Kinder

Tagesmütter, dringend gesucht

Foto: WR

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Am Niederrhein.Die Städte und Kreise am Niederrhein setzen zur Erfüllung der Betreuungsquote für U3-Kinder auch auf die - verglichen mit dem Kita-Ausbau preiswertere - Tagespflege . Sie finden aber nicht überall genügend Pflegepersonen.

Ihre Kinder, bedauert die Mittfünfzigerin, „sind schon erwachsen und lassen sich von mir nicht mehr verwöhnen.“ Nun sitzt sie in einem Orientierungskurs für Tagesmütter in Dinslaken, möchte andere Kinder verwöhnen. Damit hat sie in hier Seltenheitswert.

Wie viele andere Kommunen am Niederrhein sucht die Stadt händeringend nach Tagesmüttern. Denn um dem Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder unter drei Jahren ab 2013 gerecht werden zu können, setzen viele Städte auch auf die Tagespflege - die preiswertere Alternative zum Ausbau von Kindertagesstätten. Allerdings finden sich zu wenig „Tagespflegepersonen“ - so nennen sich zuverlässige, flexible Menschen mit Zeit, Herz, Platz, guten Nerven und Interesse an Pädagogik, die für nicht übermäßig viel Geld qualifiziert Kinder betreuen möchten.

Der Kreis Wesel, der den Jugendbereich von sieben Kommunen betreut, hat, so Gabi Klein, Fachgruppenleiterin der Kreisverwaltung, „erhöhten Bedarf“ an Tagesmüttern. Im Jahr 2013 müssen für 32 Prozent der Kinder zwischen einem und drei Jahren Betreuungsplätze bereit stehen. Aber: „Wir können nicht so schnell so viele U3-Plätze schaffen. Dann müssten wir an jeden Kindergarten anbauen.“

Derzeit liege die Quote an Betreuungsplätzen für Kinder im Alter von einem oder zwei Jahren bei 20 Prozent. Fünf Prozent werden durch Tagesmütter abgedeckt. 144 sind beim Kreis Wesel gemeldet. Dass diese „nicht alle belegt“ seien, sei keine Frage eines Überangebots sondern eine Frage der Verteilung,. Klein: „Es kann sein, dass in Hünxe noch 10 Plätze frei sind, aber in Sonsbeck 10 fehlen.“

Auf dem ganz platten Land, im Kreis Kleve, sieht’s besser aus. In den Städten, deren Jugendbereich der Kreis Kleve betreut, seien ausreichend U3-Plätze vorhanden, so Eduard Großkämper, Sprecher des Kreises Kleve. Auch Duisburg, ist, so Jugendamtsleiter Thomas Krützberg, gut aufgestellt. 380 Tagesmütter decken 820 Plätze ab - 1160 müssen es 2013 sein. „In Duisburg sind viele Frauen auf einen Zuverdienst angewiesen“, so erklärt sich Krützberg die unterschiedliche Nachfrage im Kreis Wesel und in Duisburg.

Auf jeden Fall aber kommen die Tagesmütter die Kommunen und Kreise erheblich preiswerter als die Betreuung in Kindergärten, weiß Eduard Großkämper. Ein Kita-Platz koste etwa 15000 Euro jährlich, ein Betreuungsplatz bei einer Tagesmutter kostet etwa 6000 Euro jährlich.

Der finanzielle Vorteil wird an den Bürger weitergegeben. Zwar sind die Gebühren für die Betreuung durch Tagesmütter ebenso wie die Kita-Gebühren nach Einkommen gestaffelt. Aber: Die Sätze liegen im U3-Bereich niedriger, so Gabi Klein, weil bei der Tagespflege nicht zwischen Kinder über drei und unter drei Jahren unterschieden wird. So kostet etwa die Ganztags-Betreuung eines Kindes unter drei Jahren durch eine Tagesmutter im Kreis Wesel bis zu 320 Euro monatlich - im Kindergarten werden dafür bis zu 474 Euro im Monat fällig.

Stolperstein
Familienversicherung

Die Tagesmütter selbst erhalten knapp über vier Euro pro Stunde und Kind. „Damit bezahlen Sie nicht ihr Haus in der Toskana“, seufzt Dinslakens Stadtsprecher Horst Dickhäuser. 40 Tagespflegepersonen sind in Dinslaken gemeldet - viel zu wenig dafür, dass die Stadt die Tagespflege „als gleichrangiges Angebot“ installieren möchte, so Elke Schroer, zuständige Mitarbeiterin des Dinslakener Jugendamts. Gemeinsam mit ihrer Voerder Kollegin Lilli Schweizer veranstaltet sie die zweitägigen Orientierungskurse , berichtet über persönliche, organisatorische und rechtliche Bedingungen für Tagesmütter. Wer von der Stadt vermittelte Kinder hüten möchte, benötigt eine Tagespflegeerlaubnis. Die erhält, wer einen 160-stündigen Qualifikationskurs für Tagespflege besucht, seine persönliche Eignung und Rahmenbedingungen nachweist. 405 Euro kostet der Kurs in Dinslaken. Wer ein von der Stadt vermitteltes Kind betreut, erhält dieses Geld zurück.

Was den Ausbau der Tagespflege behindert, ist eine andere Hürde, weiß Elke Schroer. Wer an 35 Stunden in der Woche Kinder betreut liegt 30 Euro über des Bemessungsgrenze für die Familienversicherung, „muss sich also selbst versichern“. Das wird zwar bezuschusst, ist aber dennoch aufwändig. Zumal die Betreffende sich wieder ummelden muss, sobald ein Kind die Tagesmutter verlässt. Ergebnis, so Elke Schroer: Viele nehmen nur Kinder an höchstens 15 Stunden in der Woche, damit sie unter der Grenze für die Familienversicherung bleiben. Die Stadt brauche aber möglichst Tagesmütter, die an fünf Tagen in der Woche zur Verfügung stehen.

Der nächste Qualifizierungskurs für Tagesmütter in Dinslaken ist voll. Wobei eine Frau schon jetzt in der Bredouille ist, weil sie den Eltern zweier Kinder die Betreuung zugesagt hat. Damit würde sie über die Versicherungsgrenze rutschen. Kinder verwöhnen - das ist eben nicht einfach.

- Wer ein Kind außerhalb seiner Wohnung mehr als 15 Stunden wöchentlich länger als drei Monate und gegen Entgelt betreuen möchte, benötigt eine Pflegeerlaubnis. Bedingung dafür ist u.a. ein Qualifizierungskurs. Infos beim Kreis Wesel unter 0281/2077112, Kreis Kleve unter 02821/85888, Duisburg unter 0203/94000.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (1) Kommentar schreiben