Zum Muttertag

Von Tochter zu Mutter: Erinnerungen an ein prallvolles Leben

Mutter und Tochter, Urlaub im bayerischen Wald, 1967.

Mutter und Tochter, Urlaub im bayerischen Wald, 1967.

An Rhein und Ruhr.   Der Muttertag macht sie irgendwie alle gleich. Dabei hat jede Mutter auch ihr eigenes Leben als Frau gelebt. Das meiner Mutter war prallvoll.

Meine Mutter ist in diesem Mai 83 Jahre alt geworden, es ist an der Zeit, über sie zu schreiben. Wann, wenn nicht zum Muttertag? Dabei entspricht sie gar nicht so sehr dem Ideal einer sich stets aufopfernden Mutter, Gott sei Dank. Meine Mutter ist immer handfest, pragmatisch und von gesundem Egoismus gewesen, wenn es darum ging, die schönen Dinge des Lebens zu genießen. Und das war gut so. Heute zeigt sie mir, dass Altwerden kein Zuckerschlecken ist. Einerseits. Aber andererseits, dass der Mensch zu vielem fähig sein kann, wenn er nur will. Dafür bewundere ich sie sehr.

Was eine Helikopter-Mutter ist, weiß meine Mutter gar nicht. Als Kind habe ich trotzdem alles gehabt, was man braucht, Wärme, Liebe, Strenge, Lässigkeit und Freiheit. Und als halbwegs Erwachsene habe ich, eher eine Skeptikerin, oft staunend zur Kenntnis genommen, mit welcher Leichtigkeit sich meine Eltern der Zukunft anvertrauten, wie sie gleichzeitig sparsam und freigiebig waren, wie ausgelassen sie feiern konnten und wie sorglos in den Urlaub fahren – ohne Ipad, Handy, ja überhaupt ohne Telefon.

Die Ehe meiner Eltern war glücklich, soweit ich es beurteilen kann. Als sie sich kennenlernten, war meine Mutter 17 Jahre alt und wirklich schön, groß und schlank mit einer Taille, wie gemacht für Petticoats und breite Gürtel.

Vieles davon hatte meine Oma selbst genäht, die Familie war arm, Großvater war aus dem Krieg als Invalide heimgekehrt und es gab fünf ältere Geschwister, die alle Hunger hatten. Auf alten Bildern stehen sie nebeneinander, blass und dünn wie Heringe, und wenn wir uns die Fotos heute anschauen, fällt meiner Mutter immer dasselbe ein: „Kartoffelschalen. Die haben wir gekocht. Und aus Brennnesseln Spinat gemacht! Und Opa hat die kleinen Katzen ertränkt, weil wir nicht wussten, wie wir sie füttern sollten. Aber nur ein einziges Mal“.

Am Fließband gearbeitet und „Kostgeld“ abgegeben

Meine Mutter, Jahrgang 1936, hatte die Grundschule noch regelmäßig besucht, „danach saßen wir mehr im Bunker als auf der Schulbank“. Sie stand mit 16 in der Schirmfabrik in Wuppertal am Fließband und gab Zuhause „Kostgeld“ ab, bis mein Vater kam in seiner Lederjacke, mit seinem Motorrad und einer Festanstellung als Maschinenschlosser. Das versprach bescheidenen Wohlstand in einer neuen 50-Quadratmeter-Wohnung, mit gelb-gekacheltem Bad, Cocktailsesseln, Schleiflackschränken und einer bonbonfarbenen Küche, alles bar bezahlt.

Mutter war 22, als sie ihr einziges Kind bekam. Sie war nicht streng, vielleicht etwas überfordert. An zwei ernste Auseinandersetzungen kann ich mich erinnern, bei denen ich kurz Angst vor ihr hatte – einmal, weil ich als kleines Mädchen eine Mark im Konsum verloren hatte, denn eine Mark war damals viel Geld. Später dann hatte eine boshafte Nachbarin uns verpetzt, weil sie uns im Bus beim harmlosen Flirt mit den großen Schuljungs beobachtet hatte. Mutter tobte.

Sie hat Wäsche gemangelt, Staubsaugertüten geklebt

Meine Mutter hat keinen Beruf erlernt, aber immer Jobs gemacht – sie hat Wäsche gemangelt oder Staubsaugertüten zusammen geklebt. Ansonsten war sie die typische, moderne Hausfrau eines aufstrebenden Arbeiterhaushalts, deren eigene Mutter noch geblümte Kittelschürzen getragen hat.

So lange ich denken kann, war meine Mutter schick. Knallbunt gemusterte Perlonkleider, die ersten Hosenanzüge, große Plastikohrringe, Steg- oder Schlaghosen, auch im Alter nie senioren-beige. Und die Frisuren erst – sie versteckte die Haare unter einer voluminösen roten Perücke, dann trug sie einen Dutt, ließ sie kurz schneiden, noch schwärzer färben.

