75 Jahre NRZ

Sommer 1951: Als die Xantener ihren Domschatz präsentierten

Lesedauer: 9 Minuten

75 Jahre NRZ - 1951: Der Dom in Xanten im 2. Weltkrieg

75 Jahre NRZ - 1951: Der Dom in Xanten im 2. Weltkrieg

75 Jahre NRZ: Im Zweiten Weltkrieg wird der Dom in Xanten schwer von Bomben getroffen. Ab 1947 wird das Gotteshaus wiederaufgebaut, bis 1966.

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Xanten.  1951 öffneten die Xantener ihre Schatzkammer, das „Dommuseum“. Heute ist der Kirchenschatz im Stiftsmuseum zu entdecken. An historischer Stätte.

Eine Schatzkammer – nun ehrlich, wie eine Schatzkammer sieht dieses düster anmutende Gewölbe anno 1951 erst einmal nicht wirklich aus – nichts zu sehen was gülden ist oder in die Ewigkeit hineinglitzert (was freilich Schwarz-Weiß-Fotografien auch schwerlich erreichen dürften).

Und doch darf man annehmen, dass die Xantener seinerzeit kreuzglücklich waren, endlich ihren Domschatz der Öffentlichkeit zeigen zu können – zumindest das, was die Bomben des Zweiten Weltkrieges davon übergelassen haben.

Eintritt: 50 Pfennige

Im Kapitelsaal des ehemaligen Chorherren-Stifts standen also wacker aufgereiht Heilige und Patronatsfiguren, für 50 Pfennige Eintritt konnte man all diesen wunderbaren Statuen nun endlich ganz nahe sein und sich von ihrer „Energie“ einfangen lassen.

Und heute? „Wunderbar. Großartig. Sagenhaft!“ möchte man ausrufen, wenn man den Ort betritt, der den Kirchenschatz von St. Viktor seit zehn Jahren hüten und vor allem auch zeigen darf: Das StiftsMuseum in Xanten, einen Steinwurf weit vom Dom entfernt und mit Kunstgeschichte und Kunstgeschichten prall gefüllt – ja, auch Gold und Silber sind dabei – aber es muss nicht immer alles glänzen, was für Herrlichkeit und Ewigkeit gemacht ist und Menschen be- und anrührt.

Hüterin des Schatzes ist heute Elisabeth Maas

Hüterin des Schatzes ist Elisabeth Maas, seit dem Weggang des nun Ruheständlers Dr. Udo Grote kommissarische Leiterin des Hauses. Und da steht die Kunsthistorikerin auf einem Stückchen gläsernen Fußboden in Raum 1, zwingt mit ihrem unmissverständlich tippenden Zeigefinger den Betrachter, brav den Kopf zu senken und auf den Boden zu gucken. „Das“, sagt Frau Maas – und in ihrer Stimme schwingt so etwas wie wissenschaftliche Freude und regionaler Stolz mit - „das ist einer unserer größten Schätze“.

– Bunte Steinchen, rot und weiß und blau und schwarz, künstlerisch in Ornamenten aneinandergepuzzelt. „Dieses kostbare Mosaik schmückte einst den Fußboden im Hochchor der Xantener Stiftskirche“, erklärt Elisabeth Maas. Ein Schmuckfußboden mit vielen Quadraten, Rauten, Dreiecken und Kreisen, seltsamen Tierköpfen und Zick-Zack-Wellen. Die Stiftsherren von St. Viktor sind schon über diese Steinchen hinweggeschlurft – und vermutlich auch schon die alten Römer, die die Colonia Ulpia Trajana erbauten. „Eine genaue Datierung dieses Bodens ist schwierig“, so Elisabeth Maas.

Einige Forschungen deuten darauf hin, dass der Boden um das Jahr 1050 verlegt worden sein könnte – andere lassen vermuten, dass der Fußboden vielleicht erst in der nach einem verheerenden Brand nötigen Neubauphase des Doms von 1109-1128 entstanden ist. Alt und geschichtsträchtig ist er auf jeden Fall.

Als sicher gilt, dass die Marmorsteinchen schon in der alten Römerstadt (die bestand etwa von 100 bis 275 n. Chr.) ihren Dienst taten – die römischen Steinchen und Fliesen wurden Jahrhunderte später dann gewissermaßen als Baukasten benutzt und für den Fußboden im Hochchor des Doms neu zusammengesetzt. 1933 wurde dieses Stückchen Geschichte bei Grabungsarbeiten zufällig wiederentdeckt.

Im Sommer 1951 begann die Geschichte von Xantens Dommuseum mit Schatzkammer

Im Sommer 1951 also begann die Geschichte von Xantens „Dommuseum mit Schatzkammer“. „Zuvor stand der Wiederaufbau des im Februar 1945 bombardierten und stark zerstörten Doms und seiner Nebenräume im Zentrum der Anstrengungen aller Beteiligter“, so Elisabeth Maas. Eine Herkulesaufgabe und ein finanzieller Kraftakt.

Der Xantener Domschatz sollte nur vorübergehend im alten Kapitelsaal untergebracht werden – ein spätgotischer, zweischiffiger Raum mit Kreuzrippengewölben – dort fanden vor allem dann die (spät)mittelalterlichen Ausstattungsstücke des Doms einen Platz – all jene, die ihre ursprünglichen Standorte aus welchen Gründen auch immer vorübergehend nicht wieder einnehmen konnten, darunter Steinfiguren von den Pfeilern und Portalen, wertvolle Glasfenster und Wandteppiche aus dem Hochchor.

