75 Jahre nach Auschwitz

NS-Gedenkstätten mit Besucherrekord – und Herausforderungen

Die NS-Burg Vogelsang, eine von drei Kaderschmieden der Nazis ist der zweithäufigst besuchte Gedenkort in NRW.

Die NS-Burg Vogelsang, eine von drei Kaderschmieden der Nazis ist der zweithäufigst besuchte Gedenkort in NRW.

Foto: Jakob Studnar / Jakob Studnar,

An Rhein und Ruhr.  In NRW gibt es 29 Gedenkorte, die an die Nazizeit erinnern. Sie sind so gut besucht wie nie – stehen aber jetzt vor gewaltigen Herausforderungen.

Die Menschen in NRW interessieren sich offenbar mehr denn je für die Zeugnisse der NS-Zeit vor ihrer Haustür: Die 29 Gedenkorte im Land hatte im vergangenen Jahr mehr als 410.000 Besucher – das sind knapp 50 Prozent mehr als noch 2015. Mehr als verdoppelt hat sich zudem die Zahl der Seminare in den Gedenkorten: von 730 auf 1824. „Wie konnte das geschehen? – Diese Frage ist an Aktualität kaum zu überbieten“, so Klaus Kaiser, parlamentarischer Staatssekretär im NRW-Ministerium für Kultur und Wissenschaft.

Förderung durch das Land ist um rund 20 Prozent gestiegen

Dabei haben Land und die oft in ehrenamtlicher Initiative in den Kommunen entstandenen Gedenkorte lange miteinander gefremdelt: „Vor 25 Jahren saßen wir quasi noch am Katzentisch bei den Gesprächen“, erinnert sich Professor Alfons Kenkmann, Vorsitzender des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten in NRW, mittlerweile fördert das Land die Arbeit der Stätten zwischen der Ordensburg Vogelsang in der Eifel und der Wewelsburg in Ostwestfalen mit 1,8 Millionen Euro – 20 Prozent mehr als noch 2017.

„Das ist für uns sehr wichtig, dank einer Projektförderung können wir jetzt endlich kontinuierlich arbeiten“, freut sich Daniel Schmidt, Leiter der NS-Gedenkstätte in Gelsenkirchen, die seit 1994 in den Geschäftsräumen der NSDAP-Ortsgruppe eingerichtet ist. Zuvor war die seit 2013 eingerichtete pädagogische Stelle immer nur befristet gewährt worden. Folge: Alle zwei Jahre musste sie mit einer neuen Person besetzt werden, Know-how und Netzwerk gingen verloren.

Dies zu erhalten, wird zunehmend wichtiger. Klaus Kaiser, der 27 von 29 Gedenkstätten einen längeren Besuch abgestattet hat (die beiden noch fehlenden folgen im März), hat sich nach eigenen Angaben Zeit genommen, um die Arbeit vor Ort „in Echtzeit“ zu erleben – und nimmt die entsprechenden Herausforderungen wahr. Zum einen steht ein doppelter Generationenwechsel an. „Diejenigen, die das Unrechtssystem und die Verfolgungen durch das NS-Regime noch bewusst erlebt haben, sind heute hochbetagt.“ Daher müssten neue Vermittlungs- und Ausstellungsformate entwickelt werden

„Was in den Medien und im öffentlichen Raum passiert, das trifft auch uns“

Der zweite Generationswechsel betrifft die Aktiven in den Einrichtungen: die oft ehrenamtlichen Initiatoren gehen in den Ruhestand. Gleichzeitig nehmen die Herausforderungen zu. „Wir erleben auch bei uns, dass Dinge gesagt und gefragt werden, die vor zehn Jahren noch niemand geäußert hat“, sagt Andrea Nepomuck von der NS-Gedenkstätte Vogelsang in der Eifel. „Was in den Medien und im öffentlichen Raum passiert, das trifft auch uns. Es gärt in der Mitte der Gesellschaft, wir erleben auch Geschichtsvergessenheit und Revisionismus und stellen uns die Frage: Wie können wir da Debatte und Nachdenklichkeit erreichen?“

