Silvester

Niederrhein: Unsere Kolumnisten wünschen einen guten Rutsch!

| Lesedauer: 10 Minuten
Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vom Niederrhein erzählen, was Silvester für sie bedeutet.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vom Niederrhein erzählen, was Silvester für sie bedeutet.

Foto: Barbara Zabka / FUNKE Foto Services

Am Niederrhein.  Kuss um Mitternacht, geheimes Wünschespiel, leckere Neujährchen – unsere Kolumnisten vom Niederrhein verraten, was Silvester für sie bedeutet.

Der letzte Tag im Jahr ist immer ein besonderer – man lässt das Alte los und stürzt sich ins Neue – immer in der Hoffnung, dass alles besser wird… Nun, eines ist schon mal klar: Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten bleiben uns auch in 2022 erhalten. Und wir haben uns gedacht, wir fragen sie alle mal, was das Wort Silvester mit ihnen macht. Woran denken sie? Was verknüpfen sie mit dem Tag? Ist der überhaupt besonders oder einfach nur so ein Tag?

Wie das so ist, mit kreativen Schreiberinnen und Schreibern – die Antworten sind verblüffend, tiefgängig und fröhlich – und wunderbar typisch Niederrhein...

Frau Zett an Silvester

Endlich Silvester! Ich bin ein großer Fan von Traditionen. Besonders zu Weihnachten und zur Jahreswende gibt es bei uns Abläufe und Dinge, die ich selbst als Kind schon kannte. Vor etwa zehn Jahren wollte ich an Silvester auch mal eine eigene Tradition kreieren: „Lasst uns von nun an immer aufschreiben, was uns in dem jeweiligen Jahr besonders gut gefallen hat und wofür wir dankbar sind“, schlug ich der Familie vor. „Die Zettel kommen in eine Box und irgendwann später werden wir sie zusammen lesen und uns erinnern.“ Die Kids stöhnten, wechselten einen Blick und schrieben: „Toll waren alle Feiertage, Wochenenden, Ausflüge und Urlaub. Danke auch für die Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke.“Im Jahr darauf dann: „Alles war toll, danke für alles.“

Am nächsten Silvester feierten wir auswärts und ich vergaß, auf die Erinnerungszettel zu bestehen, vermutlich zur Erleichterung der Familie. Stattdessen fingen wir irgendwann an, an Heiligabend nach der Bescherung alte Familienfotos und -videos zu gucken – was bis heute schön ist, viele Erinnerungen weckt und für reichlich Heiterkeit, Dankbarkeit und auch ein bisschen Wehmut sorgt. Trotzdem will ich heute an meine alte Intention anknüpfen und Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, Danke sagen. Dass Sie mich freitags lesen und mir so ein schönes Feedback geben. Eines sei heute verraten: Die meisten Ihrer Mails kamen nach der Kolumne „Guck mal, wer da spricht“. Es ist sehr beruhigend für mich zu wissen, dass der halbe Niederrhein offenbar mit sich selbst redet... Also: Danke für alles und kommen Sie gut ins Neue Jahr!

Sabine Zett ist erfolgreiche Buchautorin, Journalistin, Lese-Botschafterin und Comedian. Sie lebt seit 25 Jahren am Niederrhein.

Dr. Georg Cornelissen über Prost, Prosit, Prösterchen

Prost Mahlzeit“ und „Prost Neujahr“: Sehr viel unterschiedlicher könnten zwei Formeln nicht sein. Die erste drückt Enttäuschung oder Ärger aus („Na dann: Prost Mahlzeit!“), in die andere kleiden wir unsere besten Wünsche: Das neue Jahr möge Gesundheit und viel Gutes bringen, in altdeutscher Diktion: „Zum Wohle!“ Entstanden ist „prost“ aus lateinisch „prosit“ (es möge nutzen), später wurde das possierliche „prösterchen“ hinzugedrechselt.