Auch in Xanten: die Kasel des hl. Bernhard von Clairvaux

„Aber auch kostbare Paramente waren schon dabei“, sagt Elisabeth Maas, „wie etwa die Kasel des hl. Bernhard von Clairvaux.“ Im ehemaligen Archivraum des Stifts fanden liturgische Geräte und Reliquiare ihre Aufstellung – in neu verglasten Wandnischen. Anfang der 70er Jahre zog das „Dommuseum“ in die Alte Sakristei an der Südseite des Doms um – man brauchte den Kapitelsaal als Sakristei.

Erste Überlegungen für den Bau ein neues Museum gab es schon lange – die Xantener mussten dann aber doch bis zum Jahr 2010 warten – dann wurde das neue StiftsMuseum endlich feierlich eingeweiht. Und endlich konnte man alle ausgelagerten und deponierten Kirchenschätze von St. Viktor zeigen - untergebracht ist das Museum in den historischen Gebäuden des ehemaligen Kanoniker-Stifts von St. Viktor.

Zehn Schauräume wurden in die zumeist historische Bausubstanz integriert – und Xanten hat sicherlich eines der schönsten kirchlichen Museen Deutschlands. Die Sammlung setzt sich heute zusammen aus Exponaten des Kirchenschatzes des St. Viktor-Doms, des Stifts-Archivs und der Stifts-Bibliothek.

Wertvolle Reliquiare, natürlich, die gibt es auch

Der Fundus ist reichhaltig – die Geschichte des Viktorstiftes und des Doms wird erzählt, natürlich. Es lassen sich römische Kaisermünzen und fränkische Grabbeilagen entdecken, spätmittelalterliche Heiligenfiguren – und dann natürlich das, was einen Kirchenschatz strahlen lässt: Wertvolle Reliquiare, golddurchwirkte Paramente, kostbare liturgische Gefäße, eine prächtige Sammlung alter Handschriften und gedruckte Seltenheiten.

In der immerhin 1000-jährigen Geschichte des einflussreichen Xantener Kanonikerstiftes ist so einiges Bemerkenswerte und kunstgeschichtlich hoch Interessante zusammengekommen – trotz der Wirren der Zeiten. Ob es dieses kleine Elfenbeingefäß ist, in dem Hostien aufbewahrt wurden, das genähte Almosentäschen (1340/50), die Johannesschüssel (um 1500) oder tatsächlich die Kasel des hl. Bernhard von Clairvaux (Byzanz, um 1100) – um nur mal ebkes ganz spontan aus der Fülle der etwa 400 Exponate etwas herauszugreifen…

Und dann macht Elisabeth Maas auf eine weitere Kostbarkeit aufmerksam, etwas, an dem man leicht vorbeischaut, weil es so unscheinbar aussieht – auf den ersten Blick: eine Malerei auf Eichenholz (um 1460), die ein Geheimnis birgt. Unter dem Deckel verbirgt sich ein Dokument – das StiftsMuseum ist im Besitz einer seltenen Urkundenlade. „Wenn man es salopp formulieren möchte handelt es sich hierbei um eine bunte Box für einen Gebets-Vertrag – eine 560 Jahre alte Geschichte“, sagt Elisabeth Maas.

In der wunderschön bemalten Lade drin ist ein Vertrag, der die Gebetsverbrüderung zwischen den Stiftsherren von Xanten und den Zisterziensern von Kamp (Kamp-Lintfort) regelt. „Die Malerei auf dem Deckel nimmt Bezug zum Inhalt“, erklärt die Kunsthistorikerin.

Im Mittelalter war es durchaus üblich, dass zwei geistliche Gemeinschaften vertraglich versichern, füreinander zu beten. Und so gibt es noch eine zweite bemalte Urkundenlade, deren Inhalt die Gebetsverbrüderung zwischen den Xantener Stiftsherren und den Kartäusern der Grav-Insel bei Wesel beschreibt. Der Klever Herzog Adolf (gestorben 1448) hatte die Klosterkirche der Kartäuser auf der Grav-Insel als Grablege für die Familie des Herrscherhauses bestimmt.

Die meisten Exponate, die sich im Xantener StiftsMuseum entdecken lassen, waren Gebrauchsgegenstände, für fromme Dienste und fromme Zwiegespräche gemacht. Und wenn man sich darauf einlässt, mag man die Kraft noch spüren, die all diese frommen Dinge durch die Jahrhunderte in sich aufgesogen haben.

Heute ist der Kapitelsaal Ort kleiner Veranstaltungen

Alle Gebete und Wünsche, Träume und Schicksale, alles Leid und alle Dankbarkeit, die Generationen gläubiger Menschen bei ihnen abgeladen haben und helfen sollten, den „kurzen Draht“ nach ganz oben zu vermitteln.

Das wird auch anno 1951 in dem noch schmucklosen Kapitelsaal geklappt haben. Heute ist der Kapitelsaal stimmungsvoller Ort für kleinere Veranstaltungen. Der Domschatz hat im StiftsMuseum eine würdige Bleibe gefunden - in den historischen Räumen des einstigen Viktorstifts, die einst als Kellnerei und Stiftsschule dienten.

Der Gebäudekomplex (2.000 qm) umfasst das Museum sowie Archiv, Bibliothek, Verwaltung, Lesesaal, Magazine und eine Werkstatt für Buch- und Papierrestaurierung. „In Zukunft wollen wir die Geschichten zu unseren Exponaten noch besser vermitteln – unterhaltsamer und spannender“, verrät Elisabeth Maas. „Den Besuchern soll mehr geboten werden zum Anfassen, Hören, Dahintergucken – darauf kann man sich jetzt schon freuen!“

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