Cyber-Kriminalität

Von Düsseldorfer Geldautomaten Konten in Afrika leergefegt

Teil eines kriminellen Netzwerkes, das Banken in Afrika manipuliert und von deutschen Bankautomaten Geld abgehoben hat – der Angeklagte Ibrahim K. vor Gericht. Am Dienstag begann in Düsseldorf der Prozess.

Teil eines kriminellen Netzwerkes, das Banken in Afrika manipuliert und von deutschen Bankautomaten Geld abgehoben hat – der Angeklagte Ibrahim K. vor Gericht. Am Dienstag begann in Düsseldorf der Prozess.

Foto: Kai Kitschenberg

Düsseldorf.   Der Angeklagte aus Benin war Teil eines kriminellen Netzwerks. An einem Tag wurde eine Million Euro in Essen, Düsseldorf oder Duisburg abgehoben.

Kriminelle Banden bestehen in der Regel aus Köpfen, die Pläne aushecken und Mitgliedern, die diese Pläne ausführen. Ibrahim K., (40) beninischer Staatsbürger mit Wohnsitz in Düsseldorf, verheiratet mit einer Deutschen, dürfte diesbezüglich ein eher kleiner Fisch sein, auch wenn seine Anklageschrift bereits 70 Seiten umfasst und der Schaden allein seiner Transaktionen an hiesigen Bankautomaten aus dem Jahr 2017 in die Hunderttausende geht.

Seit gestern steht der West-Afrikaner in Düsseldorf vor Gericht, die Staatsanwaltschaft wirft ihm (als denjenigen, den man aus einer international vernetzten kriminellen Gruppierung hat schnappen können) Computerbetrug und Geldwäsche vor, zusätzlich soll der Angeklagte seine eigene Frau sexuell genötigt haben, indem er gegen ihren Willen sexuelle Handlungen an ihr vornahm und diese mit einem Handy filmte. Sie soll bei den Handlungen geweint haben.

136 einzelne Anklagepunkte zählt die Anklage zu Komplex eins, zwei befassen sich mit dem Sexualdelikt. Es scheint , als hätte beides nichts miteinander zu tun, und dann fügt sich am ersten Prozesstag doch einiges zusammen zu dem Bild eines entwurzelten Menschen, dessen Halt wohl seine Frau war, mit der er 12 Jahre verheiratet ist und die, wie Ibrahim K. aussagt, finanziell für ihn gesorgt hat: „Ich habe aus ihrer Tasche gelebt.“

Das gesamte Wissen des Angeklagten steckt im Handy

Das erzählt er, während er seinen Lebenslauf schildert. Zur Tat, dem Bankenbetrug per Schadsoftware sagt es nichts, dazu gibt sein Anwalt eine Erklärung ab. Er habe festgestellt, sagt der Pflichtverteidiger, dass es sehr schwierig für seinen Mandanten sei, die technischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge der Tat zu begreifen, auch die Anklageschrift habe er nur teilweise verstanden. K.s gesamtes Wissen habe er in seinem Handy gespeichert, Telefonnummern, Kontakte, Kurznachrichten, ansonsten sei er kaum in der Lage, sich schriftlich zu äußern.

Aber – mit Visakarten Tausende Euro ziehen, Hotelzimmer buchen für Bandenmitglieder, mit erbeuteten Geld einen Mini Cooper Countryman kaufen, Gelder nach Frankreich transferieren, wo der „Papa Jack“ genannte Kopf der Bande es entgegennahm – dafür soll es laut Anklage der auf Internetkriminalität spezialisierten Zentralstelle Cybercrime der Staatsanwaltschaft Köln gereicht haben.

Seit 2014 versucht die Zentralstelle Cybercrime NRW mit zwei Dutzend spezialisierten Staatsanwälten, der wachsenden Zahl an kriminellen Aktivitäten im Internet auch juristisch Herr zu werden. Wie perfide und dreist solche Betrügereien angelegt sind, offenbart die Anklageschrift.

