75 Jahre NRZ

NRZ-Gründer Dietrich Oppenberg stand für Überzeugungen ein

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75 Jahre NRZ - 1946: Die erste Ausgabe der NRZ erscheint

75 Jahre NRZ - 1946: Die erste Ausgabe der NRZ erscheint

75 Jahre NRZ:1946 erscheint die erste Ausgabe der NRZ. Das Blatt wird in Essen als Neue Ruhr Zeitung, später Neue Rhein Zeitung gegründet.

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Essen.  Lukas Oppenberg erinnert sich stolz an seinen Großvater Dietrich Oppenberg, der von den Nazis verhaftet wurde und im Jahr 1946 die NRZ gründete.

Lieber zur Bronze-Büste? Oder doch besser zum Porträt in Öl? Lukas Oppenberg schaut sich um im Konferenzzimmer des NRZ-Hauses in Essen und überlegt zusammen mit dem Fotografen, was wohl das bessere Bildmotiv wäre. Der 42-Jährige hat die Einladung der Redaktion gerne angenommen, um von seinem berühmten Großvater zu erzählen: von Dietrich Oppenberg, der im Jahr 1946 im Alter von 28 Jahren die NRZ gründete, und deren Herausgeber er bis zu seinem Tod im Jahr 2000 blieb. Schließlich fällt die Entscheidung auf das Gemälde von Georg Meistermann, der Oppenberg porträtiert hat, natürlich mit einer Zeitung in der Hand.

„Opa Dieter hat meiner Schwester und mir oft Bücher mitgebracht“, erinnert sich der Enkel. Viele Jahre war Dietrich Oppenberg auch Buchverleger, besuchte die großen Branchenmessen in Frankfurt und Leipzig. Dabei dachte er dann stets an seine beiden Enkel und brachte ihnen Lesefutter mit. Gerne hat er den Kindern vorgelesen. An Grimms Märchen erinnert sich Lukas Oppenberg. „Die meisten konnte er uns auch erzählen.“

Dietrich Oppenberg war ein aufmerksamer Zuhörer

Und immer wieder musste der Großvater die Bilderbücher von den drei „Böckchen Brüse“ vorlesen, die sich gegen die bösen Trolle zur Wehr setzen mussten. Dietrich Oppenberg werden diese Geschichten aus Norwegen gefallen haben. Es geht da ums Zusammenhalten, um Respekt vor anderen, um Zivilcourage und Standhaftigkeit gegenüber Autoritäten. „Er war ein sehr aufmerksamer Zuhörer“, berichtet Lukas Oppenberg, der während der Erkrankung seiner Mutter als Kind über mehrere Wochen bei den Großeltern in Essen wohnte.

Als Teenager erzählte er bei einem Familienfest mal von seinem Hobby, alte Telefone auseinanderzuschrauben, mit Leuchtdioden zu versehen und wieder zusammenzusetzen. Zwei Tage später brachte der Fahrer von Dietrich Oppenberg ein großes ausrangiertes Münztelefon aus dem Verlag vorbei: „Mit herzlichen Grüßen von Opa“.

Ein Autogramm von Willy Brand für die Klassenkameraden

Dass der Großvater offenbar viel Besonderes erlebt und geleistet hat, bekamen die Kinder eher am Rande mit. Zum Beispiel, wenn sich beim NRZ-Wandertag am Baldeneysee der Essener Bürgermeister mit ihnen unterhielt. Oder wenn sie zu Heino auf die Bühne geholt wurden. Oder wenn er ein Autogramm von Willy Brandt für einen Klassenkameraden des Enkels besorgte.

Oder wenn es einen Empfang gab, bei dem der Opa einen Orden bekam oder ihm die Ehrenprofessur verliehen wurde oder Minister zum Geburtstag kamen, mit Leibwächter. Und später, als der Großvater schon schwer erkrankte, war mal die Stimme von Bundespräsident Johannes Rau auf dem heimischen Anrufbeantworter. Das Staatsoberhaupt erkundigte sich nach dem Gesundheitszustand seines Freundes Dietrich.

Für Lukas und seine Schwester war der Großvater der liebe Opa, der vorlas, Schneemänner mit ihnen baute, Wanderstöcke schnitzte und der ihnen bei langen Spaziergängen so spannend die Natur erklärte. Erst später hat Dietrich Oppenberg Lukas erzählt, warum er so viel über Weizen, Gerste, Hafer und Rüben wusste.

In den 30er-Jahren hatten die Nazis den jungen Sozialisten verhaftet, eingekerkert und zur Zwangsarbeit aufs Land geschickt. Oppenberg, Sohn einer jüdischen Mutter und eines Krupp-Arbeiters, erlebte Verfolgung, Zwang und Folter. Und er erzählte den erwachsenen Enkeln vom Schrecken des Krieges, wie er die Leichen von Zwangsarbeitern aus den Trümmern der Zeitungsdruckerei bergen musste, bei der er nach der Entlassung aus der Gestapo-Haft Arbeit gefunden hatte.

„Opa hat nie viel über die Zeitung erzählt“

Verbittert hat all das Dietrich Oppenberg nie. Die Familie hat ihn als einen optimistischen und humorvollen Menschen in Erinnerung behalten. Und als jemanden, dem das Erleben von Diktatur und Krieg zum Antrieb wurde, sich zeitlebens für Freiheit, Demokratie und Frieden einzusetzen – auch mit der Gründung einer Zeitung im zerstörten Deutschland. Er gehörte zu den ersten, die von den Siegermächten eine Lizenz zur Gründung einer Zeitung erhielten. Als Verfolgter des Naziregimes galt Oppenberg als untadelig und als Hoffnungsträger für ein neues, ein demokratisches Deutschland.

„Uns hat Opa nie viel über die Zeitung erzählt“, sagt Lukas Oppenberg. Aber er weiß noch genau, was die ersten Buchstaben waren, die er schreiben konnte: N, R und Z. „Mein Großvater hat immer für seine Überzeugung eingestanden“, sagt Lukas Oppenberg, der als Tischlermeister in den Werkstätten der Bochumer Uni arbeitet. Das empfindet der Enkel als Erbe und als Auftrag zugleich. „Ich will auch in meinem Alltag Zivilcourage zeigen und einschreiten, wenn sich zum Beispiel jemand in meiner Gegenwart rassistisch äußert. Das will Lukas auch an seine drei Kinder weitergeben, die einen berühmten Namen tragen: Brendon, Ruben und Chris Oppenberg.

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