Soziales

Selbst ist die Frau

Foto: Bocholter Beginen

Beginenhöfe kommen wieder: Ein solidarisches und spirituelles Wohnmodell ohne direkte Anbindung an die Kirche

Am Niederrhein. Der Vertreter der niederländischen Presse schaut ein wenig irritiert. „Gleichstellungsbeauftragte?” Wieso es so etwas überhaupt in Deutschland gibt? Andrea Hünting, Beauftragte für solche Angelegenheiten bei der Stadt Bocholt, erklärt ihm ihre Funktion. Und muss gestehen, dass man bei der Gleichstellung von Mann und Frau im Nachbarland weiter sei. Womit sich die Frage klärt, warum sie mit in dieser Runde sitzt. Bei den Bocholter Beginen.

Unter einem Dach und doch eigenständig

Beginen? Die gab's doch im Mittelalter. Wieso wird man heute wieder Begine? Sind das Nonnen? „Nein, mit der Kirche hat das nichts zu tun. Beginen sind alleinstehende oder verwitwete Frauen, die selbstständig miteinander und in einer sich gegenseitig unterstützenden, spirituellen Frauengemeinschaft leben wollen”, erklärt Bocholts Gleichstellungsbeauftragte Hünting. Hier in der Familienbildungsstätte, wo sich die Bocholter Beginen einmal im Monat treffen. Heute wollen sie ihr Wohnprojekt besprechen.

Eine der Frauen, die in das neu zu bauende Beginenhaus einziehen wollen, ist Lieselotte Moeckel, die 66-jährige Vorsitzende des im März gegründeten Vereins.

„Ich lebe ganz alleine in einem viel zu großen Haus”, erklärt sie. „Aber ich möchte mehr Zeit für mich und meine Interessen haben. Nicht allein sein, sondern in Gemeinschaft mit und für andere Frauen leben.” Deshalb suchte sie nach einer konfessions- und möglichst generationsübergreifenden Wohnform. „Wenn man sich mit solchen Fragen beschäftigt”, bestätigt Andrea Hünting, die den Verein unterstützt, „stößt man irgendwann auf die Beginenhöfe.”

Die Häuser haben eine lange Tradition: Vom 11. bis ins 19. Jahrhundert gab es sie überall in Europa. Auch am Niederrhein existierten sie: In Duisburg, Krefeld, Kalkar, Kleve, Sonsbeck, Emmerich, Xanten, Wesel und eben in Bocholt. „Bis zu zehn Prozent der weiblichen Bevölkerung lebten zwischen 1250 und 1450 als Beginen”, hat Moeckel recherchiert.

Zunächst noch unter dem Schutz der katholischen Kirche, später von ihr verfolgt. Sie waren sozial engagiert und wirtschaftlich unabhängig, arbeiteten als Handwerkerinnen und waren zuständig für Bildung, Sterbebegleitung, Bestattung. Sie waren keinem Orden unterstellt und nicht zur Keuschheit verpflichtet (Beginen konnten jederzeit ausziehen und heiraten).

In Bocholt haben sich dem Verein mittlerweile 14 Frauen angeschlossen. Acht von ihnen wollen ins Beginenhaus ziehen. „Geplant sind 15 Wohnungen, ein Gemeinschafts- und ein Meditationsraum”, so Moeckel. Es soll ein Ort für junge und ältere Frauen sowie für alleinerziehende Mütter werden. Ein Ort, wo frau gemeinsam kocht, einkauft, spielt oder einen Ausflug macht. „Aber auch jede für sich sein kann”, so Moeckel.

Bauernhof geht auch

Eine Idee, die auch andernorts in der Region wieder auflebt. So gibt es die Beginengemeinschaft in Krefeld seit 2001. „Wir wollen einen Selbstversorger-Bauernhof, vielleicht mit Hofladen”, sagt Sprecherin Andrea Scholl. „Aber wir planen unabhängig von der Stadt und in einer sehr familiären Beginenrunde.”

In Duisburg, wo sich ein Verein im Januar gründete, läuft es ähnlich wie in Bocholt: Auch hier unterstützt die Gleichstellungsbeauftragte ein Wohnprojekt. „Wir wollen ein multikulturelles Beginenhaus”, sagt die Vorsitzende Doris Benedict. Ein geeignetes Grundstück steht hier, im Gegensatz zu Bocholt, bereits in Aussicht. Nur einen lnvestor, bestenfalls eine Investorin, haben sie noch nicht gefunden.

Was ist mit den Begarden, dem männlichen Gegenstück? Die waren doch ähnlich sozial ausgerichtet. Aber wahrscheinlich gab's die nicht im Baugewerbe...

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