Kindesmissbrauch

Missbrauchsprozess: Gutachter sieht „hohe“ Rückfallgefahr

Der 27 Jahre alte Soldat soll kleine Kinder in insgesamt 33 Fällen missbraucht haben, teilweise schwer und zwei Mal zusammen mit einem Chat-Partner.

Der 27 Jahre alte Soldat soll kleine Kinder in insgesamt 33 Fällen missbraucht haben, teilweise schwer und zwei Mal zusammen mit einem Chat-Partner.

Foto: Roland Weihrauch / dpa

Moers.  Bastian S. aus Wesel soll Kinder in 33 Fällen sexuell missbraucht haben. Ein Gutachter attestiert ihm eine „moderate bis hohe“ Rückfallgefahr.

Wenn Bastian S. jetzt wieder aus dem Gefängnis entlassen würde, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis er sich wieder an Kleinkindern vergeht. Von dem 27-jährigen Bundeswehrsoldaten aus Wesel, der vor der auswärtigen Strafkammer des Landgerichts Kleve in Moers vor Gericht steht, weil er seine kleine Tochter und andere Kinder missbraucht haben soll, gehe eine „moderate bis hohe“ Rückfallgefahr aus, attestierte Gutachter Jack Kreutz am zweiten Prozesstag.

Der 27-Jährige ist wegen des 33-fachen sexuellen Kindesmissbrauchs und der Verbreitung kinderpornografischer Schriften angeklagt. Er soll zwischen Mitte 2018 und Oktober 2019 seine 2016 geborene Tochter, seinen Stiefsohn, seine Nichte und die Tochter eines Chatbekannten missbraucht haben. Einige der Taten soll er fotografiert und gefilmt haben.

Beim Prozessauftakt hatte Bastian S. weitgehend gestanden

Gutachter Kreuz skizzierte nach insgesamt drei Gesprächen mit dem Angeklagten das Bild eines zwar geistig gesunden, schuldfähigen, aber empathielosen Einzelgängers mit einer „fixierten und chronifzierten Pädophilie.“ Das Gutachten wird Einfluss auf die Frage haben, ob das Gericht für S. eine Sicherungsverwahrung nach Verbüßung einer möglichen Haftstrafe anordnet.

Beim Prozessauftakt am vergangenen Dienstag hatte Bastian S. die ihm vorgeworfenen Fälle weitgehend eingeräumt. Bereits im Juni 2019 hatte sich der damals fünfjährige Stiefsohn der Mutter offenbart, die daraufhin das Jugendamt in Kamp-Lintfort einschaltete, wo das Ehepaar zu dieser Zeit lebte.

S. erhielt daraufhin ein Aufenthaltsverbot für die gemeinsame Wohnung, das Jugendamt meldete ihn bei der Kreispolizeibehörde in Wesel. Zwei Tage nach der Anzeige stellte sich S. in seiner Bundeswehr-Uniform bei der Polizei und räumte fünf Übergriffe und einen versuchten Missbrauch ein.

Angeklagter nahm Kontakt zu Chatpartner wieder auf

Die Staatsanwaltschaft verzichtete jedoch auf eine Hausdurchsuchung. Bei der ersten Vernehmung habe sich S. kooperativ gezeigt, erinnerte sich bei der Prozessfortsetzung die Beamtin, die ihn seinerzeit vernommen hatte. Jedoch habe sie im Nachhinein den Eindruck, dass er „sehr manipulativ“ sei und lediglich versucht habe, Schlimmeres abzuwenden.

Tatsächlich nahm S. auch nach eigenen Angaben nach der Selbstanzeige den Kontakt zu seinem Chatpartner Jörg L. wieder auf, missbrauchte seine damals siebenjährige Nichte und verabredete sich mit L. zum gemeinsamen Missbrauch von dessen eineinhalbjähriger Tochter und seiner Nichte.

Während er sich in Chats bei seiner Ehefrau für sein Verhalten entschuldigt habe, habe er sich gleichzeitig zu einem neuen Missbrauch verabredet, so die Vernehmungsbeamtin, die von einem „perfiden und ruchlosen Verhalten“ sprach. Dieser Plan wurde jedoch nicht in die Tat umgesetzt. Im Oktober 2019 durchsuchte die Polizei das Haus von L. in Bergisch Gladbach und stellte dort große Datenmengen sicher.

In dem Missbrauchskomplex stehen weitere Männer vor Gericht

Im Zuge der Ermittlungen wurde auch Bastian S. festgenommen. Bei ihm fanden die Ermittler, wie im Prozess deutlich wurde, mindestens 53.000 kinderpornografische Bilder und 1200 Videos. Daten auf seinem Mobiltelefon führten die Beamten zudem auf die Spur eines 61-Jährigen aus Xanten, den S. im Juni 2019 besucht hatte, angeblich nur, um bei ihm Lampen für seine neue Wohnung abzuholen.

Dieser Mann steht nun ab dem 6. Juli wegen Kindesmissbrauchs in zehn Fällen vor Gericht. Er soll seine Tochter, seine Stieftochter und ein Nachbarskind missbraucht haben, allesamt ebenfalls im Kleinkindalter. Der erste Prozess in dem Missbrauchskomplex hatte Ende vergangenen Monats in Mönchengladbach begonnen.

Dort stehen zwei 39-jährige Männer aus Krefeld und Viersen vor Gericht, die wegen sexuellen Missbrauchs in 79 Fällen angeklagt sind. Sie sollen zwischen 2015 und November 2019 immer zwei Mädchen missbraucht haben, der eine Mann seine Tochter, der andere Angeklagte seine Nichte. Bundesweit sind mittlerweile 31 Opfer identifiziert.

Mann aus Bergisch-Gladbach war in Chats unterwegs

Die Ermittlungen erstrecken sich nun auf alle Bundesländer. Allein in Nordrhein-Westfalen gelten 21 Männer als Beschuldigte, neun von ihnen sitzen in Untersuchungshaft. Sieben sind bislang angeklagt worden. Es dürfte deutlich mehr werden, ist der Kölner Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer überzeugt. Bislang sind nur Männer angeklagt worden, denen sexueller Missbrauch vorgeworfen wird.

Diejenigen, die nicht selbst missbrauchten, aber Kinderpornografie horteten und verbreiteten, sind noch nicht angeklagt worden. Der Mann aus Bergisch Gladbach, bei dem die Ermittlungen ihren Anfang nahmen, war in zahlreichen Pädophilen-Chats unterwegs. Einer soll mehr 1800 Mitglieder gehabt haben. „Die Zahl der Beschuldigten wird sich deutlich erhöhen“, ist Bremer sicher.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben