Corona

Virologe warnt: „Wir müssen uns noch konsequenter schützen“

Menschen mit Schutzmasken gehen am Samstag,25:April.2020, durch die Düsseldorfer Innenstadt. Ab Montag,26.04.2020 ist das Tragen einer Atemmaske Pflicht in NRW. Foto: Kai Kitschenberg / FUNKE Foto Services

Menschen mit Schutzmasken gehen am Samstag,25:April.2020, durch die Düsseldorfer Innenstadt. Ab Montag,26.04.2020 ist das Tragen einer Atemmaske Pflicht in NRW. Foto: Kai Kitschenberg / FUNKE Foto Services

Foto: Kai Kitschenberg / FUNKE Foto Services

An Rhein und Ruhr.  Der Essener Virologe Mirko Trilling warnt davor, Corona auf die leichte Schulter zu nehmen. Die Lage drohe sich dramatisch zu verschlechtern.

Die Corona-Lage spitzt sich weiter zu: Am Freitag meldete das Robert-Koch-Institut über 7300 Neuinfektionen an einem Tag. Damit steigt die Zahl über den Höchstwert im Frühling. Was bedeutet das für die Bürgerinnen und Bürger? Auf welche Werte müssen wir jetzt besonders achten? Und warum hat fast jedes Bundesland seine eigenen Corona-Regeln? Darüber sprach unser Reporter Dennis Freikamp mit Mirko Trilling, Virologe am Uniklinikum Essen.

Die Zahl der Neuinfektionen steigt. Aber lassen sich die Zahlen zu Beginn der Pandemie überhaupt mit den aktuellen Werten vergleichen? Schließlich wurden die Testkapazitäten im Laufe der Monate stark ausgebaut. Ist es nicht wahrscheinlicher, dass es zu Beginn der Corona-Pandemie noch viel mehr Infektionen gab, die aber aufgrund der oftmals milden Verläufe im Vergleich zu heute einfach häufiger unerkannt geblieben sind?

Es ist richtig, dass wir mittlerweile viel mehr Tests pro Woche durchführen. Die Infektionszahlen steigen derzeit leider rasant an. Im Gegensatz zum Frühling sind wir bezüglich der Neuinfektionen derzeit leider noch nicht am Höhepunkt angelangt. Wegen der Steigerung der durchgeführten Tests pro Woche, ist es sinnvoll, sich neben der Zahl an Neuinfektionen auch die Rate der positiven Tests anzuschauen. Wie viele Erregertests weisen ein positives Ergebnis auf? Auch dieser Wert steigt nach Angaben des Robert-Koch-Instituts wieder merklich an. Zum Glück ist die Positivrate vom Ende des März derzeit noch nicht erreicht. Ich hoffe, dass wir diese Situation abwenden können.

Oft ist von der zweiten Corona-Welle die Rede, die bereits an das Ausmaß der ersten Welle heranreiche. Aber sind wir mittlerweile nicht viel besser auf das Virus vorbereitet und können Patienten mit schweren Krankheitsverläufen gezielter und effektiver intensivmedizinisch behandeln?

Wir haben in den vergangenen Monaten einiges über das Virus gelernt und sind dadurch besser vorbereitet als zu Beginn der Pandemie. Aber wir haben leider kein Wundermittel in der Hand. Wir dürfen die Schutzmaßnahmen auf keinen Fall in der falschen Hoffnung vernachlässigen, dass die Medizin das schon hinkriegen würde. Es gibt leider Fälle, in denen die Kolleginnen und Kollegen machtlos sind. Es ist deshalb absolut essenziell, dass sich möglichst wenige Personen infizieren, indem die AHA+C+L-Maßnahmen (Anm. d. Red. Abstand, Hygiene, Atemmaske, Corona-App, Lüften) eingehalten werden. Wenn wir jetzt nicht aufpassen, wird sich die Situation drastisch verschlechtern. Und glauben Sie mir: Selbst wenn die Krankenhäuser besser vorbereitet sind als am Anfang des Jahres, keiner von uns möchte mit COVID-19 auf der Intensivstation landen und künstlich beatmet werden müssen.

Statt einzig und allein auf die Entwicklung der Neuinfektionen zu gucken, fordern einige Kritiker, die Zahl der Intensivpatienten und die sogenannte Hospitalisierungsrate zu beachten: Schließlich würde ein immer kleinerer Anteil der Infizierten schwer erkranken - unter anderem, weil auch der Altersschnitt der positiv Getesteten bis vor Kurzem kontinuierlich gesunken ist. Wäre die Zahl der Intensivpatienten für die Debatte um strengere oder lockerere Schutzmaßnahmen nicht viel wichtiger als die Entwicklung der Neuinfektionen?

Die Hospitalisierungsrate und die verfügbaren Intensivbetten sind auch wichtige Kennzahl. Falls wir jedoch warten, bis die Intensivbetten alle belegt sind, haben wir die Kontrolle bereits verloren. Wir müssen unbedingt vorher handeln. Von der Infektion bis zu dem Zeitpunkt, an dem ein Patient intensivmedizinisch betreut werden muss, vergehen Tage. Die Zahl der Intensivpatienten steigt deshalb zeitverzögert zur Zahl der Neuinfektionen. Wenn wir erst die Maßnahmen einhalten, sobald die Betten belegt sind, ist es bereits zu spät. Das ist wie bei einer Flut. Man muss den Deich aufschippen, bevor die Stadt unter Wasser ist.

