Möbelmesse

Ob Schrankwand oder Matratze: Alle Möbel werden nachhaltig

Couch mit Komfort: Dieses Sofa merkt sich ganz smart die Lieblingsliegeposition.

Couch mit Komfort: Dieses Sofa merkt sich ganz smart die Lieblingsliegeposition.

Foto: Ewald Schillig / dpa-tmn

Köln.  Auf der imm cologne zeigen rund 1200 Aussteller bis zum 19. Januar neue Möbeltrends. Smarte Spiegel ebenso wie neue Matratzen aus alten Flaschen.

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Schade eigentlich, aber diese Internationale Möbelmesse in Köln wird wohl die ungefähr vorletzte gewesen. So oft, wie die Aussteller das Wort nachhaltig im Munde führen, bleibt einfach nur ein Schluss: Man richtet sich einmal im Leben ein – und das mit Möbeln für die Ewigkeit. Komisch nur, dass es die „imm cologne“ Jahr für Jahr schafft, rund 1200 Aussteller und etwa 150.000 Menschen nach Köln zu locken.

19 Millionen Bundesbürger wollen sich in 2020 neue Möbel kaufen

Dummerweise wollen sich auch nur rund 19 Millionen Bundesbürger im kommenden Jahr neue Möbel kaufen. Bleiben also noch etwas über 60 Millionen, die dann in den Jahren darauf womöglich noch nachhaltigere Möbel kaufen können – insofern wird es mutmaßlich doch noch ein paar weitere Möbelmessen geben müssen.

Die schöne neue Möbelwelt, sie wäre ganz im Sinne der bösen Stiefmutter vom schönen Schneewittchen. Denn der Badezimmerspiegel, der morgens auf die Frage, wer denn bitteschön die Schönste im ganzen Land ist, mit einer Liste der derzeitigen Topmodels auf dem Display zwischen zerzauster Mähne, Schlaffalten und und Bartstoppeln antworten kann – er ist mittlerweile erfunden.

Und was früher Mütter und Stiefmütter zur Weißglut brachte – Fettfinger auf dem Spiegel – wird quasi zur Benutzerpflicht: Das Spieglein an der Wand ist jetzt ein Touchscreen. Denn wenn Möbel irgendwas sein müssen außer nachhaltig, dann ist das smart. In einem eigens eingerichteten Smartvillage gibt es von der Strom erzeugenden Dachziegel über die selbstverständlich fernregulierbare Lüftung und Heizung bis zur „Smart Residence“, in der dann auch gleich der Pflegeroboter mit in die Wohnung integriert wird und so das Leben bis ins hohe Alter smart werden lässt.

Indes: Am meisten fotografiert wird eher ein sehr smartes Regel, das sich schwenkend in einen Tisch verwandelt. Ein Hingucker, an dessen Nachhaltigkeit man dennoch leise Zweifel hegen darf: Wer bitteschön, möchte denn seinen Regalinhalt komplett auf dem Tisch ausgebreitet sehen? Oder stellt sein Service so geschickt und raumfüllend ins Regal, dass beim Umklappen direkt ein gedeckter Tisch entsteht?

Eine Minisauna in der Schrankwand

Der junge und smart lebende Mensch indes ist mit hohen Quadratmeterpreisen konfrontiert, auch das haben die Möbelmacher im Smart Village im Blick und ins „Smart Loft“ nicht nur eine Minisauna, für die man nicht nur sich, sondern auch einen Teil der Schrankwand auszieht: Vorher ist sie 60 Zentimeter schmal, wenn Sauna und Saunierer ausgezogen sind, können sie zu zweit bequem schwitzen. Ebenfalls smart: Die an der Zimmerdecke aufgehängte Schreibtischplatte, die per Knopfdruck an die Decke entschwebt, um Platz für die Party zu schaffen. „Und man muss nicht einmal den Schreibtisch aufräumen“, so Projektleiter Christof Flötotto.

Er scheint einer der wenigen zu sein, die so nachhaltig unaufgeräumt denken. Denn unweigerlich stellt sich nach ein paar Stündchen zwischen all den schicken neuen, nachhaltigen Designermöbeln, Ablagetischen, Vitrinen und dekorativen Tischen die Frage, ob alle anderen Leute einfach gar keinen Krimskrams mehr haben, keinen Zeitungsstapel, keine halbvertrockneten Blumen, halbvollen Gläser, Brillenetuis, klebrigen Naschkram, vergessene Kinderspielzeuge und Fernbedienungen für die ganze smarte und unsmarte Technik. Das Leben auf der Möbelmesse – es ist so unfassbar aufgeräumt.

Immerhin: Deutschlands berühmtester Sofamacher Rolf Benz hat eine neue Produktlinie mit Sofas, die Ablagen haben. Hinterm Rücken! Also hinter den Kissen, von denen man für die skandinavische Sitzposition ein paar mehr braucht als in der italienischen Variante: Im Süden fläzt man sich halt ein bisschen mehr, erklärt Sofadesigner Luca Nicetto.

Das Sofa steht nicht mehr mit dem Rücken zur Wand

Hinter Kissen und Lehne gibt es dann tatsäch eine Ablage, natürlich mit nachhaltigem Marmor und darunter gleich noch etwas, das auf der Möbelmesse dekorativ mit Büchern und kleinen Skulpturen bestückt wird. Wir merken uns: Zeiten, in denen wenigstens Sofas noch mit dem Rücken zur Wand stehen durften, sind weitgehend vorbei. Merke: Wer sich den Benz fürs Wohnzimmer leistet, den juckt der Quadratmeterpreis der Wohnung nicht mehr so wirklich.

Eher in Raummetern denkt man bei der Firma Hartmann. Die machen Echtholzmöbel. So, dass man das Holz auch sieht. Die deutsche Eiche also, sie kehrt ins Wohnzimmer zurück, aber dieses Mal samt effektvoll beleuchteter Rinde. Bisschen klotzig das alles, aber die Firma Hartmann versichert, nicht nur in Sachen Strom, Wasser und Werkstoffen klimaneutral zu arbeiten.

Wer bei ihr Möbel kauft, kauft direkt eine Waldfläche in Thüringen mit: Dort wachsen dann neue deutsche Eichen. Die brauchen rund 100 Jahre, bis man wieder neue Möbel daraus machen könnte Falls die Urururenkel dann doch mal irgendwann neue nachhaltige Möbel haben wollen.

Müde vom Bummeln? In Halle 7 ist die „Sleep Lounge“ mit diversen Betten und Matratzen. Und die sollen übrigens wirklich nachhaltig werden: Ab 2021 gibt es eine Rücknahmepflicht für die rund sechs Millionen Matratzen die Jahr für Jahr in Deutschland gegen neue ausgetauscht werden. Die neue Matratze könnte dann beispielsweise aus alten Flaschen bestehen: Plastikflaschen werden mittlerweile zum Schaumstoff rings um den Federkern, so Ralf Werner von der „Euro Comfort Group“.

Geschlafen wird künftig auf kleinen, spitzen Pyramiden, das empfiehlt der Chiropraktiker

Plakaten an einem anderen Stand nebenan lässt sich entnehmen: Die deutschen Chiropraktiker scheinen sich mit indischen Fakiren abgesprochen zu haben: Künftig soll man auf kleinen spitzen Pyramiden ruhen. Immerhin aus Schaumstoff. Für einen nachhaltigeren Rücken. Damit der smarte Spiegel einem am nächsten Morgen sagt, wie entspannt man aussieht...

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