Pandemie

Welche Branchen unter Corona leiden - und welche profitieren

Die Bau-Branche gilt als einer der Gewinner der Pandemie.

Die Bau-Branche gilt als einer der Gewinner der Pandemie.

Foto: Tom Weller / dpa

An Rhein und Ruhr.  Corona trifft viele hart, manche kommen hingegen ganz gut durch die Pandemie. Wer sich sogar über höhere Absätze freuen kann, zeigt eine Umfrage.

Am 11. März hat die Weltgesundheitsorganisation eine neue Form der Lungenentzündung aus China zur weltweiten Pandemie erklärt und sie „Covid 19“ genannt. Rund zwei Wochen vorher fand im rheinischen Gangelt jene Karnevalssitzung statt, die schon wenig später berühmt-berüchtigt wurde, weil sie den Kreis Heinsberg zum ersten Corona-Hotspot in Deutschland machte. Sieben Monate hält uns das Virus schon in Bann.

Auch wenn die Zahlen lange Zeit niedrig blieben, auch wenn die meisten Verläufe nicht schwer sind, darf man nicht vergessen: Es gibt Menschen, die schwer erkrankt sind, und es gibt nicht wenige, die sind auch an Covid 19 gestorben.

Corona-Pandemie: Gut und schlecht durch die Krise

Unzählige Artikel und Kommentare sind seither in der NRZ zu dem Thema erschienen, und es wird uns – so ist zu befürchten – noch lange beschäftigen. Die einen kommen besser durch die Krise, andere haben stark darunter zu leiden, müssen sich sogar um ihre berufliche Existenz sorgen. Die NRZ stellt heute sechs Menschen vor, die ganz unterschiedlich durch die Zeit der Pandemie kommen.

Wenn Sie mögen, dann schreiben Sie uns gerne, wie Sie diese Zeit erleben. Unsere E-Mail-Adresse:
klartext@nrz.de, Betreff: Corona

Mehr Arbeit für Wohnmobileverkäufer

Wohnmobilverkäufer Roland Rimkus: „Wir sind schon irgendwie die Gewinner der Krise. Allein während unserer Hausmesse haben wir innerhalb von 14 Tagen zwei bis dreimal so viele Fahrzeuge verkauft, wie sonst in einem Monat. Ich mache es ja nur nebenberuflich, aber vor allem die Kollegen haben viel zu tun – manchmal können sie gar nicht verhindern, Geld zu verdienen.

Früher habe ich nur samstags gearbeitet und war sonntags beim Showtag zum Aufpassen da. Mittlerweile arbeite ich an drei Tagen in der Woche und springe zwischendurch ein.“

Reisebüros ächzen unter der Krise

Die Reisebüros leiden auch ein halbes Jahr nach dem großen Lockdown unter der Corona-Krise. Die Umsatzeinbußen betragen in diesem Jahr 90 Prozent, sagt Robbie Schlagböhmer, Geschäftsführer des First-Reisebüros in Oberhausen-Sterkrade. „Während der weltweiten Reisewarnung und der Kontaktsperre hatten wir Schwierigkeiten, uns zurecht zu finden“, sagt er zur NRZ.

„Doch dann kam die Überbrückungshilfe des Bundes und die Soforthilfe.“ Er sieht sich daher auch in der Verantwortung, „nicht aufzugeben“. Zudem sind seine Mitarbeiter in „moderater Kurzarbeit“.Seit dem Ende des Lockdowns ist das Reisebüro wieder normal geöffnet, die Kunden werden aber gebeten, Termine zu vereinbaren. Und: Ein paar Buchungen gibt es auch. Doch statt der Kreuzfahrtreisen, auf die sich Schlagböhmer spezialisiert hat, verkauft er nun mehr Reisen in Deutschland oder auch Flusskreuzfahrten. Er hofft, dass die Nachfrage nach Reisen wieder steigt, sobald ein funktionierender Impfstoff gefunden ist.

Für den Sommer 2021 rechnet er damit, dass 70 Prozent des Umsatzes aus 2019 erreicht werden könnten. Doch eine gänzliche Erholung des Reisemarktes werde es wohl erst im Jahr 2022 geben, glaubt er.Kleiner Lichtblick: Auch in der Krise gewinnt sein Reisebüro neue Kunden, bei denen die Bedeutung des Services zunimmt. Statt im Internet buchen sie nun oder demnächst im Reisebüro. Auch Schlagböhmers Team musste während der Reisewarnung Deutsche aus den USA, Neuseeland oder der Südsee-Region holen. Der Dank erreicht das Reisebüro noch heute – in Form von Rotwein, Schokolade und Fleischwurstkringeln.

Aufschwung für Lieferdienste

Liefern lassen statt selbst einkaufen. Egal ob Pizza, Burger oder auch Bier – während des Corona-Lockdowns verzeichneten viele Lieferdienste deutlich mehr Bestellungen. So auch das Münsteraner Unternehmen Flaschenpost, das sich darauf spezialisiert hat, Getränkekisten auszufahren. Man beobachte einen „kontinuierlichen Anstieg“ an allen Standorten, heißt es von dem Unternehmen.

