Pflege

Moerserin gibt Kanzlei-Job für eine Pflegeausbildung auf

Lesedauer: 6 Minuten
Von der Anwaltskanzlei ins Krankenhaus - die 23-jährige Moerserin Michelle Szugger entschied sich vor einem Jahr, ihren Job als Rechtsanwaltsfachangestellte aufzugeben und eine Ausbildung zur Krankenschwester zu machen.

Von der Anwaltskanzlei ins Krankenhaus - die 23-jährige Moerserin Michelle Szugger entschied sich vor einem Jahr, ihren Job als Rechtsanwaltsfachangestellte aufzugeben und eine Ausbildung zur Krankenschwester zu machen.

Foto: Bernd Thissen / FUNKE Foto Services

Düsseldorf/Moers.  Letztes Jahr begann eine Moerserin eine Ausbildung in der LVR-Klinik Düsseldorf. Warum sie sich für die Pflege und gegen ihren Bürojob entschied.

Gekonnt verstellt Michelle Szugger das Patientenbett mit einer Fußbewegung auf die richtige Höhe. Dann wird die Erste-Hilfe-Puppe in die richtige Lage gebracht. „So lagert man einen Patienten richtig, ohne sich dabei Rückenschmerzen zuzuziehen“, erklärt sie. In einem Schulungsraum im LVR-Klinikum Düsseldorf zeigt Szugger einen kleinen Ausschnitt von dem, was sie in ihrem ersten Ausbildungsjahr gelernt hat.

Seit Oktober 2020 absolviert die Moerserin die generalisierte Ausbildung zur Pflegefachfrau. Während sich immer mehr Personal von der Pflege abwendet, vor allem von der Intensivpflege, entschied sich die 23-Jährige vor mehr als einem Jahr, ihren Job als Rechtsanwaltsfachangestellte an den Nagel zu hängen, um in die Pflege zu gehen.

Begeisterung für die Pflege kam mit elf Jahren

Geregelte Arbeitszeiten, festes Einkommen, kein Lernstress - all dies tauschte die angehende Gesundheits- und Krankenpflegerin gegen eine zweite Ausbildung ein. Doch warum gab sie ihre feste Stelle als Anwaltsgehilfin auf? „Ich hab mich schon immer für die Pflege interessiert“, verrät Szugger. Im Jahr 2009, kurz nach dem Tod ihres Großvaters, wurde bei ihrer Großmutter Demenz diagnostiziert. „Damals war ich elf Jahre alt. Dann haben meine Mutter und ich meine Oma gemeinsam gepflegt, bis es irgendwann nicht mehr ging. Aber dadurch habe ich gemerkt, dass ich mir schon vorstellen kann, in der Pflege zu arbeiten.“

Die Begeisterung für die Pflegebranche bekam sie von ihrer Mutter scheinbar in die Wiege gelegt. „Meine Mutter hat in einem Wohnprojekt in einem Altenheim gearbeitet. Nach der Schule bin ich oft dahin, habe ihr über die Schulter geschaut und manchmal sogar geholfen. Ich hab mit den Senioren gespielt, zusammen mit ihnen gegessen und war mit ihnen spazieren. Das hat mir großen Spaß gemacht“, berichtet Szugger.

Dass sie zunächst doch in einer Anwaltskanzlei gelandet ist, führt die Auszubildende auf ihre Schulzeit zurück. „In der Schule habe ich zwei Praktika in einer Anwaltskanzlei gemacht. Ich fand die Pflege schon immer spannend, aber ich wollte damals auch Jura studieren. Als man mir nach dem zweiten Praktikum eine Ausbildungsstelle anbot, konnte ich nicht nein sagen“, blickt die Moerserin zurück.