Am Niederrhein konkurrieren „Prosit Neujahr“ (zweimal hinten betont) mit „Prost Neujahr“ (Betonung in der Mitte), letzteres passt zum Dialekt: „Prost Nejjohr!“ Dasselbe Betonungsmuster zeigt sich im postmodernen „Froh‘s Neues!“ Wer nach dem Jahreswechsel als erster oder als erste „Prost Neujahr“ wünscht, hat „gewonnen“. Am Niederrhein war es einmal sehr beliebt, Kinder gewinnen zu lassen und ihnen dann auch noch ein kleines Geschenk zu machen. Früher wurden am Neujahrstag auch gern „Neujährchen“ serviert, auf Platt „Nejjöhrkes“: Gebackenes verschiedener Art, etwa Brezeln oder Krapfen.

Erich Fromm schreibt in seinem Buch über „Die Kunst der Liebe“, Aktivität sei „der schöpferische Gebrauch der eigenen Kräfte“. Da is wat dran, abber: Wie können wir unter den Bedingungen der Pandemie aktiv bleiben und aktiv werden? Was wir im neuen Jahr offenbar brauchen, sind, mehr noch als gute Vorsätze: gute Ideen. Und viel Geduld – „aktive“ Geduld, um mit Fromm zu sprechen. In diesem Sinne: Kommen Sie gut rein! Und nix für ungut!

Dr. Georg Cornelissen, langjähriger Sprachforscher in Diensten des LVR in Bonn, ist mittlerweile sprachforschender Ruheständler.

Susanne Wingels flüstert uns Neujahrsgrüße zu

Wie jedes Jahr mache ich mir Gedanken, setze meine Ziele für das neue Jahr. Dieses Jahr waren es „Licht und Kreativität“, das Jahr davor „Akzeptanz“ (was nur mäßig gelang). Dann ist es so weit, die letzten Stunden des Jahres brechen an, der Sekt steht kalt, wir schauen „Dinner for One“, essen Fondue und spielen Gesellschaftsspiele. Und ich denke an die Jahre, in denen Silvester „anders“ war: 1999, als mein Mann fernab der Familie auf einer Umspannstation darüber wachte, ob um Mitternacht wegen des Datumswechsels der Strom ausfällt, oder aber 1992!

Silvester 1992 – eine Erinnerung, die in mir heute noch tiefe Dankbarkeit weckt. Ich war gerade 23 Jahre alt geworden, und die Hoffnung auf ein gutes Ende einer unerfüllten vergangenen Liebe hatte mich in das alte Lohmann-Fabrikgebäude in Emmerich gelockt, wo eine große Party stattfand und ich meine Zeit mit dem Freundeskreis eben jenes jungen Mannes verbrachte, der mich konsequent ignorierte. So kam es, dass ich mich um Mitternacht heulend auf einer Bank im Flur des Lohmann-Gebäudes wiederfand, umsorgt von einer lieben Bekannten, die sich in dem Moment zwar um mich kümmerte, sich aber sicher am liebsten weit weggewünscht hätte. Da stand plötzlich ein unbekannter junger Mann vor mir, hob mich hoch, küsste mich und wünschte mir ein glückliches neues Jahr 1993.

Ich werde diesen Augenblick nie vergessen. Bis heute erfüllt mich tiefe Dankbarkeit, und vielleicht liest er das ja, der heute nicht mehr ganz so junge Unbekannte von damals, und ich kann es endlich sagen: DANKE! Ihnen, liebe Leser, wünsche ich gute Gedanken zum Jahreswechsel und ein glückliches und gesundes Jahr 2022 mit vielen schönen Momenten!

Susanne Wingels aus Bedburg-Hau flüstert uns regelmäßig Geschichten vom Land zu.

Okko Herlyn braucht keinen magischen Augenblick

Silvester verbreitet eine merkwürdige Stimmung. Überall Rückblicke und Bilanzen. Ereignisse des Jahres, Politikerinnen und Sportler des Jahres, Highlights und Pleiten des Jahres. Ein skurriles Panoptikum der verflossenen Monate, deren innere Ordnung oder Unordnung niemand durchschaut. Ein wirres Knäuel völlig zusammenhangloser Personen, Schicksale, Zahlen und Katastrophen.

