Kirchenserie

Teil 9: Kultstätte in spe

St. Mariä Himmelfahrt. Hier wurde Karl Leisner geetauft. Fotos: Ingo Plaschke

St. Mariä Himmelfahrt. Hier wurde Karl Leisner geetauft. Fotos: Ingo Plaschke

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Rees. Die Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt in Rees könnte zu einem Touristenmagneten werden – wenn Karl Leisner heilig gesprochen würde. Leisner wurde in Rees geboren und in St. Mariä Himmelfahrt getauft.

Natürlich ist die Pfarrkirche Sankt Mariä Himmelfahrt schon jetzt einen Besuch wert. Man muss nur am schweren Bronzeportal „kräftig ziehen“, wie Pfarrer Michael Wolf sagt. Und schon ist man drin.

Der Weg zum lieben Gott ist halt nicht immer einfach. In Rees ist er an Rheinkilometer 831 zu finden, mitten in der Stadt. Der „staatlich anerkannte Ausflugsort“ – ja, so etwas gibt es wirklich – wirbt gerne mit seiner sakralen Sehenswürdigkeit, die mittlerweile die dritte Kirche an dieser Stelle ist. Von außen gelb und groß, klassizistischer Stil, zwei imposante Türme. Von innen schlicht und mächtig, zwei Säulengänge, eine Gewölbedecke mit Stuck. Kurz: mehr ein Tempel denn ein Haus Gottes.

Die einzige Messe
hielt er im KZ

Wer aus Kalkar über die Rheinbrücke nach Rees fährt, der sieht, wie St. Mariä Himmelfahrt die Silhouette der ältesten Stadt am unteren Niederrhein bestimmt. Vielleicht wird sie in einigen Jahren eine weit größere Bedeutung für Rees erlangen. Wenn der berühmteste Sohn der Stadt, der selige Karl Leisner, heilig gesprochen wird.

Um an dieser Stelle keinen falschen Eindruck zu erwecken: Es ist noch unklar, ob und wenn ja, wann damit zu rechnen ist. Am 23. Juni 1996 wurde Karl Leisner selig gesprochen. Von Johannes Paul II. Dass Karl Leisner einer von 1338 Menschen ist, die dieser Papst während seiner 26-jährigen Amtszeit selig sprach, soll Karl Leisners’ Glaubensstärke nicht schmälern.

Am 28. Februar 1928 wurde er an der Bahnhofstraße 5 in Rees geboren. Fünf Tage später wurde er in St. Mariä Himmelfahrt getauft. Weil er Priester werden wollte, studierte er ab 1934 in Münster Theologie. Dann verliebte er sich in Elisabeth Ruby und dachte daran, sie zu heiraten. Doch er entschied sich gegen sie – und für Gott, wie er ihr in einem Brief mitteilte. „Es war entsetzlich schwer… Kannst Du mir verzeihen?“.

Nach dem missglückten Attentat auf Adolf Hitler äußerte er sein Bedauern darüber: „Schade, dass er nicht dabei gewesen ist.“ Daraufhin wurde er am 9. November 1939 verhaftet und erst in das Konzentrationslager Sachsenhausen, dann ins KZ Dachau gebracht. Hier wurde er am 17. Dezember 1944 von einem inhaftierten Bischof zum Priester geweiht. Seine erste und einzige Messe hielt er im KZ, am Stephanustag 1944.

Am 29. April 1945 wurde Dachau befreit, fünf Tage später wurde er, schwerkrank an einer Lungentuberkulose leidend, von einem Freund in ein Sanatorium nach Planegg in München geholt. Der letzte Eintrag in sein Tagebuch, datiert auf den 25. Juli 1945, lautete: „Segne auch, Höchster, meine Feinde!“ Am 12. August 1945 starb Karl Leisner.

Bereits fünf Jahre später erschien die erste Biografie über ihn. Je mehr sich seine Lebensgeschichte herumsprach, desto bedeutender wurden seine menschlichen Überreste. 21 Jahre lang lag sein Leichnam auf einem Friedhof in Kleve, dann wurden seine Gebeine in die Krypta des Xantener Doms umgebettet. Das Untergeschoss des Xantener Doms ist längst zu einer Pilgerstätte geworden.

Wer auf den Spuren des seligen Karl Leisner wandeln möchte, fährt natürlich auch in seine Geburtsstadt nach Rees. Unmittelbar vor St. Mariä Himmelfahrt steht eine Stele mit dem Bildnis des hier Geborenen und hier Getauften. Das Becken, an dem Karl Leisner einst getauft wurde, steht in der rechten Turmkapelle. Es ist ein schlichter Taufstein aus Marmor mit einem Kupferdeckel. Noch ist er leicht zu übersehen, nur wer sich vorab informiert hat, steuert zielgerichtet darauf zu.

Mag sein, dass sich dies eines Tages ändert. Wenn Karl Leisner der vierte Niederrheiner wird, der heilig gesprochen ist. Nach Norbert von Xanten, Irmgard von Aspel und Arnold Janssen aus Goch. Beim Gründer des Steyler Ordens lagen zwischen Selig- und Heiligsprechung übrigens 28 Jahre. Das Verfahren zur Heiligsprechung Karl Leisners wurde am 25. April 2007 eingeleitet, elf Jahre nach seiner Seligsprechung.

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