Meine Mutter wurde dick,wieder dünn, wieder dick, in den Siebzigern griffen Diäten um sich wie eine Epidemie, Atkinsdiät, Kohlsuppendiät, FdH. Die Frauen im Block tauschten die absurdesten Rezepte und teilten sich Appetitzügler, die man in der Apotheke bekam.

Ich wurde ein Teenager mit außerordentlich vielen Freiheiten. Vielleicht hat meine Mutter mir vertraut, vielleicht sah sie einfach keinen Sinn mehr darin, weiter zu erziehen. Ich musste nicht super-pünktlich zuhause sein, aber wenn es dunkel war, stand sie stets oben im sechsten Stock am Fenster und wartete, bis ich mit dem Mofa die Straße heraufkam. Sie verlor nie ein Wort über Zigarettenqualm aus meinem Zimmer und äußerte auch nur verhalten ihren Missmut, wenn ihr einer meiner Freunde nicht gefiel.

Mit dem Inhalt meines Studiums konnte sie nicht viel anfangen, auch unser Engagement gegen das Waldsterben, atomares Wettrüsten, Pershing 2 und SS 20 waren ihr suspekt: „Kind, muss das sein? Die Russen und die Amis sind sich insgeheim doch sowieso einig...“.

Doch wenn ich als Studentin mal wieder umzog, mischte sie sich mit Vater unter die jungen Helfer und schleppte wie ein Möbelpacker.

Kinderfahrräder und Fußballschuhe stehen im Flur

Zupackend war meine Mutter immer schon. Doch jetzt, im Alter, zähle ich sie auch zu den tolerantesten Menschen, die ich kenne. Wer mit wem wie zusammenlebt, ist ihr egal, die Hautfarbe, die Religion, das Einkommen kümmert sie nicht, ebenso wenig, ob Türken, Russen oder Portugiesen ins Hochhaus einziehen, in dem sie seit 50 Jahren lebt. Sie ist stets die erste, die sich bei den Neuen vorstellt und würde niemals der Hausverwaltung petzen, dass Kinderfahrräder, Roller oder Fußballschuhe auf dem Flur stehen.

Dafür freut sie sich, wenn ihre türkische Nachbarin zu ihr hochkommt, um auf dem Balkon eine Zigarette zu rauchen, ohne dass ihre Kinder das sehen. Dann raucht Mutter noch einmal mit, auch wenn ihr schwindelig wird. Nur über Erdogan reden die beiden nicht, ganz bewusst.

Als ich selbst eine Familie gründete, wurden meine Eltern Rentner und verbrachten viele schöne Jahre miteinander. Es war für meine Mutter ein Schlag, als mein Vater dann doch noch so krank wurde, wie sie es nie gedacht hatte.

Sie hat mit harten Bandagen gekämpft, ihn möglichst lange am Leben zu halten. Sie hat ihn getriezt und getrieben, wenn er nicht aufstehen wollte, sie hat ihn geherzt und gepflegt – rigoros und gründlich, bis es nicht mehr ging und sie loslassen musste.

Sie ist auch nicht unverwundbar

Nun ist sie also seit mehr als zwei Jahren alleine. Eine Krebserkrankung vor anderthalb Jahren hat ihr klar gemacht, dass auch sie nicht unverwundbar ist. Sie hat die OP tapfer weggesteckt und die dreiwöchige Reha danach genossen, weil man sich so nett um sie gekümmert hat.

Dem Psychologen, der wissen wollte, ob der Krebs ihr Angst macht, hat sie von vergangenen Urlauben in Dänemark vorgeschwärmt. Nein, in der Regel schlafe sie gut, hat sie versichert, was dazu führte, dass die Krankenkasse einer psychisch so stabilen Frau keine Folgekur bewilligte. Das hat sie allerdings ernsthaft enttäuscht.

In letzter Zeit kreist sie sehr um sich selbst, wir telefonieren jeden Tag, sie hat Schwindel hier und Rücken da, müde Beine und manchmal keine Lust auf gar nichts. Aber sie macht tapfer weiter, fährt mit der Awo nach Ostfriesland, spielt mit den Nachbarn „Mensch ärger dich nicht“ und wehrt sich dagegen, mit dem Rollator einkaufen zu gehen: „Ich bin noch nicht so weit, oder? Sag du doch mal was!“.

Mein Vater fehlt ihr. Das spüre ich und ich muss sagen, dass es mir für sie richtig weh tun.

>>>>>Der Muttertag

Ursprünglich stammt die Idee einer politischen Mütterbewegung von der US-Amerikanerin Ann Maria Reeves Jarvis, die 1865 den „Mothers Friendships Day“ gründete.

Der erste deutsche Muttertag war am 13. Mai 1923, bewusst unpolitisch initiiert durch den Verband deutschen Blumengeschäftsinhaber. Auch nach dem 2. Weltkrieg blieb der zweite Sonntag im Mai als Datum.

Laut Einzelhandelsverbänden gibt jeder Deutsche im Schnitt 25 Euro für Blumen und Geschenke aus, damit liegt der Muttertag vor dem Valentinstag.

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