 10 Euro. Kinder bis 6 Jahre erhalten gratis Eintritt. Die Ausstellung „Das Leben gezeichnet“ läuft noch bis zum 19. Januar 2020.

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