In Nordrhein-Westfalen sind das immerhin 13 Stück, unter anderem in Düsseldorf, Duisburg und Essen. Der Lieferdienst profitierte offenbar auch davon, dass nicht nur Bier, Cola und Mineralwasser zum Sortiment gehören, sondern auch Lebensmittel und Hygieneartikel.
Um den Mindestabstand bei der Auslieferung einhalten zu können, verzichtet Flaschenpost seit Beginn der Pandemie auf die bis dahin erforderliche Unterschrift an der Haustür.

Schausteller hoffen auf die Weihnachtsmärkte

Schausteller-Boss Mike Bengel (54 ), Schausteller in siebter Generation, Duisburg: „Bei uns steht dieses Jahr 150-jähriges Jubiläum an. Wir hatten das beim Stadtfest im Sommer mit Bildergalerie und alten Zugmaschinen feiern wollen – eigentlich. Aber es gab ja kein Stadtfest, wie es auch sonst nichts gibt. Bei Veranstaltungen haben wir 100 Prozent Ausfall. Ich habe 40 Imbiss- und Getränkewagen und Zelte, die stehen jetzt auf dem Hof. Man kann sagen: 300 Räder stehen still! Das Personal ist runter gefahren, normal betreibe ich die Saison mit 40 bis 50 Leuten.

Wir verkaufen derzeit zwar auf dem Wochenmarkt in Duisburg. Aber das ist Kleingeld. Ich bin heilfroh um jede Bratwurst, die da weggeht… Meine Hoffnungen ruhen jetzt auf den Weihnachtsmärkten – dass da ein bisschen was rumkommt, damit wir gut durch die Schausteller-Pause von Januar bis März kommen. Wobei schon klar ist: Schnelles Geld wird da nicht gemacht, das werden ja Weihnachtsmärkte unter besonderen Bedingungen, mit viel Abstand und extra Personal. Die Städte müssen unbedingt mit den Standgebühren runter, auf 20 Prozent von dem, was sie sonst nehmen. Emotional ist das eine schwierige Zeit, ganz schwierig. Ich hoffe sehr, dass es im nächsten Frühjahr endlich Medizin gegen Corona gibt.“

Die Bau-Branche boomt

„Die Auftragslage in der Bau-Branche für das Jahr 2020 war ausgezeichnet und somit konnten die Aufträge auch während der Pandemie abgearbeitet werden. Zudem kommt hinzu, dass die Branche kaum von Kurzarbeit betroffen war und somit keine Arbeitsausfälle hatte. Und nicht zuletzt sprechen die Zahlen für sich – die Wirtschaftsinstitute rechnen mit einem Gewinn in der Branche von drei bis vier Prozent für das Jahr 2020“, sagt Ivelina Ivanova, Gewerkschaftssekretärin bei der IG BAU Rheinland.
Aber: „Während in den vergangenen Monaten viele ihre Arbeit im sicheren Homeoffice verrichten durften, haben die Arbeitnehmer im Baugewerbe die Baustellen am Leben gehalten – trotz und gerade wegen Corona. Die Kolleginnen und Kollegen haben bewiesen, dass sie auch in schwierigen Zeiten zuverlässig sind.

Die Blockadehaltung der Arbeitgeberseite bei den Verhandlungen ein Gegenangebot zu unterbreiten sowie das Thema Wegezeitentschädigung anzugehen, haben gezeigt, dass sie ihre Beschäftigten als einen Kostenfaktor sehen.
Wenn die Corona-Auswirkungen den Bau zeitverzögert treffen sollten, was die Arbeitgeber immer wieder während der Verhandlungen betonten, was die Konjunkturforscher aktuell nicht mit Zahlen belegen können, darf das maximale Gewinnstreben nicht vor der Verantwortung für die Beschäftigten und ihre Familien treten. Die Wertschätzung gegenüber den Beschäftigten und damit auch die Bereitschaft, ordentliche Tarifverträge abzuschließen, gehen zurück. Für uns ist klar – wenn der Bau-Boom sich fortsetzt, wird sich das in den Verhandlungen 2021 widerspiegeln.“

Jugendherbergen fehlen die Schulklassen

Jugendherbergsleiter Thomas Kralik: „Nachdem wir bis Pfingsten komplett schließen mussten, hatten wir von Juli bis September eine Auslastung von rund 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch die Buchungen für 2021 sind noch sehr verhalten – vor allem bei Schulklassen.

Und keiner von uns weiß, wo die Reise hingeht. Dass wir zurzeit nicht existenzgefährdet sind, liegt auch an den staatlichen Hilfsprogrammen. Wenn es die nicht gäbe, sähe es schwieriger aus. Trotzdem sind wir froh, dass wir einen Großteil unseres Personals wieder an Bord haben. Es gibt genug Berufsgruppen, die aktuell gar nicht arbeiten können.“

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