Das Problem: Nach dem NS-Dokumentationszentrum in Köln (97.000 Besucher) ist Vogelsang mit 77.000 Besuchern der zweithäufigst besuchte Gedenkort in NRW. „Wir haben eine der größten baulichen Hinterlassenschaften der NS-Zeit und die Ideologie ist in die Architektur eingeschrieben“, weiß Andrea Nepomuck um die Schwierigkeit, die falschen NS-Interessierten in die Eifel zu locken. Deswegen wird auch an einer solchen NS-Kaderschmiede, einem Täterort also, nicht nur die Geschichte der dort ausgebildeten Ordensjunker erzählt, die in Polen und den Ostgebieten in vielen Fällen Herren über Leben und Tod waren, sondern auch die Geschichte der Opfer.

Dabei ziehen sie und das Team der Gedenkstätte bei den Besuchern klare Grenzen: „Wer NS-Ideologie zur Schau stellt durch T-Shirts, Tätowierungen oder Statements, bekommt Hausverbot. Wenn wir entsprechende Fotos unserer Gedenkstätte im Internet finden, erstatten wir auch Anzeige und arbeiten da mit Polizei und Staatsschutz zusammen“, sagt sie.


Ähnliche Erfahrungen gibt es auch in Gelsenkirchen: „Wir haben erlebt, dass die Partei ,Die Rechte’ mit Plakaten mit grenzwertigen Slogans gezielt vor der Synagoge und der Gedenkstätte plakatierte und dies auch höhnisch im Netz dokumentiert hat. Es gibt Übergriffe auf Erinnerungsorte, die Gedenktafeln, etwa 12 bis 15 im Stadtgebiet, werden zerstört, das ist gezielter Vandalismus“, berichtet Daniel Schmidt.


Der Umgang mit neuen (oder sich eher öffentlich äußernden) Rechten ist das eine, der Umgang mit einer jüngeren, migrantischen Generation das andere. Doch auch ohne die Frage, was die eigenen Groß- oder Urgroßeltern in der NS-Zeit erlebt haben, kann man Schülerinnen und Schüler heute packen. „Die Menschen mit Zuwanderungshintergrund sehen sich auch als Gelsenkirchener“, weiß Daniel Schmidt.

Die Gedenkstätte setzt daher auf Gelsenkirchener Geschichten: Vom geflüchteten jüdischen Jungen, der als Befreier mit den amerikanischen GIs zurückkehrte genauso wie mit Schalke-Profi Fritz Szepan, der als Gewinnler der Judenverfolgung für kleines Geld ein Textilgeschäft übernehmen konnte

Details des Holocausts können bei Flüchtlingen zur Re-Traumatisierung führen

Unterdessen warnt Professor Kenkmann davor, Schüler zum Besuch von Gedenkstätten zu zwingen, insbesondere wenn es sich um traumatisierte Flüchtlinge handelt: Diese mit akribischen Details des Holocausts zu konfrontieren, kann auch zu einer Re-Traumatisierung führen, wenn die Flüchtlinge selbst Opfer von Krieg, Verfolgung und Vertreibung waren.

„Wir haben seit 2015 eine modere Ausstellung, die zeigt, wie die NSDAP, die in Gelsenkirchen eher schlechte Wahlergebnisse hatte, nach 1933 es schaffte, Zustimmung zu organisieren“, erzählt Schmidt. „Es gab Menschen, die zur Volksgemeinschaft dazugehören durften und solche, die brutal ausgeschlossen wurden. Das ist ein Schlüsselprinzip der NS-Herrschaft. Die Frage: ,Darf ich dazugehören oder nicht’ ist eine, die die Jugendlichen sofort packt.“

Staatssekretär Kaiser ergänzt: „Der Frage: ,Wie hätte ich gehandelt?’ kann man sich nicht ernsthaft entziehen. Man muss sich moralischen Fragen stellen, ohne zu moralisieren.“ Dies bleibt die immer aktuelle Aufgabe der NS-Gedenkstätten. Erstmals werden sie im April ihre Arbeit in einer gemeinsamen Ausstellung im Düsseldorfer Landtag präsentieren. Die Schau wird anschließend durch die Gedenkorte in NRW touren. Und wenn es darob noch mehr interessierte Besucher gäbe – es wäre im Sinne der Beteiligten.

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