RS1-Selbstversuch

Probetour: Unterwegs auf dem langsamsten Schnellweg der Welt

 Ende Gelände: Derzeit endet der Radschnellweg Ruhr recht abrupt an der Hochschule Ruhr-West in Mülheim

 Ende Gelände: Derzeit endet der Radschnellweg Ruhr recht abrupt an der Hochschule Ruhr-West in Mülheim

Foto: Foto / Hermsen

An Rhein und Ruhr.  Vom Radschnellweg Ruhr sind erst drei Kilometer fertig. Was passiert, wenn man die geplante Strecke von Duisburg bis Hamm zu fahren versucht?

Es ist eine verfahrene Situation. In der eigenen Stadt, nicht mal fünf Kilometer von der eigenen Haustür entfernt, suche ich mal wieder nach dem Weg, irgendwo in Essen-Frillendorf. Die Fragestellung lautet: Wo bitte geht’s nach Wattenscheid? Und wo ist dieser Radschnellweg eigentlich? Den sollte es doch längst geben: Vor nunmehr fünf Jahren ist mit großen Getöse und einer Machbarkeitsstudie das Riesenprojekt „Radschnellweg Ruhr“ auf den Weg gebracht worden – und 2019 sollte er befahrbar sein – hundert Kilometer, von Rheinhausen bis Hamm, quer durchs Revier.

Nun, Probieren geht über Studieren. Deswegen habe ich einige Stunden zuvor den Selbstversuch gestartet. Wo gibt es den Radschnellweg? Wo gibt es Alternativen? Und wo muss man alle paar Hundert Meter im Großstadtdschungel aufs Handy starren, um herauszufinden, wo es weiter gehen könnte? Hier in Frillendorf geht es erstmal bergauf. Auf einer Straße ohne Radweg. Nicht schön.

In Duisburg ist erst einmal Planungspause

Angefangen hat es nicht viel besser: Der westliche Startpunkt des RS1 ist die Eisenbahnbrücke von Rheinhausen nach Hochfeld in Duisburg. Warum der Weg im Nirgendwo des Logistikgeländes am Rhein beginnen soll, weiß der Kuckuck. Zum Trost sei gesagt: Man kann von Rheinhausen Mitte relativ entspannt zur Rheinbrücke radeln. Und auch rauf. Oben muss man schwindelfrei sein. Rechts rollen die Züge, links unten fließt der Rhein und der Weg ist gerade 1,20 Meter breit und die Geländerhöhe entspricht garantiert nicht der EU-Norm.

Danach ist in Duisburg vom Radelvergnügen zunächst recht wenig zu sehen. Immerhin gibt es hier und da neue Radwege an Hauptstraßen. Das alte Dilemma inbegriffen: Wird am Straßenrand gebaut, erwartet man vom Radfahrer immer, dass er schön brav absteigt, die Straßenseite wechselt, dort wagemutig auf dem Radweg in Gegenrichtung radelt oder schiebt und danach wieder auf die richtige Seite zurückkehrt… Und unter Brücken ist es zu schmal für Rad und Auto, da muss der Radfahrer auf seinen Weg verzichten.

Ändern wird sich in Duisburg erstmal nichts, bestätigt auch Sebastian Artmann. Seit Ende 2016 gibt es ein neues Straßen- und Wegegesetz, der Schnellweg wurde in den Rang einer Landstraße gehoben und deswegen ist Straßen.NRW zuständig – und dort Sebastian Artmann.

Alleine aber, so Artmann, hat Straßen.NRW nicht genug Planungspersonal und ist zudem auf die Expertise und Ortskenntnis der Kommunen angewiesen. Nur: die Stadt Duisburg hat gerade bekannt gegeben, dass sie in den nächsten zwei Jahren keine Planungskapazitäten hat. Fristen für die Planung setzen will Artmann nicht. Wie gesagt: Man ist auf das Wohlwollen der Kommunen angewiesen. Und der Umweltverbände und der Anlieger und der drei beteiligten Bezirksregierungen.

Denn: „So eine Planung dauert rund zweieinhalb Jahre.“ Wenn alle zustimmen. Sonst muss ein Planfeststellungsbeschluss her. Und der kostet noch mal einige Jahre. Das will Artmann verhindern. Der ADFC ist nicht amüsiert: Erstens solle Straßen.NRW zusehen, dass es Planungskapazitäten umschichtet – Straßenplaner zu Radwegplanern.

