Kunst und Kohle

Viel Kohle für die Museen

Foto: Tanja Pickartz

Glück auf.   17 Städte und 13 Museen zeigen „Kunst & Kohle“ – das bislang größte Ausstellungsevent an Rhein und Ruhr – zum Ende des Steinkohlebergbaus.

Nutz- und sinnlos schöne Künste? Weit gefehlt. „Little New York“, was das Ruhrgebiet als „City of the Cities“ zwischen Emscher und Ruhr ist, macht vor, wie Künstlerisches bewegt: Das Ausstellungsabenteuer „Kunst & Kohle“ ist das Highlight kreativer Energien 2018.

Nur zu: Flugs über den niederrheinischen Gartenzaun geguckt zum nachbarschaftlichen Klön mit dem Revier rund um Bochum, Dortmund, Essen, Gelsenkirchen, Recklinghausen, wo derzeit, geballt wie nie, im Rahmen der von der RAG-Stiftung gestemmten Initiative „Glückauf Zukunft!“ Kunst an allen Ecken und Enden ins Auge springt.

Von Arschledern, schwattem Gold und Püttrologen

Weil boomt, was Bildergeschichten zum „schwatten Gold“ in Historie und Kultur von Rhein- und Ruhrland und darüber hinaus sind.

Seit Anfang Mai sind die „Kunst & Kohle“-Kosmen parallel in 17 Museen und 13 Städten mit rund 150 Positionen aus dem Bereich Malerei, Skulptur, Installation, Video und Fotografie Gesprächsstoff.

Das Schöne daran: Debattiert wird auch im Biergarten, im Café: was Kohlesäcke auf Dach und Fassade des Herner Schlosses Strünkede zu suchen haben, was der „Reichtum der Kohle“ in der Vergangenheit bescherte oder auch nicht, wie es „mit ohne“ Koks weitergeht in Deutschlands Strukturwandelregion Nr. 1. Das Füllhorn Kunst zum Thema Kohle macht mobil: tatsächlich und im Kopf.

Zum Ende des deutschen Steinkohlebergbaus kommt die Kohle ins Museum – was für ein Mammutprojekt!

Der Anlass fürs bis dato größte Ausstellungsevent im Revier ist von historischer Gravität, verbindet Ruhr- mit Rheinland. Ende des Jahres ist endgültig Schicht im Schacht für den Steinkohlenbergbau in Deutschland. Dann schließen nach langem Zechensterben die letzten beiden „Pütts“ Prosper Haniel in Bottrop und das Bergwerk Ibbenbüren.

Das „Steigerlied“ aber wird weiterleben. Auch am Niederrhein, wo schon 1971 die Zeche Rheinpreußen in Homberg, Moers geschlossen wurde, und wo vor sechs Jahren dem Bergwerk West in Kamp-Lintfort das Aus beschieden war.

Wie geht es mit ohne Koks weiter?

„Danke Kumpel“ wird es jetzt für alle Anfang November zeitgleich an den vier RAG-Standorten Bottrop, Dinslaken, Essen und Hamm heißen. Es ist der Abschied des deutschen Steinkohlenbergbaus für die Bevölkerung an Rhein und Ruhr. Danke Kumpel!

Das Thema solidarisiert: Alltag, Kunst, Politik. Im Revier war sich die Museumsszene einig: „Schwatte Klüsen“, „Pütt und Püttrologen“, „Arschleder“ und „Ortsbrust“, die die Arbeit unter Tage und deren Menschen prägten, dürfen nicht einfach sang- und klanglos verschwinden.

Die Kunst verneigt sichvor dem Leben

Und so hatten es die RevierKunstMuseen schon kurz nach dem Kulturhauptstadtjahr Ruhr 2010 beschlossen: Fürs Kohlebergbau-Ende müssen nachhaltig kapitale Bilder und Ausstellungen mit Geschichten zur Geschichte her. Die Kunst verneigt sich vor dem Leben. So soll es sein.

Dafür hat man einig wie nie kooperiert. Der damals noch junge, 2008 gegründete Museumsbund der vereinigten RuhrKunstMuseen (RKM) ist über sich hinausgewachsen. Heute stehen kleine und große Ausstellungshäuser side-by-side, zeigen gemeinsam Kante. Ihr zehnjähriges Jubiläum feiert der RKM-Bund mit dem Mega-, Mammut-, Marathon-, Super-Kunstausstellungsparcours „Kunst & Kohle“.

Wer hinguckt, kann viel lernen. Über Identität, Wehmut, Aufbruchstimmung

Auf dass Rhein- und Ruhrländer bis September Kunst mit geballter Macht „umme Ecke“ ackern sehen können: fürs Erinnern, fürs Vergegenwärtigen, fürs Thematisieren. Nix da, wer meint, Kunst bewirke nix. Alles andere als weltfremd ist der Ausstellungsmarathon „Kunst & Kohle. Wer hinguckt, kann viel lernen. Über Identität, Wehmut und Aufbruchstimmung.

Jedes der 17 Museen hat dem Blick aufs „Grubengold“ einen individuellen Schliff verliehen. Was das kohlenrabenschwarze „Schwarz“ in allen Varianten ausmacht etwa.

Oder was der „Schichtwechsel“ bedeutet, wenn bergmännische Laienkunst auf Gegenwartskunst trifft, wie die „Ideallandschaft : Industriegebiet“ aussieht, wie hochpolitisch „The battle of coal“ geschlagen wurde und was die Jutesäcke zur Verhüllung eines Schlosses als Beitrag zum globalen „Coal Market“ bedeuten, ist so staunenswert wie erhellend.

Viele Fragen werden uns weiter beschäftigen. Wie gehen wir mit der Bergbau-Architektur um, zum Beispiel? Musuem oder Event-Kulisse?

Jedenfalls bewirkt das funkelnde Angebot bei so manchem eingeschworenen „Ruhri“, mal den Blick über’n Tellerrand des „Potts“ hinauszuschicken. Wobei es ja nur allzu menschlich ist, dass die Menschen „vonne Ruhr“, und umgekehrt, die vom Rhein, bisweilen aus den Augen verlieren, dass Revier und Niederrhein Nachbarn sind mit Wurzeln im Flöz. Eine gemeinsame Kohlegeschichte schrieb man.

Bis in die Zukunft hinein wird es gemeinsame Fragen geben. Erst stirbt die Zeche, dann die Stadt ist so eine Frage. Eine andere: Wie gehen Städte mit ihrer Bergbau-Architektur um? Musealisierung? Event-Kultur? Was wollen wir nachfolgenden Generationen vom Leben unterm Förderturm erzählen? Das „Kunst & Kohle“-Projekt ist dafür ein phantastisches Pfund. Bewegend. Visionär. Glückauf Zukunft an Rhein und Ruhr!

Das Ausstellungsprojekt

>>>> 17 RuhrKunstMuseen nehmen das Ende der deutschen Steinkohleförderung zum Anlass für das größte städteübergreifende Ausstellungsprojekt, das je zu diesem Thema umgesetzt wurde. In 13 Städten werden von Mai bis September 2018 zeitgleich über die gesamte Region hinweg künstlerische Positionen gezeigt, die sich auf unterschiedliche Art und Weise mit dem Thema „Kohle“ auseinandersetzen. In Duisburg gibt es „Kunst und Kohle“ im Museum Küppersmühle, im Lehmbruckmuseum und im Museum DKM.

www.ruhrkunstmuseen.com

www.rag-stiftung.de

www.glueckauf-zukunft.de

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