Gastronomie in Coronazeiten

Neueröffnung in Coronazeiten: Mit Pizza aus der Krise?

Lukas Hömberg (27), Pizzaiolo Enzo Ruggiero (29) und Oliver Langer (36) bei der Arbeit, mehr oder weniger. Ausgerechnet Pizza lautet das Patentrezept.

Lukas Hömberg (27), Pizzaiolo Enzo Ruggiero (29) und Oliver Langer (36) bei der Arbeit, mehr oder weniger. Ausgerechnet Pizza lautet das Patentrezept.

Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Essen.  Allenthalben darbt die Gastroszene in der Corona-Krise vor sich hin. Dennoch gibt es immer wieder Menschen, die den Neustart versuchen.

Es brennt wieder Licht im Ladenlokal gegenüber - mitten im finstersten Corona-Lockdown, schon im Juni. Dabei hatten die Vermieter schon quasi auf der Straße rumgefragt: „Kennen Sie nicht vielleicht jemanden?“ Die Lage ist gut, aber das Lokal schwierig. Es ist klein, dafür ist die Parkplatznot groß. Ein Seuchenvogel der Immobilienlandschaft – und dennoch haben Oliver Langer und Lukas Hömberg es gemietet, um ihr Lokal „Nola“ aufzumachen.

So halb jedenfalls, noch wird an der Tür geordert und am Fenster ausgeliefert. Und womit wollen sie nun, wo die Gastronomie vor sich hin kriselt, die Menschheit beglücken und Geld verdienen? Mit Pizza! Hier, wo es binnen fünf Minuten Fußweg ein halbes Dutzend Pizzabuden gibt. Hier, wo zuvor ein deutsches Restaurant, trotz prominenter TV-Beratung unterging, ebenso ein Italiener, der am Ende die Miete nicht mehr zahlen konnte.

Was hemdsärmelig aussieht, ist genau kalkuliert

Und da kommen jetzt zwei Jungspunde, naja, so halbe, 27 und 36 Jahre sind sie alt, und wollen es schaffen? Oliver Langer, der Ältere, bemüht nur kurz die Floskeln von wegen „Krise“ und „Chance“. Er setzt auf die alte Börsianerweisheit, dass man dann in den Markt einsteigen solle, wenn er am Boden liegt. Sein Compagnon hat das schon mal mit Erfolg geschafft: Sich als Klimatechniker und Lüftungsbauer aus der Lebenskrise befreit. Und hat aufgeatmet, auch finanziell. So, dass er jetzt hier investieren kann. Sie haben viel vor:

Erstens: die Optik. Die glatten Rigipswände sind fort. Holzbalken, Fachwerk und ein Ofen, groß, schwarz und schwer, so teuer und so groß wie ein Auto. Auf dem Ofen steht „Napoli“ - mit winzigen weißen Fliesen, drunter wirft flackerndes Buchenholzfeuer das Licht bis auf die Straße.

Ein Ofen, groß und schwer wie ein Auto

Wo ein Lagerfeuer brennt, kommen Menschen zusammen, wusste schon der Neandertaler. Und wenn dieses Feuer bei 500 Grad binnen 60 Sekunden Essen zaubert, kommen sie erst recht, glauben die Neu-Gastronomen. Warum gibt es bei der Blitzpizza dann trotzdem Warteschlangen? Nun, belegen dauert halt etwas länger und das Ballett der Pizzabäcker vorm Ofen will synchronisiert sein. Ein Neapolitaner aus Berlin kam eigens eingeflogen, um Sami, den Ägypter, und Paolo, den Brasilianer, in die Geheimnisse der nunmehr einzig wahren italienischen Pizza einzuweihen.

Zweitens: „Das ist neapolitanische Pizza“, sagt Langer. Und, was kann die? Es folgt ein längeres Referat über Teigführung (24h Zeit, ruht bei diversen Temperaturen, wird sanft an die Zimmertemperatur gewöhnt). Und auch die Tomatensoße hat eine Geschichte, kaltgepresst, und der Ofen, superheiß. Und die Zutaten, die direkt aus Italien geholt werden. Also: vom Großhändler, der auch in Ratingen und Dortmund Fior di Latte führt.

Sankt Pauli - Paris - Berlin - Essen. Mehr geht nicht.

Die wichtigste Zutat ist drittens: Die Geschichte. Die vom echten Neapolitaner, die Zutat, dass derlei in Berlin schon total hip ist und natürlich der Name. Nola. Total zufällig auf GoogleMaps gefunden, Örtchen bei Neapel. Sagen die Macher. Und waren klug genug, Marigliano oder Scafati nebenan zu übersehen. Nola ist schon prägnanter. Genauso wie der Kräuterhobel im schwarz-weißen Logo.