Das zweite Gleis wird Radweg – in der Eifel geht das

Tröstlich ist: In Duisburg kann man schon heute sehr schön radeln, sogar nahe der Trasse. Jedenfalls, wenn der Radschnellweg sich auch hier am Rande des Sternbuschfriedhofs entlanghangeln wird. So geht es Richtung Mülheim. Platz wäre hier heute schon: Die Bahn hat die einst zweigleisige Strecke auf einen Schienenstrang zurückgebaut, das gibt immerhin schon mal rund sechs Meter Platz – bei Radwegen in der (rheinland-pfälzischen) Eifel gibt es das seit langem. Wo die Bahn ein Gleis aufgegeben hat, kommt ein Radweg hin. Gebaut wird in Duisburg noch nichts. Aber es gibt nette Pättkes parallel zur Bahn. Kein Schnellweg, aber schönes Radeln.

Doch Provisorien, so Artmann, sind knifflig. Sogar ein Beschildern einer vorläufigen Strecke sei rechtlich schwierig. Weil: Das Land, also Straßen.NRW, ist später für die Pflege des RS1 verantwortlich. Vorher sind es die Kommunen. Der ADFC in Person von Thomas Semmelmann hingegen kann einer vorläufigen Ausschilderung durchaus was abgewinnen: „Das wäre eine charmante Lösung.“

Zurück auf die Piste: Noch einmal die viel befahrene Duisburger Straße queren und dann geht es in Mülheim endlich richtig los: Am Campus der Hochschule West ist das Ausbauende, das in Richtung Osten ein Anfang ist. So, wie der Schnellweg mal werden soll: beleuchtet und mit klar gekennzeichneten Fahrspuren in beide Richtungen. Ein Radelparadies. Ein Grund zu Feiern: Sogar der Landesverkehrsminister kam, um das erste - äh - Hundertstel der Strecke zu feiern.

Irgendwer hat sich so sehr darüber gefreut, dass er gleich einen Eröffnungscocktail auf die Bahn geschmissen hat. Samt Glas. Orangenschalen und Splitter liegen noch auf der Trasse: Straßen.NRW. bitte fegen Sie! Nach Mülheim rollt man über die Ruhr auf der alten Eisenbahnbrücke. Rechts vorn grüßt dann die bislang größte Lachnummer des Schnellwegs: Der Radelaufzug in die Mülheimer Innenstadt. Der gut funktioniert. Sonntags, bei Sonnenschein, 18 Grad und leichtem Westwind für Radfahrer mit Sternzeichen Rahmenbruch, Aszendent Kettenfett. Für alle anderen ist er leider meist defekt.

In Mülheim wird die Radautobahn mal eben zur Spielstraße

Ansonsten fühlt sich der Radler ungefähr so wie der ICE auf der Berliner Stadtbahn: Auf gemauerten Bögen sechs Meter über der Stadt. Leider mögen es Mülheimer Radwegeplaner spielerisch. Haben aus dem Schnellweg eine mit Bänken und Blümchen garnierte Hochbahntrasse gemacht. Könnten man ja mal auf der A40 zwischen Heimaterde und Winkhausen wiederholen: Autobahn mit Spielstraßenelementen. Das würde die Verkehrswende vermutlich beschleunigen…

Sebastian Artmann sieht derlei übrigens entspannt: In Innenstadtlagen ist es aus seiner Sicht durchaus angemessen, auch städtebaulich Akzente zu setzen, Aufenthaltsqualität zu schaffen. ADFC-Sprecher Semmelmann hingegen ist not amused: „Die Stadt Mülheim konnte so besondere Fördertöpfe nutzen. Aber mit der Idee eines Radschnellwegs hat das gar nichts zu tun.“

Tja, das ist das Schöne am Radschnellweg: Anders als bei Autobahnen und Bundesfernstraßen wurschelt … äh… plant jede Kommune für sich. Aber jetzt nicht meckern, sondern strampeln: Von Mülheim nach Essen gibt es ein zwölf Kilometer lange Stück, auf dem der Schnellweg immerhin schon befahrbar ist. Und wie es dann weiterging und zur Irrfahrt kam … das war die zweite Etappe.

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