Apothekensterben

Warum so viele Apotheken in NRW um ihre Existenz kämpfen

Beratung, Service, Verkauf – Apotheken haben einen wichtigen Platz im Gesundheitssystem. Doch viele Apotheker kämpfen um ihre wirtschaftliche Existenz. Das hat Auswirkungen aufihre Kunden, gerade in ländlichen Regionen.

Beratung, Service, Verkauf – Apotheken haben einen wichtigen Platz im Gesundheitssystem. Doch viele Apotheker kämpfen um ihre wirtschaftliche Existenz. Das hat Auswirkungen aufihre Kunden, gerade in ländlichen Regionen.

Foto: dpa Picture-Alliance / Heiko Wolfraum

An Rhein und Ruhr.   Keine Nachfolger und günstige Online-Konkurrenz. Apotheken in NRW kämpfen um ihre Existenz. Viele haben schon aufgegeben und geschlossen.

Das große rote Apotheken-A ist mit weißer Folie überklebt, das Ladenlokal dunkel und verwaist, die Theke, über die vor wenigen Wochen noch Rezepte und Medikamente wanderten, leergeräumt. Wieder einmal hat eine Apotheke für immer ihre Türen geschlossen.

Die Gesundheitsbranche ist in großer Aufruhr, es mangelt nicht nur an Ärzten und Pflegekräften, auch die Apotheker habe starke Probleme, warnt die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). Denn immer mehr Apotheken müssen schließen: im Jahr 2018 waren es deutschlandweit 325 Betriebe, ein Rückgang von 1,6 Prozent – Höchststand. Die Apothekendichte sei damit von 24 auf 23 Apotheken pro 100.000 Einwohnern zurückgegangen und liegt deutlich unter dem EU-Schnitt von 31, so die ABDA.

Versorgung der Bevölkerung ist noch nicht in Gefahr

Eine Entwicklung, die auch Thomas Preis, Vorsitzender des Apothekerverbands Nordrhein gemacht hat: „Wir haben seit Jahren einen Rückgang der Apothekenzahlen. Und der Trend hält an. In diesem Jahr werden wohl noch mehr Apotheken schließen als im vergangenen Jahr.“ Zwar sei die Versorgung der Bevölkerung noch nicht gefährdet, doch die Wege zu den verbliebenen Apotheken würden für viele Kunden länger.

Das sei gerade am Niederrhein ein großes Problem, weiß Ulrich Schlotmann, Apotheker aus Goch. Allein im Kreis Kleve sank die Zahl von 75 Apotheken im Jahr 2000 auf nur noch 60 Betriebe im vergangenen Jahr. Und: „Ein Ende ist noch nicht abzusehen“, so Schlotmann. Die Gründe sind unterschiedlich: „Zum einen haben wir ein Nachwuchsproblem. An den unteren Niederrhein will kaum noch ein junger Apotheker. Viele Kollegen, die in den Ruhestand gehen, finden deshalb keinen Nachfolger.“

Hinzu kämen oftmals eine schlechte Anbindung und andere wirtschaftliche Aspekte: „Die Erträge für selbstständige Apotheker sind hier oft niedrig. Deshalb ist es für den Nachwuchs nicht attraktiv, eine Apotheke am Niederrhein zu übernehmen.“

Auch Apotheken in Großstädten haben Probleme

Aber auch in der Stadt habe der wirtschaftliche Druck zugenommen, wie ein Pharmazeut aus Essen bestätigt, der erst vor kurzer Zeit seine Apotheke schließen musste. Durch die Einführung der Einzelzimmerquote in Pflegeheimen sei die Nachfrage bei Bestellungen in seiner Apotheke zurückgegangen und auch das Internet spiele eine Rolle: „Manche kommen in die Apotheke, lassen sich beraten und bestellen dann im Internet.“

In Essen hätten in den ersten Monaten des Jahres bereits fünf Apotheken dauerhaft ihre Türen geschlossen, so der Apotheker. Denn auch hier würden Nachfolger fehlen. „Viele wollen das Risiko Selbstständigkeit nicht mehr eingehen. Außerdem kommt noch hinzu, dass von Banken oft kein Geld mehr kommt, weil die Zukunft zu ungewiss ist.“ Eine Essener Pharmazeutin, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, pflichtet bei: „Viele Apotheken kommen kaum noch über die Runden. Es wird immer schwieriger und es werden noch mehr Apotheken sterben.“

Fahrten zu Notdienstapotheken werden länger

Während in vielen größeren Städten die Apothekendichte noch recht hoch ist, werden die Wege in Vorstädten und ländlichen Regionen zunehmend länger, gerade bei Not- und Nachtdiensten, so Ulrich Schlotmann: „Die Apotheken, die übrig bleiben, müssen jetzt natürlich häufiger Notdienst machen. Ich mache etwa 24 Nacht- und Sonntagsdienste im Jahr. In der Fläche müssen die Menschen inzwischen oft tatsächlich die vorgeschriebene höchste Distanz von 15 Kilometern bis zur nächsten Notdienstapotheke fahren.“

Um wenigstens die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen vieler Apotheken zu verbessern, müsse die Politik handeln, so Thomas Preis vom Apothekerverband Nordrhein: „Die Gleichpreisigkeit bei Medikamenten muss auch für ausländische Anbieter gelten, damit niedergelassene Apotheken mithalten können. Optimal wäre außerdem, den Versandhandel für verschreibungspflichtige Medikamente zu verbieten. Das ist schon in 21 von 28 EU-Ländern der Fall. Es wäre gut, wenn Deutschland da mitzieht.“

>>>Apothekensterben in NRW

In Nordrhein-Westfalen ist die Zahl der Apotheken innerhalb von zehn Jahren um 622 gesunken. Während es im Jahr 2008 noch 4747 Apotheken in NRW gab, sollen es 2018 noch 4125 gewesen sein, so der Apothekerverband Nordrhein.

Auf das Apothekensterben hat im vergangenen Jahr auch der Essener Pharmagroßhändler Noweda mit einer Kampagne aufmerksam gemacht. Auf Plakaten hieß es: „Alle 38 Stunden schließt in Deutschland eine Apotheke. Für immer.“

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