Vor dem Hintergrund der ausgebauten Testkapazitäten, der effektiveren Betreuung von Intensivpatienten und den gewonnenen Erkenntnissen aus den vergangenen Monaten: Wie bedrohlich ist die aktuelle Entwicklung der Corona-Pandemie im Vergleich zum Jahresanfang?

Die Lage besorgt mich sehr! Im Gegensatz zur ersten Welle im Frühjahr liegt der ganze Winter ja jetzt noch vor uns. Wenn wir es nicht umgehend schaffen, uns und unsere Lieben konsequent über die Maßnahmen zu schützen, werden wir in diesem Herbst und Winter schrecklich hohe Infektionszahlen bekommen. Einige unsere direkten europäischen Nachbarn haben solche Situationen leider teilweise schon erreicht. Das sollten wir unbedingt gemeinsam verhindern.

Bei der politischen Diskussion um Schutzmaßnahmen spielt die Sieben-Tage-Inzidenz eine entscheidende Rolle. Sie gibt die Anzahl der Neuinfektionen innerhalb einer Woche pro 100.000 Einwohner an. Ab dem Wert 50 gelten Kommunen als Risikogebiet. So sollen die Maßnahmen je nach regionaler Infektionslage gelockert oder verschärft werden. Kritiker sagen, dadurch entstehe ein Flickenteppich. Immer mehr Bürger würden den Überblick verlieren, welche Regeln wann und wo gelten. Ein berechtigter Einwand?

Dass es verschiedene Stufen gibt, bei denen die regionalen Maßnahmen verschärft werden, finde ich absolut richtig. Nun kann man vortrefflich darüber streiten, wo die präzisen Grenzwerte liegen sollen. Wenn in Duisburg die Grenze bei 50 und in Düsseldorf plötzlich bei 60 läge, könnte das aus meiner Sicht niemand nachvollziehen. Die Menschen wollen meiner Einschätzung nach doch eher eine Vereinheitlichung der Maßnahmen. Gleichzeitig steht die Politik natürlich vor der Herausforderung, Einheitlichkeit, Verhältnismäßigkeit und Zielgenauigkeit miteinander zu verbinden. Wenn man sagen würde, man orientiert sich bundesweit am Inzidenzwert der am schlimmsten betroffenen Region, gebe es voraussichtlich einen Aufschrei in der Bevölkerung in Regionen mit wenigen Fällen. Die Orientierung der regionalen Maßnahmen an solchen Kennzahlen ist aus meiner Sicht also ein sehr sinnvoller Kompromiss.

Zu Beginn der Pandemie wurde in der Berichterstattung häufig über die Reproduktionszahl diskutiert. Mittlerweile gibt es neben dem R-Wert auch die Sieben-Tage-Inzidenz, die Anzahl der Neuinfektionen und die Hospitalisierungsrate. Da kann man als Medizin-Laie schon mal schnell den Überblick verlieren. Welcher Wert ist denn jetzt wie aussagekräftig?

Die Politiker und deren Berater schauen sich diese und viele andere Zahlen sehr genau an. Es reicht nicht, sich nur auf einen einzelnen Wert zu fokussieren. Alle Wert sind in bestimmten Situationen wichtig. Die infektiologische Entwicklung lässt sich nicht nur mit der Reproduktionszahl oder Sieben-Tage-Inzidenz vollständig beschreiben. Die Welt ist da leider nicht so einfach, wie einige Journalisten oder Bürger sie gerne hätten. Ich bin aber sehr positiv überrascht, wie viel die Bevölkerung mittlerweile von diesen komplexen Zusammenhängen versteht.

Welche weiteren Werte spielen aus Ihrer Sicht bei der Bewertung der Corona-Lage eine wichtige Rolle, die bislang in der medialen Berichterstattung eher untergegangen sind?

Die von mir bereits genannte Rate der positiven Testergebnisse. Die wird in der Presse nicht so häufig diskutiert, ist aber aus meiner Sicht für die Einordnung der Corona-Lage sehr wichtig, weil sie viel über das Infektionsgeschehen in der Bevölkerung aussagt. Es macht einen großen Unterschied, ob beispielsweise 0,2 Prozent oder 12 Prozent der Verdachtsfälle ein positives Testergebnis aufweisen.

Zu Beginn der Pandemie gab es viele kleinere Infektionsherde in Schlachtbetrieben, auf Hochzeitsfeiern oder in Schulen und Kitas. Mittlerweile berichten immer mehr Städte, das Infektionsgeschehen lasse sich nicht mehr auf einzelne Cluster zurückführen, sondern verbreite sich flächendeckend in der Bevölkerung. Was bedeutet das für die geltenden Corona-Schutzmaßnahmen?

Daraus leiten wir ab, dass die Maßnahmen – sofern sie denn konsequent eingehalten werden – sehr gut schützen. Es treten scheinbar nur dort große Cluster auf, wo die Maßnahmen nicht ausreichend strikt befolgt wurden. Mit dem Ergebnis, dass die Infektionszahlen rasant ansteigen. Wir müssen uns also alle dringend noch konsequenter über die Maßnahmen schützen.

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