Autonome Busse

Monheim: Tempo 17! Autonome Busse nerven Autofahrer

Bitte einsteigen! In Monheim fahren jetzt fahrerlose Busse im Linienbetrieb.

Bitte einsteigen! In Monheim fahren jetzt fahrerlose Busse im Linienbetrieb.

Foto: Kai Kitschenberg / FUNKE Foto Services

Monheim.  Jetzt fahren in Monheim erstmals autonome Busse als Buslinie in der Stadt. Manche Autofahrer stresst das. Es dürfte am geringen Tempo liegen.

Vom Erscheinungsbild her heben sich die kleinen, weißen Shuttles schon mal von den schweren Fahrzeugen am verregneten Busbahnhof in Monheim ab. Und strahlen fast etwas Science-Fiction-Atmosphäre aus, eine Idee davon, was mal Realität auf den Straßen werden könnte. Schließlich könnten die Monheimer Busse der Anfang sein vom autonomen Verkehr in NRW, dessen Austesten sich die Stadt am Rhein zusammen mit der RWTH Aachen verschrieben hat.

Kein Auspuff röhrt und spuckt Abgase, stattdessen surren und ruckeln die elektronischen Wagen vom Bussteig 7 ab – wenn auch alles andere als schnell. Mit maximal 17 Stundenkilometern verbinden sie seit Aschermittwoch Monheims Innen- mit der Altstadt.

Schneefall verzögerte den Start der E-Busse in Monheim

Dabei war der Start holprig und wurde in den vergangenen Monaten mehrfach verschoben. Und auch am ersten Tag im Linienbetrieb mussten einige Fahrten wegen Schneefalls ausfallen. Der irritierte die sensiblen Sensoren, die den Bus leiten. Am Mittwochmittag floss der Linienbetrieb aber wieder.

Nach Andrang sah es an Tag eins für die Linie A01 jedoch nicht aus: „Ich glaube, vielen ist heute nicht bewusst, dass wir schon Gäste mitnehmen“, sagt Betriebsleiter Axel Bergweiler. Während der Testphase seit Mai 2019 hätten wiederum schon viele Menschen mitfahren wollen. Überfüllt waren die Busse jedenfalls am Mittwoch nicht: „Es sind auch Busse leer abgefahren“, sagt Bergweiler.

Monheimer fahren aus reiner Neugierde im autonomen Bus

Und doch – ein Neugieriger steigt zielgerichtet am Busbahnhof ein. Der Monheimer hat am Start-Tag frei und ist extra für die Rundtour von gut dreißig Minuten zum Steig gekommen. Voll automatisierten Verkehr hält er für „durchaus denkbar“ und fragt den Betriebsleiter bei Gelegenheit gleich aus. Wie viele Runden der Bus mit einer Batterieladung schafft? „Acht bis neun“, ist Bergweilers Antwort.

In die kleinen, weißen Shuttles passen elf Menschen, sechs davon finden auf Sitzen Platz. Busfahrer Mehmeti Ridvan stellt sich mit beiden Füßen auf eine blaue, kreisförmige Markierung im Fahrgastraum, legt die Steuerung mit zwei Joysticks um seinen Oberkörper. Er ist an diesem Tag als sogenannter Operator im Dienst, um bei einem Notstopp per Fernbedienung eingreifen zu können.

Sonst fährt Mehmeti einen der Dieselbusse des kommunalen Verkehrsunternehmens Bahnen Monheim. Jetzt ist er einer von einem Dutzend Begleitern der autonomen Busse in Monheim, denn: Begleitpersonal für autonome Busse in Deutschland ist bis dato Pflicht.

Kollegen im E-Bus werden mitunter beschimpft

Bevor es losgehen kann: Fahrgäste müssen sich Anschnallen oder im Stehen festhalten. Das sei Pflicht erklärt Betriebsleiter Bergweiler. Denn bei einer Notbremsung „geht der Bus ganz schön in die Eisen“, sagt Bergweiler, der als Chef-Operator die Bus-Begleiter auch ausgebildet hat. Die fahrerlosen Wagen fahren auf einer virtuellen, einprogrammierten Schiene. Wenn das Radar, das gut 80 Meter erfasst, ein Hindernis erspäht, bremst der Bus ab. Denn die Busse können nicht selbstständig von ihrer „Schiene“ abweichen.

Und tatsächlich passiert das mehrmals auf der Rundfahrt. Etwa weil Autos im Halteverbot stehen. Das gefällt einigen Autofahrern gar nicht, sie überholen den Bus, auch an engen Stellen - innerorts, wo Überholen verboten ist. „Es kommt schon vor, dass unsere Kollegen im E-Bus auch beschimpft werden, weil sie so langsam sind“, sagt Bergweiler mit Blick auf Erlebnisse bei den bisherigen Testfahrten.

Autofahrer in Monheim zeigen wenig Geduld für den autonomen Bus

Fahrgast Andreas Proempeler hat dafür kein Verständnis. Er steigt an einer der Haltestellen in der Altstadt zu, „einfach aus Spaß“. Auch er will den Bus begutachten, und zwar mehrmals, mit unterschiedlichen Bekannten. Sein Urteil: „Ich finde es einfach super!“ Seit Jahren sei er nicht mehr mit dem Bus gefahren. Er glaubt, die Strecke mache den Busverkehr in Monheim wieder attraktiver.

Bei der Abfahrt ertönt ein Klingel-Signal und der fahrerlose Bus ruckelt leise über das Kopfsteinpflaster der engen Altstadtstraßen weiter, teils mit Gegenverkehr. Wenig später steigt Stefan Koch mit seinem kleinen Sohn hinzu. Jetzt wird es etwas eng, der Buggy muss in Fahrtrichtung gedreht werden. „Jetzt fahren wir auch mal mit dem Verkehrshindernis“, sagt er mit Ironie zu Andreas Proempeler, mit dem er sich für eine Fahrt verabredet hatte. „Aber es ist gar nicht verkehrt, wenn der Bus den Verkehr abbremst“, meint Koch.

Technisch gesehen können die Busse bis zu 40 Stundenkilometer fahren, erklärt Axel Bergweiler. Höchstens Tempo 20 allerdings ist erlaubt. „Natürlich ist es das Ziel, dass die Busse einmal schneller fahren können“, sagt Bergweiler. Derart gedrosselt könne das nicht die Zukunft des autonomen Fahrens sein, meint er.

Während der Testphase auf über 1000 Kilometern in der Monheimer Innenstadt habe es auch kritische Stimmen gegeben, so Bergweiler: „Einige sagen, wir brauchen die Busse nicht“, weil sie zu langsam seien. Aber: „Die ausgewählte Strecke ist auch kein Weg für Berufspendler oder Schüler“, entgegnete Bergweiler auf solche Kritik. Für Menschen mit Bewegungseinschränkung seien die Busse zum Beispiel ein echter Gewinn“, glaubt er.

>>> Infos zu den autonomen Bussen in Monheim

Insgesamt verbinden fünf autonome Busse die Monheimer Altstadt mit der Innenstadt. Drei seien gleichzeitig auf der Strecke, einer steht in der Regel als Ersatz bereit, etwa wenn Fahrzeuge mit Strom betankt werden müssen.

Für Fahrgäste sind die Fahrten in den ersten Wochen gratis , wie die Stadt mitteilte. Eine genaue Frist aber nannte die Stadt auf Nachfrage nicht. 3,2 Millionen Euro lässt sich die Stadt Monheim das Bus-Angebot zum Null-Tarif pro Jahr kosten. So ist es im städtischen Haushalt veranschlagt.

Regulär sind die Busse von 6.49 bis nach 23 Uhr im 15-Minuten-Takt mit E-Antrieb unterwegs – und das an sieben Tagen die Woche. Die Strecke ist dabei überschaubar: Insgesamt sieben Haltestelle liegen auf knapp 2,7 Kilometern zwischen zwei Groß-Parkplätzen am Rand der Altstadt und dem zentralen Busbahnhof in Monheims Innenstadt. Auch ist die Tour noch nicht die Endgültige, sondern eine „Ausweichstrecke“: Die Busse sollen demnächst auch durch das Tor des Schelmenturms fahren, Monheims Wahrzeichen. Doch an diesem Teil der Strecke ist derzeit eine Baustelle, die die Bus-Sensoren irritieren würde.

Ähnliche Fahrzeuge wie in Monheim fahren bereits bundesweit, aber nicht vergleichbar eingebettet in das öffentliche Nahverkehrsnetz mit festem Fahrplan und mehreren Fahrzeugen, betont man in Monheim. NRW-weiter Pionier ist Drolshagen im Kreis Olpe. Hier ist jüngst der erste fahrerlose Bus im Alltagsbetrieb auf Tour gegangen - mit Publikum an Bord, aber nur für einen mehrmonatigen Test.

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