St. Matthias Krefeld-Hohenbudberg

Teil 1: Die Kirche ohne Dorf

Hier liegt Hohenbudberg. Früher ein Bauerndorf mit einem der größten Rangierbahnhöfe Deutschlands, heute nur noch vier Häuser und eine Kirche mit Friedhof. Foto: Markus Weißenfels / WAZ FotoPool

Hier liegt Hohenbudberg. Früher ein Bauerndorf mit einem der größten Rangierbahnhöfe Deutschlands, heute nur noch vier Häuser und eine Kirche mit Friedhof. Foto: Markus Weißenfels / WAZ FotoPool

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Krefeld. Überall werden Häuser des Herrn geschlossen. Nicht so in Hohenbudberg, einem Dorf zwischen Krefeld und Duisburg. Hier gibt es eine Basilika - für acht Gläubige. Und die wurde sogar für viel Geld restauriert.

Am Ende des Gesprächs stellt auch Wolfgang Hermanns eine Frage: „Ist das nicht schön hier?“, will er gerne von Besuchern wissen, die zum ersten Mal hier sind. Wohl die wenigsten werden dem Küster der Kirche St. Matthias in Hohenbudberg widersprechen. Das liegt vor allem, wie der Heimatforscher Reinhard Feinendegen mal schrieb, „an der eigenartigen Atmosphäre dieses Ortes“. Stimmt. Ein faszinierendes Flecken Erde.

Die Anfahrt nach Hohenbudberg ist für Autofahrer ohne Navi ein Abenteuer. Kreuz und quer geht es durch den Chempark in Uerdingen, wie das Gelände des ehemaligen Bayer-Werkes seit vier Jahren offiziell heißt. 40 Firmen, 2000 Chemikalien, 2600 Hektar Fläche, 7000 Arbeitsplätze. Der Chempark ist nach Angaben des Betreibers „der weltgrößte Produktionsstandort“ von anorganischen Pigmenten, also von künstlichen Farbmitteln.

Mehr ist nicht übrig geblieben

Eine monströse Industriekulisse aus Hallen, Röhren und Schloten, die sich links des Rheins, bei Stromkilometer 766, immer breiter macht. In ihrem Schatten ducken sich gerade noch vier gelbe Reihenhäuser und eine überraschend große Kirche mitsamt Friedhof: Sankt Matthias. Mehr ist von Hohenbudberg, dem alten Bauerndorf, nicht übrig geblieben. 1950 lebten 1800 Einwohner in dem uralten Ort, der bereits 723/733 schriftlich erwähnt wurde.

Zurzeit wohnen an der Deichstraße genau acht Menschen. Und nebenan wohnt, übrigens seit dem 12. Jahrhundert, der liebe Gott. Die dreischiffige Basilika mit ihren dicken Mauern aus Tuffsteinen und ihrem wehrhaften Turm wirkt wie eine Trutzburg. Der Eindruck verstärkt sich, wenn der Blick über die Friedhofsmauer und Deichkrone geht: mitten auf den Rhein. Gefahr drohte dem Gotteshaus jahrzehntelang von allen Seiten.

Eigentlich sollte es Hohenbudberg nicht mehr geben. Das Dorf zwischen Duisburg und Krefeld wurde bereits öfter von der Landkarte entfernt. Jedes Haus, jeder Hof und natürlich auch die Kirche – für immer weg. Doch was bisher selbst der Rhein nicht endgültig schaffte, das gelang Politikern und Wirtschaftsbossen schon gar nicht. Hohenbudberg ist immer noch da. Und dies ist, nun ja, ein kleines Wunder.

So würde das Wolfgang Hermanns natürlich nie formulieren. Er lächelt milde, wenn er die Bemerkung hört. Weil er um den langen Kampf um die Kirche weiß, bei dem es stets auch um das Dasein des Dorfes ging. Geführt von seinem Vater Hans, der sein Vorgänger war. 1988 übernahm der Sohn den Job. „Ich halte Ordnung“, sagt er. Welch eine Untertreibung. Es ist seine Lebensaufgabe, St. Matthias, das Herz der alten Heimat, zu erhalten.

1150 zum ersten Mal urkundlich erwähnt

Die katholische Kirche wurde 1150 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Sie ist das älteste Haus des Herrn in Krefeld, steht unter Denkmalschutz und ist Kunststätte des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Landschaftsschutz. Wertvollstes Stück ist ein Holzkruzifix aus der Zeit um 1280. Und weil der heilige Matthias der Schutzpatron des Gotteshauses ist, war und ist Hohenbudberg für Matthias-Bruderschaften sogar ein Wallfahrtsort.

Dies ist nicht die einzige Besonderheit, die St. Matthias zu bieten hat. Die kleinste Pfarre im Bistum Aachen genießt einen Exotenstatus. Seit 1978 gibt es keinen eigenen Pfarrer mehr. Trotzdem, mit wechselnden Priestern wird bis heute jeden Sonntag ein Abendgottesdienst gefeiert (Beginn 18.45 Uhr). Meistens sind rund 100 Gläubige dabei – aus Uerdingen, Friemersheim und Umgebung. „Unser intaktes Gemeindeleben ist ein Grund, warum es uns noch gibt“, meint Wolfgang Hermanns.

Bischof überzeugt

Den ehemaligen Bischof aus der weit entfernten Domstadt hat das überzeugt. Klaus Hemmerle setzte sich für den Erhalt von St. Matthias ein. In den 1990er Jahren wurde die Kirche für viereinhalb Millionen Euro restauriert. Heute würde wohl anders entschieden, heißt es selbst aus der Bistumsverwaltung. Aufgrund der vielen Kirchenaustritte werden überall Gemeinden zusammengelegt und Gotteshäuser geschlossen.

Glück gehabt, weiß auch Wolfgang Hermanns. Grundsätzlich findet er: „Die Kirche ist es wert, erhalten zu bleiben.“ Der 75-Jährige jedenfalls will weiter dazu beitragen. Milde lächelnd fügt er hinzu: „Ich mache das, solange der liebe Gott mich lässt.“

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