Prägnant ist auch die Karte, weiß auf grüne Holzbretter gepinselt: Fünf Sorten Pizza, zwei Weine, Wasser aus einer Quelle mit sozialer Verantwortung, zweimal hippe Cola (einmal zuckerfrei), zweimal Wein (weiß und rot)., zweimal Bier (Bayern und Italien). Alles leicht und lecker, damit die Pizza geschmacklich dominiert. Auch kein Zufall.

Denn die vierte Zutat ist: das Wissen. Langers Eltern hatten auf Sankt Pauli einen Gastrobetrieb. Er ist via Paris und Berlin ins Ruhrgebiet gekommen, um in der NRW-School of Governance beim Politik-Guru Prof. Korte zu studieren. Und nebenbei in Bars zu arbeiten und in Großküchen. Er ist dageblieben, weil nach Hamburg-Paris-Berlin-Essen, was soll da noch kommen?

Dazu passt fünftens: das Marketing. Keine Eröffnungsparty, spärliche Infos auf Instagram, damit es sich rumspricht, als sei es ein Geheimtipp. Deswegen verklebte Scheiben, aber flotte Musik, die über Wochen aus der Tür dringt und sanfte Neugier zum großen Appetit aufs Neue wachsen lässt.

„Es lohnt sich, wenn das Konzept stimmt“

So, das sagt auch die Dehoga, kann es was werden. „Es lohnt sich immer, Gastronomie zu betreiben, wenn das Konzept stimmt, die Qualität, wenn die Zielgruppe klar ist und der Ort stimmt“, sagt Thorsten Hellwig vom Hotel- und Gaststättenverband NRW, der sonst in diesen Monaten wenig mehr tun kann als die Reihe der deprimierenden Zahlen fortzuschreiben: Umsatzeinbußen in 2020: 60 Prozent, knapp drei Viertel der Betriebe fürchten den Ruin. Wie viele Betriebe gegen den Trend den Neustart wagen, erfasst die Dehoga nicht. Aber gefühlt sind es deutlich weniger als in den Vorjahren.

Doch gegenüber brennt wieder Licht. Junge und jung gebliebene Leute sitzen mit jenen Pizzakartons auf der Straße, auf den Tischtennisplatten, auf dem Spielplatz, essen und quatschen und Oliver empfängt jeden, als wäre er oder sie ein langvermisster Freund.

Für den sechsten Faktor, das gute Wetter der ersten Wochen, können Langer und Hömberg mal nix. Schon eher für den guten Preis, auf den sie sich mit dem Vermieter geeinigt haben. Und dafür, dass die beiden Männer genau wissen, wie oft das Eckige – die Kreditkarte – auf Bezahlgerät und das Runde aus dem Ofen kommen muss. Damit das Buchenholzfeuer niemals erlischt und das Licht gegenüber nicht wieder ausgeht.

Auch hier stemmen sich Gastronomen mit neuen Lokalen gegen die Krise:

Für den vollständigen Überblick gibt es noch keine App und kein Portal, aber hier und da sind den Kollegen vor Ort weitere Lokale und Gastgeber aufgefallen, die sich gegen die Krise stemmen. In Emmerich am Geistmarkt beispielsweise blickt Mustafa al Sabaawi in die USA, er hat Anfang des Monats ein Restaurant für Burger, Steaks und SpareRips eröffnet. Heißt „Butcha“, der Fleischanteil dürfte gegenüber den legendären griechischen Vorgängern also kaum zurückgehen.

Wer es noch ländlicher haben will: Das legendäre „Mu-Café“ in den Wiesen von Klein-Netterden (im Nirgendwo an der A3 bei Emmerich) hat sich zur – Obacht! – Pizzeria gemausert. Und – Emmerich zum dritten (habt ihr außer Essen keine anderen Hobbys?: Im Jachthafen hat die Schute Marina wieder geöffnet und gibt sich – naheliegend – maritim. Auch ein Standort mit Aufs und Abs, naturgemäß. Ein bisschen leichter geht es zu in Moers im „Bistro 84“ in der Innenstadt zu, wo es schon ab 9.30 Uhr Salad-Bowls und italienische Fladenbrote gibt. Noch weiter in den Süden geht es an der Oberwallstraße, wo das marokkanisches Paar Tarik und Houda Moubtassim im „Argana“ die Gäste mit den Speisen seines Heimatlandes erfreuen will.

In Mülheims schöner Mini-Altstadt hat ein selbsternanntes Szenecafé eröffnet, vorausgesetzt wird eine Szene mit Willen zur Selbstironie, offenbar mit Erfolg, ab Oktober gibt es auch sonntags Kaffee, Kuchen, Bagels und Salate im „Kaff“.

Essen muss natürlich dagegen auf Metropole machen: Dafür sorgt seit Juni in der westlichen Innenstadt das „Mama San“, das ganz Asien crossover auf eine Karte setzt – und mit einer Dachterrasse lockt.

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