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Migranten-Clubs wollen weg vom schlechten Image

Der TSV Bruckhausen  Foto: Friedhelm Geinowski

Der TSV Bruckhausen Foto: Friedhelm Geinowski

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Am Niederrhein. 
Was Clubs wie der TSV Bruckhausen für die Integration tun – und was noch im Wege steht: Viele Migranten kommen mit der typisch deutschen Geselligkeit nicht zurecht und gründen eigene Sportvereine. Zu Besuch beim TSV Bruckhausen
in Duisburg.

Der Duisburger Stadtteil Bruckhausen hat eine vergleichsweise hohe Kriminalitätsrate, im Schatten der Hochöfen duckt sich sozialer Wohnungsbau.
Es gibt auch Fußballer, die den Stadtteil vertreten, weiter unten am Beeckbach jagen die Kicker des TSV Bruckhausen auf harter Asche den Bällen hinterher.

Wobei das „TSV“ im Vereinsnamen nicht „Turn- und Sportverein“ bedeutet, sondern „Türkischer Sportverein“. „Ich hätte mir vor drei Jahren, als wir uns auf den Namen geeinigt haben, eher eine deutsche Version gewünscht“, gesteht Turgay Mert, 2. Vorsitzende des Klubs. „Aber die Mehrzahl unserer Mitglieder hat da nicht mitgespielt.“

Migrationshintergrund
im Vereinsnamen

Die Frage muss erlaubt sein: Ist es im Sinne der Integration nicht ein Fehler, wenn man schon im Vereinsnamen den Migrationshintergrund ausdrückt? Wenn man sich also SV Union Maroc, Dostlukspor Bottrop oder Galatasaray Mülheim nennt? Heinz Croonenbroeck, beim Fußballverband Niederrhein (FVN) für den Bereich „Soziales Engagement“ zuständig, hat da eine differenziertere Meinung: „Diese Vereinsgründungen haben ja die unterschiedlichsten Ursachen“, sagt der 73-jährige Ehrenamtler. „Viele Migranten kommen mit unserer typisch deutschen Geselligkeit im Verein, bei der unter anderem viel Bier getrunken wird, nicht zurecht.“ Es werde eben nur dann problematisch, so Croonenbroeck, „wenn sich diese Klubs dann abschotten“.

Im Bereich des FVN gibt es von insgesamt 851 Klubs zurzeit 109, bei denen der Migrationshintergrund allein über den Namen erkennbar ist. Sie machen knapp 13 Prozent des Gesamtangebots aus. „Wir halten aber nichts von einer solchen Trennung, weil sich die Grenzen vermischen“, sagt FVN-Pressesprecher Peter Hambüchen. „So gibt es viele türkische Teams, in denen Deutsche oder Menschen anderer Nationen einen Spielerpass besitzen. Andererseits gibt es Klubs wie etwa Rheinland Hamborn mit deutschem Namen, die aber fest in türkischer Hand ist.“

Leuchtendes Beispiel

Der BV Altenessen ist ein leuchtendes Beispiel für Integration im Fußballsport. Zu Beginn dieses Jahres erhielt der BVA den DFB-Integrationspreis in Duisburg überreicht, weil er in seinem Stadtteil, einem so genannten sozialen Brennpunkt, vorbildlich vernetzt ist. Weil er mit acht Schulen und auch einer Moschee zusammen arbeitet. „Wir haben bei diesem Preis 240 Bewerbungen von Vereinen aus dem ganzen Bundesgebiet bekommen“, sagt FVN-Mann Heinz Croonenbroeck. „Das zeigt, dass alle Beteiligten Fortschritte gemacht haben.“

Dann gibt es ein Projekt am Niederrhein, das da „Fußball ohne abseits“ heißt und sich die „soziale Integration von Mädchen durch Fußball“ auf die Fahnen geschrieben hat. Katharina Althoff von der Uni Duisburg-Essen ist Projektleiterin und kümmert sich um die Basis. „Mädchen mit Migrationshintergrund sind beim Sport und vor allem beim Fußball deutlich unterrepräsentiert“, sagt die 27-Jährige. Althoff geht mit ihrem Team in die Schulen, gründet Fußball AGs und arbeitet später mit Vereinen zusammen. „So können wir auch die Familien mit Vorbehalten mit ins Boot holen“, sagt die Studentin. „Auf jeden Fall haben wir die Kurse in den Schulen voll, und es ist noch Bedarf vorhanden.“

Auch die Duisburger vom TSV Bruckhausen haben eine buntgemischte Mädchenmannschaft. „Bei uns spielen schon sehr viele deutsche Mädels“, sagt Turgay Mert, der gerne betont, dass sich auch sein Klub für Integration einsetzt. Dass man sich regelmäßig an interkulturellen Festen beteilige, dass man bei den eigenen Turnieren oft deutsche Teams zu Gast habe und dass die auch immer gerne wieder kämen.

Trainer schmiss seinen Job

Doch auch der TSV Bruckhausen gerät hin und wieder in die (Negativ)-Schlagzeilen. Vor knapp drei Jahren schmiss hier der griechische Coach Sakis Papachristos nach Tumulten während einer Partie die Brocken hin. „Ich selbst sehe keine Möglichkeit mehr, dieses Team zu bändigen“, meinte der scheidende Coach damals. Und im März dieses Jahres kam es am Beeckbach zu Ausschreitungen zwischen TSV-Kickern und Akteuren vom Klub Dostlukspor aus Bottrop. „Damals ging aber jede Aggressivität von unserem Gegner aus“, betont Mert.

Ulrich Pütz, im Fußballkreis Duisburg/Mülheim/Dinslaken Spruchkammer-Vorsitzender und somit Richter bei Vergehen auf dem Fußballplatz, sieht hier einen positiven Trend. „In den vergangenen drei Jahren ist die Anzahl der Spielabbrüche bei uns zurück gegangen, aber wir haben auch seit einigen Jahren eine strafferes Strafmaß“, sagt Pütz, der für „ehrverletzende Beleidigungen“ auf dem Platz schon einmal eine dreimonatige Sperre verhängt. Die Anzahl der Straftäter mit Migrationshintergrund sei im Kreis schon relativ hoch, so Pütz. „Allerdings sind wir auch nicht unbedingt repräsentativ für den gesamten Niederrhein. Und fairerweise muss man auch sagen, dass die Migrantenvereine mittlerweile immer besser organisiert sind. Der allergrößte Teil will sich integrieren, weil man das schlechte Image einfach Leid ist.“

Umkleideräume müssen
saniert werden

Dazu gehört eben auch der TSV Bruckhausen. Turgay Mert kommt in diesem Zusammenhang auf das Kabinenproblem zu sprechen. Der Klub wartet schon seit Jahren auf eine Sanierung durch die Stadt. „Wenn die nicht bald renoviert werden, können wir den Laden auch zumachen“, sagt der 37-Jährige. Schon vor langer Zeit seien dem TSV neue Umkleideräume in Aussicht gestellt worden. Doch bisher sei nichts passiert. Mert: „Ich bin schon fast versucht zu sagen: Wenn wir Turn- und Sportverein heißen würden, dann wären die neuen Kabinen schon längst da!“

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