Merkwürdig auch, welch Faszination von jener magischen Sekunde ausgeht, der wir an diesem Abend entgegenfiebern: dem Übergang vom alten zum neuen Jahr. So als würde von diesem einen Augenblick irgendeine einteilende, ordnende, ja geradezu sinnstiftende Kraft ausgehen. Und dann ist es wieder wie in jedem Jahr: Böller, Sektkorken, Umarmungen. Und allenthalben natürlich: „alles Gute“.

Merkwürdig schließlich, wie nach diesem kurzen Stimmungsrausch alles wie Asche in sich zusammenfällt. Nichts ändert sich durch jenen vermeintlich magischen Wendepunkt um Zwölf. All das, was wir von ihm erwartet haben: Ordnung, Maß, bilanzierendes Klären, Sinnstiftung – all das wird dieser Augenblick auch in diesem Jahr vermutlich wieder einmal nicht halten können. Und jenes Knäuel aus Hoffnungen, Ängsten und Wünschen werden wir auch gleich ins neue Jahr mitbringen.

Der christliche Glaube misst Silvester keine tiefere Bedeutung bei. Orientierung zieht er aus der Gewissheit, dass ein Anderer mit uns durch die Zeiten geht. Dafür braucht es keinen magischen Augenblick. Nur etwas Gottvertrauen. Und ein waches Herz.

Okko Herlyn, Theologie-Professor und Kabarettist, wohnt in Duisburg-Rumeln.

Bettina Schulte-Kleipaß verrät, wie das geheime Silvester-Wünsche-Spiel funktioniert

Neben Weihnachten war Silvester für uns der schönste Abend im Jahr. Für Oma war es wichtig, dass möglichst alles vom alten Jahr erledigt wurde. Dazu gehörten z. B. Schubladen aufräumen und die restlichen Schneiderarbeiten beenden.

Mit Wunderkerzen bewaffnet gingen wir kurz vor Mitternacht hinaus in die Silvesternacht, um das Feuerwerk und die knallenden Sekt- und Champagnerkorken zu genießen und uns Neujahrswünsche zuzurufen. Doch vor dem eigentlichen Silvesterabend hatte Oma immer ein ganz besonderes Ritual für uns. Ihr geheimes Silvester-Wünsche-Spiel, welches wir bei Einbruch der Dämmerung draußen spielen durften. Das Spiel geht folgendermaßen:

Pro Person zwölf kleine Zettel und Stifte; pro Person ein Glas; eine Feuerschale mit brennendem Feuer

Jede Person schreibt am Silvestermorgen für jeden Monat des neuen Jahres jeweils einen Wunsch auf einen Zettel. Die zwölf Zettel werden gefaltet ins ein Glas gelegt. Am Silvesterabend versammeln sich alle, die mitspielen möchten, um das Feuer und die älteste Person zieht einen Wunschzettel aus ihrem Glas. Sie kann den Wunsch teilen oder für sich behalten. Für die Erfüllung des Wunsches im Laufe des folgenden Jahres muss die Person alles tun, was möglich ist. Die anderen elf Wünsche werden ins Feuer gelegt und zur Umsetzung dem Universum überlassen. So geht es reihum.

Wenn die Zettel verbrannt waren, starteten wir unsere Silvesterparty mit „Dinner for One“, Bleigießen, Bowle und selbstgemachten Silvesterkrapfen. An unserem Silvester-Ritual hat sich bis heute nicht viel verändert. Ich wünsche Ihnen, dass Ihre zwölf Wünsche für das neue Jahr in Erfüllung gehen und einen „Guten Rutsch!“

Bettina Schulte-Kleipaß aus Kalkar-Wissel gibt Tipps für alle Lebenslagen. Übrigens alles Haushaltsmittelchen ihrer Oma Dornick.

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