LVR-Klinik in Düsseldorf war erste Wahl

Den Wunsch, in die Pflege zu gehen, hat Michelle Szugger während ihres Kanzleialltags aber nie aufgegeben. Ende 2019 bewarb sie sich im LVR-Klinikum in Düsseldorf-Grafenberg. Anfang 2020, kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie, hat sie die Stelle bekommen. Ihr Traumjob, wie Szugger verrät: „Durch die Demenzerkrankung meiner Großmutter habe ich angefangen, mich auch für neurologische und psychische Krankheiten zu interessieren.“ Als universitäre Fachklinik für Psychiatrie und Neurologie sei die LVR-Klinik daher ihre „erste Wahl“ gewesen.

Dennoch haben die Pflegeschülerinnen und Pflegeschüler des LVR-Klinikums nicht nur mit psychisch erkrankten Menschen zu tun. Wegen der Generalisierung der Ausbildung schnuppern die Auszubildenden auch Krankenhaus-Luft außerhalb des großen LVR-Geländes. „Es ist zwar spannend, mit Menschen zu arbeiten, die psychisch erkrankt sind, oder an einer Sucht- oder Depressionserkrankung leiden. Aber auch mal in andere Bereiche und in andere Krankenhäuser zu gehen und zu schauen, wie die Pflegekräfte dort arbeiten, war ein Hauptgrund für mich, im LVR-Klinikum anzufangen.“

Deswegen habe sie für ihre berufliche Zukunft viele Optionen, erklärt die 23-Jährige. „Durch die generalisierte Ausbildung bin ich nicht nur auf die Pflege und Betreuung von Menschen mit psychischen Erkrankungen festgelegt. Ich kann mir auch vorstellen, auf einer chirurgischen Station oder auf einer Intensivstation zu arbeiten.“ Angesichts des Fachkräftemangels in der Pflege sei der Bedarf an ausgebildeten Kräften aktuell ohnehin sehr hoch.

„Pflege ist mehr als nur Patienten zu waschen“

Als Michelle Szugger in ihre Ausbildung startete, rollte in Deutschland gerade die zweite Corona-Welle an, vier Wochen später (am 1. November 2020) ging die Bundesrepublik in den „Wellenbrecher-Lockdown“. Obwohl es noch keine Corona-Schutzimpfung gab, spielte die Angst, sich mit dem Virus zu infizieren, keine Rolle im Stationsalltag, erzählt die Pflegeschülerin. „In den bisherigen praktischen Stationen in denen ich im Einsatz war, hat man viel Wert auf Hygiene und Desinfektion gelegt. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich mich jederzeit infizieren könnte. Mittlerweile bin ich auch zweifach geimpft.“

Dass es gewisse Vorbehalte gegenüber der Tätigkeit von Pflegekräften gibt, beispielsweise, dass Pflegekräfte nur Putzkräfte für die Patienten seien, kann die Moerserin überhaupt nicht verstehen: „Pflege ist mehr als nur Patienten zu waschen. Man trägt mit seiner Arbeit auch zur Genesung der Patienten bei. Außerdem wird jeder von uns irgendwann auf eine Pflegekraft angewiesen sein.“ Finanzielle Einbußen nahm Michelle Szugger daher auch bewusst in Kauf. Zwar verdiente sie in ihrem alten Job fast dreimal soviel, als aktuell als Auszubildende. Vor dem Start in ihr neues Berufsleben habe sie aber alles durchgerechnet und geprüft, ob das auch passt.

Dass sie in einem Wohnheim auf dem LVR-Gelände unterkam, die persönlichen Erfahrungen in ihren praktischen Einsätzen – all das, so die 23-Jährige, wiegt den finanziellen Verlust auf: „Als ich in meinem letzten Einsatz auf der Kinderonkologie in der Uniklinik (Universitätsklinikum Düsseldorf, Anmerkung der Redaktion) war, hab ich in den erkrankten Kindern nicht nur die Krankheit gesehen, sondern den Menschen dahinter. Dort habe ich sehr viele schöne Erfahrungen gesammelt. Die Kinder haben mich zum Lachen gebracht, ich habe mit ihnen herumgeblödelt. Es ist zwar der klassische Klischee-Satz, aber: In der Pflege tut man wirklich Gutes.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Niederrhein

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben