Familientragödie

Mutter tötete Kinder und sich selbst – Margarete überlebte

Margarete erlebte vor über 50 Jahren eine schlimme Familientragödie: Ihre Mutter vergiftete sich selbst und zwei ihrer Töchter.

Margarete erlebte vor über 50 Jahren eine schlimme Familientragödie: Ihre Mutter vergiftete sich selbst und zwei ihrer Töchter.

Foto: Denise Ludwig / NRZ

Kreis Wesel.  Der Fall Solingen weckt bei Margarete schlimme Erinnerungen ans eigene Schicksal: Ihre Mutter tötete 1967 ihre Geschwister und sich selbst.

Als Margarete* an jenem 12. Oktober 1967 von der Schule nach Hause kommt und an der Tür klingelt, öffnet niemand. Die Achtjährige blickt durch den Briefschlitz und durchs Fenster und sieht, dass Beine am Boden liegen. Ihre Mutter (27) hat die Schwestern des Mädchens und dann sich selbst mit Pflanzenschutzmittel umgebracht. Das alles ist 53 Jahre her – und doch holt die Familientragödie aus Solingen, wo in der vergangenen Woche eine ebenfalls 27-jährige Mutter fünf ihrer sechs Kinder getötet hat, die Erinnerungen erbarmungslos hoch.

Als Margarete die Schlagzeile las, dass eine Mutter in Solingen ihre fünf Kinder getötet hat, wurde sie hellhörig. Aber erst die weiteren Details waren es, die sie aufhorchen ließen. Sie erkannte Parallelen zu ihrer einstigen unvorstellbaren Familiengeschichte und appelliert an alle, die in Solingen mit diesem Fall zu tun haben: Helft bitte dem elfjährigen Jungen, der überlebt hat.

Der elfjährige Junge aus Solingen braucht langfristige Hilfe

Solingen: Mutter soll fünf Kinder getötet haben
Solingen- Mutter soll fünf Kinder getötet haben

Er müsse dringend von Kinderpsychologen betreut werden. Und zwar nicht nur ein oder zwei Jahre, sondern so lange, bis er als Erwachsener selbst entscheiden kann, ob er diese Hilfe noch braucht oder nicht. Gerade in der späteren Pubertät seien Kinder, die solche traumatischen Erlebnisse gemacht haben, gefährdet, vom richtigen Weg abzukommen. Und das Wichtigste: Dem Jungen sollte zugehört werden. Diesen Appell habe sie auch per Mail an den Solinger Oberbürgermeister gerichtet, sagt Margarete.

Margarete selbst sollte die Folgen der Katastrophe erst 35 Jahre später erleben. Es war das Jahr 2002, als nichts mehr ging. Margarete, damals 43 Jahre alt, sprach nicht mehr, ging kaum noch raus, fuhr kein Auto mehr. Extreme Migräneanfälle machten ein normales Leben unmöglich. Sie holte sich professionelle Hilfe, ist seitdem in psychotherapeutischer Behandlung, bekommt Psychopharmaka. Doch ihr war damals schnell klar, dass die Tragödie von 1967 Schuld an ihrem Zustand ist.

Sie begann, in ihrer Vergangenheit zu wühlen, suchte im Stadtarchiv nach alten Zeitungsartikeln, forderte Sterbeurkunden an und versuchte, Gespräche mit Zeitzeugen zu führen. Doch genau das war nahezu unmöglich.

Eine Bekannte kann bis heute nicht über das Geschehene reden

Eine Ärztin riet ihr, ihren inzwischen stark pflegebedürftigen Vater nicht zu belasten und alte Geschichten ruhen zu lassen. Eine frühere Bekannte sieht sich bis heute nicht in der Lage über das Geschehene zu reden. Nur die Grundschullehrerin sah ein, nicht erkannt zu haben, dass Margarete damals Hilfe gebraucht hätte. „Ich war eine gute Schülerin“, sagt Margarete, „meine Leistungen sind gleich geblieben.“

In der Familie ist diese Geschichte bis heute ein Tabuthema. Nur der gelbe Ringordner, in dem die Ergebnisse ihrer Recherchen abgeheftet sind, legt Zeugnis der schlimmen Ereignisse ab. Die Zeitungen haben damals über den Fall im Kreis Wesel berichtet. „Auf die Schreie des achtjährigen Mädchens liefen sofort die Nachbarn herbei. Ein Arzt und die Polizei waren schnell zu Stelle. Ihnen bot sich ein schreckliches Bild“, ist dort zu lesen.

Ein Mädchen überlebte die Vergiftung

Nachdem Margarete an diesem Oktobertag ‘67 das Haus verlassen hatte, hat die Mutter den zwei, vier und fünf Jahre alten Mädchen Pflanzenschutzmittel in die Frühstücksmilch geschüttet, anschließend nahm sie selbst das Gift. Der Vater war auf der Arbeit. Bei der Fünfjährigen gab es noch Lebenszeichen, sie kam schnell ins Krankenhaus und überlebte diese Katastrophe.

Warum ihre Mutter das getan hat, weiß Margarete bis heute nicht. Die Polizei vermutete damals, dass sie womöglich erneut schwanger gewesen sei und Angst vor einer weiteren Geburt gehabt habe. Sieben Jahre zuvor hat sie einen Jungen verloren. Er überlebte nur einen Tag, er starb laut Sterbeurkunde unter anderem „an den Folgen der Frühgeburt und an Mongolismus“.

Ein Anfang mit neuen Geschwistern

Zunächst wurde der Vater verdächtigt, weil auf dem Pflanzenschutzmittel, das er damals als Hobbygärtner benutzte, seine Fingerabdrücke waren. Doch erst die überlebende, damals fünfjährige Tochter, konnte ihn entlasten, als es ihr besser ging. Die Mädchen lebten eine Zeit lang bei Verwandten und Bekannten, bis der Vater zwei Jahre später wieder heiratete. Plötzlich waren zwei neue Geschwister da, Margarete war nun Teil einer Patchworkfamilie. Das Drama von ’67 ist nie wieder auf den Tisch gekommen.

Heute hat Margarete ihren Frieden gemacht. Die vergangenen zehn Jahre seien die besten ihres Lebens gewesen. Sie hat einen Ehemann, eine tolle Familie, ein Haus und einen Job als Kinderbetreuerin. „Ich habe mich immer gefragt, warum ich überleben durfte“, sagt sie.

Die Antwort hat sie bis heute nicht gefunden.

(Name von der Redaktion geändert*)

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