Wohnungslose

Stacheln, Bolzen, Steine: Wie Obdachlose vertrieben werden

Beiseite geräumt: in Düsseldorf haben Bürger die Steine, die die Stadt zuvor ausgelegt hat, wieder weggeräumt.

Beiseite geräumt: in Düsseldorf haben Bürger die Steine, die die Stadt zuvor ausgelegt hat, wieder weggeräumt.

Foto: Federico Gambarini / dpa

An Rhein und Ruhr.  In Düsseldorf verteilt die Stadt Steine unter einer Brücke gegen Wohnungslose, andernorts werden klassische Musik gespielt und Bänke abgebaut.

Es dauerte nicht lang und die Steine waren wieder weggeräumt. Nur wenige Stunden nachdem öffentlich wurde, dass die Stadt Düsseldorf mit großen Steinen unter der Rheinbrücke Wohnungslose davon abhalten will, dort zu campieren, hatten Bürger die zahllosen grauen Steine beiseite geräumt.

„Jeder Mensch hat das Recht auf eine trockene Unterkunft, besonders wenn es jetzt auf die kalte Jahreszeit zugeht“, sagt die Düsseldorferin Sabine Hilgers, die mit ihrem Mann und ihrer Tochter begonnen hatte, die Steine wegzutragen. Rund 90 Minuten hatten sie die bis zu 60 Kilogramm schweren Steine bewegt, bis Beamte vom Ordnungsamt die Aktion beendeten. Die restlichen Steine wurden später von Unbekannten beiseite geräumt.

Vor allem in den sozialen Medien entzündete sich die Kritik: die Kommune würde, so der allgemeine Tenor, gezielt gegen die Ärmsten der Armen vorgehen und diese so aus dem öffentlichen Raum verdrängen. Ein Vorgehen, das keinesfalls neu ist.

„Defensive Architektur“ gegen Wohnungslose

„In den letzten Jahren hat es immer mal wieder solche Maßnahmen gegeben“, sagt etwa Alexandra Gehrhardt, Redakteurin des Straßenmagazins Bodo aus Dortmund. Manch wenige groß und aufsehenerregend, viele andere klein und von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen.

„Defensive Architektur“ nennt sich das im Fachjargon und meint eine bestimmte Gestaltung des öffentlichen Raums, die verhindern soll, dass bestimmte Menschengruppen – in den meisten Fällen trifft es Wohnungslose – den Ort weiterhin nutzen. Gehrhardt spricht deswegen auch von „verdrängender Architektur“.

Sitzbänke werden durch unbequeme Hocker ersetzt, mit zusätzlichen Armlehnen ausgestattet oder gar komplett abgebaut; vor Schaufenstern werden Stacheln betoniert, an Hauseingängen Bolzen aus Metall angebracht: alles, damit sich Personen dort nicht hinsetzen oder legen können. „Es kommt immer mal was neues“, sagt Gehrhardt, darunter auch skurril anmutende Ideen wie klassische Musik aus Lautsprechern oder hochfrequente Töne gegen Jugendliche.

„Menschen werden unsichtbar gemacht“

Es seien eine Vielzahl an Einzelmaßnahmen von städtischer aber auch privater Seite, die kaum ins Auge fallen, schätzt die Redakteurin, bei den Betroffenen aber ankommen: „Es ist eine Strategie, gewisse Menschen unsichtbar zu machen.“ Für die Akteure spiele es dabei oftmals keine Rolle, wohin die Betroffenen ausweichen: „In den seltensten Fällen sind solche Maßnahmen verbunden mit Angeboten.“

So werde der öffentliche Raum zunehmend kleiner. Auch Einkaufszentren und gastronomische Außenbereiche tragen zur Verdrängung bei, wie eine Sozialarbeiterin aus Essen berichtet, die überwiegend mit jugendlichen Wohnungslosen arbeitet: Sicherheitsdienste würden sich gezielt Gesichter merken, Betroffene bei Kontrollen schikanieren und rauswerfen, erzählt sie. Auch von verschiedenen Hauptbahnhöfen kenne sie solche Geschichten.

Sowohl die Essener Sozialarbeiterin als auch Bodo-Redakteurin Alexandra Gehrhardt lehnen Maßnahmen wie jetzt in Düsseldorf strikt ab. Es brauche vielmehr attraktive Anlaufstellen und Angebote, die den Bedürfnissen der Betroffenen entsprechen, sagen sie. Dazu müsse ein Dialog stattfinden: „Das hilft dabei, zu verstehen, was die Leute bewegt.“

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