80 Abhebungen vom Konto wurden manipuliert

Ibrahim K. soll 2017 jenem afrikanisch-europäischen Netzwerk angehört haben, dessen „Spezialisten“ afrikanische Banken mit Schadstoffsoftware infizierten, dann afrikanische Bankkonten eröffneten und Kreditkarten bekamen, mit denen sie von Automaten in Frankreich, der Schweiz und Deutschland viel, sehr viel Geld abhoben. Natürlich waren die Konten nicht im Ansatz gedeckt.

Im Januar 2017 wurde beispielsweise durch einen fingierten Stromausfall Schadstoffsoftware in sensible Bereiche der westafrikanischen Banque Gabonaise Internationale (GBI) eingeschleust, mit der man Zugang zur Kontenverwaltung bekam. Man erhöhte sich selbst das Volumen möglicher Tagesabhebungen von 1000 auf 80.000 Euro. Bei anderen afrikanischen Banken wurden statt drei bis zu 80 Abhebungen am Tag mit 160.000 Euro Volumen möglich gemacht.

Die Kasse klingelte dann an den deutschen Geldautomaten – beispielsweise in der Nacht vom 3. auf den 4. Februar 2017 gab‘s über eine Million Euro frisch von Geldautomaten in Mönchengladbach, Düsseldorf, Duisburg und Essen.

Benin ist ein kleines, armes Land

Ibrahim K. will die Staatsanwaltschaft im November 2017 eine Transaktion in Düsseldorf nachgewiesen haben, zwischen 5.51 Uhr und 13.08 Uhr soll er in Düsseldorf 244.550 Euro abgehoben haben. Mit Teilen des Geldes soll er seinen Lebensunterhalt bestritten haben.

Aus Sicht des Angeklagten dürfte er sich da finanziell verbessert haben. Benin ist ein kleines, armes Land, über die Lebensumstände der Menschen dort wissen wir hier so gut wie nichts.

Mehrmals fragt Richterin Bettina Reucher-Hodges nach, wie lange K. zur Schule gegangen sei – irgendwie in der Zeit zwischen dem 4. und dem 14. Lebensjahr; K. erzählt vom Tod des Vaters, von 14 Halbgeschwistern und drei echten und dass seine Mutter etwa 90 Jahre alt sein müsste, genau weiß er es nicht. Der Vater eine Transportfirma gehabt, dort hätten alle gearbeitet. Frachtpapiere, Zoll, Steuern? Achselzucken.

2001 schließlich sei er nach Deutschland gekommen, doch sein Asylantrag in Mecklenburg-Vorpommern sei abgelehnt worden, „weil es in Benin keine politische Verfolgung gibt“, sagt er.

„Ich liebe und ehre meine Frau“

Er zieht nach Düsseldorf zu Bekannten, lernt seine Frau kennen, sie gehen extra nach Benin, um zu heiraten, kehren nach Düsseldorf zurück. Ab und zu steuert Ibrahim K. ein paar Hundert Euro zum Familieneinkommen bei. Und Ibrahim K. lässt seinen Anwalt vorlesen: „Ich liebe und ehre meine Frau und habe ihr nie Gewalt angetan!“

Seine Frau, die Zeugin M., ist eine gepflegte Frau von 54 Jahren, Finanzbuchhalterin, sie wird an diesem Tag ebenfalls aussagen, allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit, um ihre Intimsphäre zu schützen. Die Geschichte dieser Ehe bleibt also unter Verschluss. Eine tragische Wendung bekommt sie dennoch.

Ibrahim K. ist, das gibt er auf die obligatorische Frage nach Erkrankungen zögerlich zu, HIV-infiziert, er wird bereits mit speziellen Medikamenten behandelt. Seine Frau, sagt der Anwalt, sei bereit, diese weiterhin zu zahlen.

Fünf weitere Verhandlungstage sind angesetzt, mehrere Jahre Haft sind möglich.

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