Erfahrungsbericht

Soldat erzählt aus seinem Alltag: „Kollegen wurden bespuckt“

Ein Bundeswehrsoldat erzählt, wie er mit seinem Beruf im Alltag wahrgenommen wird und sagt, oft stoße er auf Unverständnis und Ablehnung. (Symbolbild)

Ein Bundeswehrsoldat erzählt, wie er mit seinem Beruf im Alltag wahrgenommen wird und sagt, oft stoße er auf Unverständnis und Ablehnung. (Symbolbild)

An Rhein und Ruhr.   Immer wieder stoßen Soldaten auf Ablehnung und Unverständnis. Auch andere Berufe in Uniform haben mit Respektlosigkeit zu kämpfen.

Alexander, der in Wahrheit anders heißt, arbeitet gern bei der Bundeswehr. Der Beruf Soldat hat ihn schon immer interessiert. Nach der Schule absolvierte er den freiwilligen Wehrdienst. „Bevor ich mich für X Jahre verpflichte, wollte ich zunächst schauen, ob das wirklich zu mir passt“, sagt er. Es passte. Nun ist er im gehobenen Dienst. Bei der NRZ spricht er offen über das, was er privat im Alltag aufgrund seines Jobs erlebt. Und das ist nicht immer positiv.

„Wenn ich das Verhalten anderer Menschen beobachte, fallen mir nach einer gewissen Zeit zwei Lager auf. Auf der einen Seite sind das Leute, die meine Arbeit befürworten und die Bundeswehr im Ganzen gut finden. Das sind meist ältere Menschen. Sie meinen: Das ist eine gute Sache und ich finde gut, dass du das machst, weil es irgendjemand machen muss. Und sie sagen eben nicht: Soldaten sind alle Mörder oder Säufer.“

Genau das bekommt er mitunter aber auch zu hören: „Ich treffe auf viele Menschen, die kein Verständnis dafür haben, was die Bundeswehr wirklich macht. Sie betrachten sie oberflächlich, weil sie gar keinen Kontakt zu Soldaten haben. Sie verstehen überhaupt nicht, was die Bundeswehr in Afghanistan oder Mali tut. Meist kommen diese Menschen aus dem politisch linken Lager. Das ist meine persönliche Erfahrung, wenn ich privat zu meinem Beruf befragt werde.“

„In der Öffentlichkeit wirst du blöd angeguckt.“

Das hat Folgen für sein Verhalten: „Ob ich meinen Job von mir aus bewusst anspreche, hängt immer von der anderen Person ab. Wenn es sich um jemanden handelt, den ich so einschätze, als dass ihm nicht gefällt, dass ich beim Bund bin, dann vermeide ich das Thema - einfach um Ärger aus dem Weg zu gehen. Da möchte ich keine Diskussion provozieren. Wenn mich jemand fragt, der mir sympathisch erscheint, habe ich auch kein Problem damit, über meine Aufgaben zu sprechen.“

Zunächst war Alexander in Norddeutschland stationiert. „Ich bin ab und zu in Uniform mit der Bahn von Bremen oder Hamburg aus Richtung NRW gefahren. Freitags und sonntags standen dort die Feldjäger, die auf dem Weg nach Hause waren. Kleine Gruppen von, ich denke mal Antifaschisten, haben die Soldaten bespuckt. In Hamburg soll das besonders schlimm gewesen sein. Ich habe das zwar mitbekommen, wurde aber selbst nicht angegriffen.“

Wie erklärt er sich diese heftige Ablehnung? „Es fehlt an Rückendeckung aus der Politik. Bei der Polizei war das lange ähnlich. Durch das Gefühl ständiger Angst vor Terroranschlägen und der damit erhöhten Präsenz der Beamten, etwa auf Weihnachtsmärkten, ist es meiner Meinung nach aber besser geworden. In Frankreich etwa kommt in solchen Situationen auch das Militär im Inland zum Einsatz, weshalb die Armee dort deutlich beliebter ist. Bei uns ist das historisch bedingt nicht so möglich. Das kann man gut finden - muss man aber nicht.“

Was ist zu tun? „Die finanziellen Mittel wurden zu stark gekürzt. Erst dadurch kam dieser schlechte Ruf der Bundeswehr auf: Gewehre funktionieren nicht, Flugzeuge fliegen nicht und so weiter. Hier muss wieder investiert werden. Der Kern liegt aber in der Aussetzung der Wehrpflicht, dadurch ist die Akzeptanz so weit gesunken. Aber selbst wenn man sie wieder einführen wollte, ginge das nicht von heute auf morgen, da die meisten Ausbildungsstätten geschlossen wurden und es an Personal fehlt.“

Auch andere Uniformträger kämpfen mit Respektlosigkeit

Die Erfahrung, sich für ihren Beruf rechtfertigen zu müssen, teilen laut Militärseelsorger Constantin Rhode aus Wesel auch andere Soldaten. „Dass Soldaten verbal oder gar körperlich angegriffen werden, kommt zum Glück selten vor. Vorherrschender ist in der Wahrnehmung vieler Soldaten aber ein grundsätzliches Unverständnis und Desinteresse bezüglich ihres Berufes bei vielen Gesprächspartnern.“ Die Aufgabe der Militärseelsorge sei es hierbei, sich solidarisch mit den Soldaten und ihren Angehörigen zu zeigen und ihnen in ihrem Dienstalltag beizustehen, unabhängig jeglicher Religionszugehörigkeit oder Weltanschauung, so der Militärseelsorger.

Als Grund für die scheinbar wachsende Distanz zwischen Bundeswehr und Bevölkerung vermutet auch Constantin Rhode die Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 und die damit zurückgehende Präsenz der Bundeswehr in der Zivilgesellschaft. Denn: „In Regionen, wo eine Kaserne in der Nähe ist, da empfinden viele Soldaten auch die Akzeptanz für ihren Job als größer.“ Außerdem vermutet der Militärseelsorger: „Das Problem geht einher mit den Erfahrungen, die andere Berufsgruppen in Uniform ebenfalls machen. Auch Rettungskräfte und Polizisten haben ja mit Angriffen und mangelndem Respekt zu kämpfen.“

Das bestätigt Michael Mertens, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei NRW: „Wir beklagen eine zunehmende Respektlosigkeit gegenüber Polizeibeamten.“ Durchschnittlich 25 Mal am Tag wurden Polizisten 2017 in NRW während ihres Dienstes körperlich angegriffen. Im Jahr 2014 waren es nur etwa 18 Fälle pro Tag. Positiv bewertet die GdP aber die Gesetzesänderung aus dem Jahr 2017, nach der Angriffe auf Polizisten und Einsatzkräfte nun härter bestraft werden können. Michael Mertens sieht das grundsätzlich: „Wer einen Polizisten angreift, der stellt auch das Gewaltmonopol des Staates in Frage.“

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